Nacht unter Tag

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • London: Harper Collins, 2008, Titel: 'A darker domain ', Seiten: 371, Originalsprache
  • Berlin: Argon, 2009, Seiten: 6, Übersetzt: Andrea Sawatzki
  • München: Knaur, 2010, Seiten: 539

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Jörg Kijanski
Der beste McDermid-Roman seit Jahren

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Dez 2008

Juni 2007, Glenrothes. Detective Inspector Karen Pirie arbeitet für die Polizei der Grafschaft Fife im Team für ungelöste Fälle. Als Michelle Gibson ihren Vater Mick Prentice auf die Vermisstenliste setzen will, staunt DI Pirie nicht schlecht, denn Michelles Vater verschwand bereits am 14. Dezember 1984. Damals, auf der Spitze des großen Bergarbeiterstreiks, verließ Mick offenbar seine Familie, um sich einer kleinen Gruppe von Streikbrechern auf deren Weg nach Nottingham anzuschließen. Seitdem war Mick für die Familie gestorben, denn in dem kleinen Ort Newton of Wemyss galten andere Gesetze, nämlich die der Gewerkschaft. Micks Familie musste in den Folgejahren leiden und so hatte niemand das Bedürfnis, den vermeintlichen "Verräter" zu suchen. Doch jetzt ist Michelles kleiner Sohn unheilbar erkrankt und benötigt einen geeigneten Spender für eine Knochenmarktransplantation. DI Pirie und ihr Kollege Phil Parhatka stürzen sich in die Ermittlungen, stoßen jedoch zunächst auf eine Mauer des Schweigens und auf kaum brauchbare Hinweise.

Nur kurze Zeit später bekommen Pirie und Parhatka einen neuen Fall übertragen. Die Journalistin Annabel Richmond hat während ihres Urlaubs in der Toskana eine viel versprechende Spur gefunden, die den Entführungsfall von Cat Grant in neuem Licht erscheinen lässt. Catriona "Cat" Grant, die Tochter des Großindustriellen Sir Broderick Maclennan Grant, wurde im Januar 1985 mit ihrem gerade erst geborenen Sohn Adam entführt und bei einer misslungenen Lösegeldübergabe erschossen. Seitdem fehlt von Adam jede Spur. Sir Grant schaltet die Polizei ein, doch Pirie ist nur halbherzig bei der Sache, da sie der Fall des verschwundenen Bergarbeiters fasziniert. Richmond, die die Story ihres Lebens wittert, reist derweil erneut in die Toskana, um dort weitere Recherchen anzustellen. Nach und nach stellt Pirie währenddessen fest, dass vor nunmehr über zweiundzwanzig Jahren alles ganz anders abgelaufen sein muss, als man ihr einzureden versucht...

Für alle Fans von "Ein Ort für die Ewigkeit" absolute Pflichtlektüre.

Bei einem Debütroman einer unbekannten Autorin würde man sicher zunächst kritisch fragen, warum DI Pirie in einem Fall ermittelt, für den sie streng genommen gar nicht zuständig ist oder warum Sir Grant sie bei der Suche nach seinem Enkel unbedingt dabei haben will, nur um sie später immer wieder auszubremsen. Bei einem "Schwergewicht" wie der schottischen Autorin Val McDermid ist man da schon nachsichtiger und akzeptiert, dass Pirie ein sturer Querkopf ist, der es seinem unfähigen Chef zeigen will und daher häufig unkonventionell vorgeht. McDermid wird schon wissen was sie tut und tatsächlich ist Nacht unter Tag ihr vielleicht bester Roman seit zehn Jahren. Damals erschien Ein Ort für die Ewigkeit.

DI Pirie und DS Parhatka stürzen sich also in die Suche nach Mick Prentice, der angeblich 1984 als Streikbrecher nach Nottingham gegangen sein soll. Ausgerechnet Mick, dem die Gewerkschaft über alles ging, ja sogar mitunter noch vor der Familie stand. Schon bald ergeben erste Befragungen, dass Mick nie nach Nottingham unterwegs war.

 

"Aber hier erst mal die sensationelle Nachricht: Daniel Porteous ist tot."
"Das weiß ich."
"Was du nicht weißt, ist, dass er 1959 starb, im Alter von vier Jahren."
"O Scheiße."
"Besser hätte ich es selbst nicht ausdrücken können. Aber jetzt kommt der Knaller. Im November 1984 hat Daniel Porteous die Geburt seines Sohnes eintragen lassen."

 

Wenige Tage nach seinem Verschwinden gab es einen merkwürdig anmutenden Einsturz in den Höhlen von Wemyss. Sollte Mick dort begraben sein, weil er einen Funktionär dabei beobachtete, wie dieser Geld aus der Gewerkschaftskasse nahm? Hatte Tom Campbell etwas mit der Sache zu tun, der nur wenige Wochen später bei Micks Frau Jenny einzog? Oder ging Mick gar mit seinem besten Kumpel Andy nach Polen, wo die Solidarnosc von Lech Walesa einen neuen Arbeitersozialismus einführen wollte? Apropos Andy, auch seine Spur verliert sich wenige Tage nach Micks Verschwinden.

Die Geschehnisse um die Entführung von Catriona Grant und ihrem Sohn Adam sind genauso merkwürdig und was Pirie von dem damals die Ermittlung leitenden Polizisten Lawson erfährt, scheint dem Ganzen die Krone aufzusetzen. Offenkundig wurden die Ermittlungsakten durch den massiven Einfluss von Sir Grant manipuliert. Doch warum lässt er dann auf seine Kosten Richmond im fernen Italien ermitteln?

Zwei Schritte vor und drei zurück. Großes Kino

Es ist wie schon angedeutet so ähnlich wie bei Ein Ort für die Ewigkeit. Es geht zwei Schritte vor und drei zurück, dazwischen liegen zumeist das Schweigen der Befragten und der Frust der Ermittler. Das zahlreiche Zeugen von damals schon längst verstorben sind, behindert die Polizeiarbeit zusätzlich. McDermid verzichtet erneut auf Action jedweder Art, vielmehr steht die "Atmosphäre" im Fokus. 1984 ist der Bergarbeiterstreik auf seinem Höhepunkt. Die Familien leiden, haben kaum zu essen, selbst die Lichter und Heizungen zuhause bleiben aus, da das nötige Geld fehlt. Dazu gibt es ausführliche Beschreibungen der Landschaft, für die gute englische Crime Novels bekannt sind. Jim Kerry lässt grüßen.

Die meisten Charaktere sind leider ein wenig klischeehaft geraten. Doch geschenkt, denn Nacht unter Tag ist einer der besten Romane außerhalb der Hill-Jordan-Reihe, die die Ausnahme-Autorin bislang verfasst hat. Wenn Pirie einen Zeugen befragt und das Gespräch auf die Vergangenheit bzw. die Ereignisse der Jahre 1984 (Mick) und 1985 (Cat) kommt, folgt meist eine Rückblende. Die Geschichte springt also oft in den Zeitebenen und außerdem wechseln die Szenarios ständig nach wenigen Seiten zwischen Pirie, Richmond und anderen Personen. Am Ende ist es wie bei Ein Ort für die Ewigkeit, die Ereignisse schlagen Kapriolen der besonderen Art. Und dennoch: Nacht unter Tag ist großes Kino!

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