Der lange Atem der Vergangenheit

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • London: Little Brown, 2014, Titel: 'The Skeleton Road', Originalsprache
  • München: Droemer, 2015, Seiten: 442

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Jörg Kijanski
Die Spur führt in die Balkankriege

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mai 2015

Detective Chief Inspector Karen Pirie ermittelt in einem seltsamen Todesfall. In der Turmspitze eines seit zwanzig Jahren stillgelegten Schulgebäudes wird die skelettierte Leiche eines Mannes gefunden, der, wie die weiteren Untersuchungen ergeben, vor rund acht Jahren erschossen wurde. Der Mann könnte aus dem Balkan stammen und so führen Pirie ihre Ermittlungen zu Professor Maggie Blake, einer Spezialistin für den Balkan, die während des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien in Dubrovnik lebte und dabei ihre große Liebe, General Dimitar "Mitja" Petrovic, kennenlernte. Doch Mitja verließ sie vor acht Jahren ohne ein Wort. Maggie vermutet, dass es ihn zurück in sein geliebtes Kroatien zog, wo er womöglich eine Familie zurückgelassen hat. Die Rechtsanwälte Macanespie und Proctor, die für den Internationalen Strafgerichtshof arbeiten, verfolgen derweil eine andere Spur. Auf Kreta wurde ein serbischer Kriegsverbrecher ermordet. Es ist bereits der elfte Fall in dem ein Kriegsverbrecher angeklagt, jedoch vor seiner Verhaftung ermordet wurde. Macanespie und Proctor sollen für ihren neuen Chef die alten Fälle noch einmal aufrollen, damit die Selbstjustiz ein Ende findet. Dabei steht für sie der Name des Serienmörders und einsamen Rächers längst fest: Dimitar Petrovic.

Ein weiterer Fall für Karen Pirie

Einige Zeit war es still geworden um Bestsellerautorin Val McDermid, denn es wollten ihr scheinbar keine guten Werke mehr gelingen. Dann erschien 2009 Nacht unter Tag und plötzlich war sie wieder da, die beliebte Starautorin. Protagonistin der Geschichte war damals DS Karen Pirie, an ihrer Seite Detective Inspector Phil Parhatka. Pirie leitet inzwischen die Abteilung für Altfälle, während Parhatka in eine andere Abteilung wechselte. Allerdings riss der Kontakt der beiden nie ab, im Gegenteil, sie leben inzwischen zusammen. An der Seite von Pirie arbeitet Detective Constable Jason Murray, genannt "Minzdrops", was auch als eine Anspielung auf dessen IQ verstanden werden darf. Hier haben wir den ersten (kleinen) Kritikpunkt am neuen Werk von McDermid, denn warum muss ein erwachsener Polizist permanent als Minzdrop bezeichnet werden und wie schafft es ein Mann wie Murray überhaupt in den Polizeidienst?

Erzählt wird die oben skizzierte Geschichte in mehreren Handlungssträngen. Die Ermittlungen Piries, die Nachforschungen der Anwälte vom ICTFY, dem Internationalen Gerichtshof für Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien, den aktuellen Geschehnissen rund um Professorin Blake und deren Tagebuchaufzeichnungen aus den 1990er Jahren, die sie im Krieg in Kroatien an der Seite ihres geliebten Mitja verbrachte. Durch die ständigen Szenewechsel gelingt es McDermid, das Lesetempo ordentlich hochzuhalten, wobei sich zunächst die spannende Frage stellt, warum Mitja vor acht Jahren spurlos verschwand? Ist er der gesuchte Serienmörder, der ungesühnte Kriegsverbrechen rächen will oder gar die "aktuelle" Leiche, mit der es Pirie zu tun hat?

 

"Die schrecklichen Greueltaten, die sie verübten, lassen sich nicht abstreiten, aber sie sind der Meinung, dass sie einen triftigen Grund hatten. Das ist natürlich Unsinn. Alles, was einer Rache nach dem Prinzip Auge und Auge herauskommt, sind eine Menge blinde Leute."

 

Interessant sind die Rückblicke in die Zeit der Balkankriege und deren Ursprünge Anfang der 1940er Jahre. So könnte man Der lange Atem der Vergangenheit als eine Geschichte über Schuld und Sühne bezeichnen, in der das biblische Rachemotto "Auge um Auge" oberstes Gebot zu sein scheint. Die dargestellten Greueltaten sind jedenfalls nichts für schwache Lesernerven. Diese werden lebendig, denn Pirie muss vor Ort in Kroatien ermitteln und Blake will dort die Familie von Mitja finden, so es diese denn gibt.

 

"Es hängt alles zusammen mit Ethnien und Religion und Völkergruppen. Es ist wie Nordirland multipliziert mit zehn. Rangers und Celtic vervielfacht mit Irrwitz."

 

Der Fall ist packend geschrieben, der zeithistorische Hintergrund interessant und so ist der vorliegende Roman durchaus ein willkommener Thriller-Happen, der allerdings in der zweiten Hälfte deutlich an Spannung verliert. Zu früh wird klar, was es mit der "aktuellen" Leiche auf sich hat und wer sich (mangels Alternativen) hinter dem gesuchten Serienmörder verbirgt.

Der lange Atem der Vergangenheit

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Letzte Kommentare:
09.02.2019 16:25:48
Mabel

Das Buch startet mit einem netten Ausgangs-Rätsel, verliert sich dann aber in den Weiten eines Großkonfliktes und endet absurd und unbefriedigend: 70°

16.08.2018 19:55:36
Rahel L.

Au weia! Dieses Buch wird wieder ganz gewaltig die Vorurteile anheizen über die Blutrünstigkeit und Rachsucht der Serben, Kosovo-Albaner, Kroaten etc. Dies ist auch gar kein Thriller, wie wir ihn von McDermid gewohnt sind, sondern in erster Linie ein (viel zu langer) Bericht über die Gräuel, die im Balkankrieg nach dem Ende der Herrschaft Titos verübt worden sind. Das mag ja alles so oder ähnlich passiert sein, aber ich wollte einen Krimi lesen und kein Geschichtsbuch.
Außerdem hat mich der (traurige)Schluss absolut nicht befriedigt. Die Person, die die Serienmorde verübt hat, ist total unglaubwürdig. Und was wird aus Maggie?

19.10.2016 19:22:53
Anke

Was habe ich mich gefreut, endlich neuen "McDermid-Stoff" in Händen zu halten! Mit Nacht unter Tag hatte Frau McDermid gut vorgelegt, worauf ich auf eine neue spannende Story mit DCI Karen Pirie hoffte.
Leider erfüllte sich dieser Wunsch nicht wirklich: Auf über 400 Seiten wird hier eine Geschichte erzählt, die man gut und gerne auf die Hälfte der Seitenzahl kürzen könnte. Gerade die ersten 150 Seiten ziehen sich wie Kaugummi und ich hatte das Gefühl, dass das Buch irgendwie nicht so richtig "Fahrt" aufnimmt. Auch die komplett durchgängige Bezeichnung des Arbeitskollegen DC Jason Murray als "Minzdrops" und die ständigen Anspielungen auf seine angebliche "Blödheit" (im Sinne von niedrigem IQ) haben mich gegen Mitte des Buches doch ziemlich genervt.Erst am Ende, so auf den letzten 30 Seiten, nimmt Frau McDermid ihren gewohnten Speed auf...doch das kann die Story auch nicht mehr retten. Meiner Meinung nach hängt das Buch zwischen ein bisschen Geschichte und ein bisschen Krimi, aber nichts von beidem wird ernsthaft transportiert.Fazit: Eines der schwachen Bücher von Val McDermid (wobei es nicht viele von den Schwachen gibt)!
Ich freue mich auf den nächsten "Streich" und hoffe auf was Spannendes! ;-)

20.08.2015 10:09:07
Troy

In einem abbruchreifen Haus wird ein Skelett gefunden, die Todesumstände sind mysteriös, was wiederum DCI Karen Pirie von der Cold Case Unit in Edinburgh auf den Plan ruft. Dem Leser wird bald klar, um wen es sich bei dem Toten handelt, bei der Polizei dauert es etwas länger, was aber der Spannung keinen Abbruch tut. Die Spur führt zurück bis in die Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in den Konflikt im ehemaligen Jugoslawien, wo sich die Lebenswege ganz unterschiedlicher Charaktere kreuzen – und das hat Auswirkungen bis in die heutige Zeit.
Keine Angst, die Geschichtslektion ist Gottseidank nicht trocken und fügt sich gut in die Krimihandlung ein. Man erfährt eine ganze Menge über die Verstrickungen von diversen Interessensgruppen in den Balkan-Konflikt, und nicht immer standen noble Absichten dahinter. Aber auch menschliche Schicksale kommen nicht zu kurz. Die Protagonisten – wie oft bei Val McDermid etwas „frauenlastig“ – kommen durch die Bank glaubwürdig rüber, und die verschiedenen Handlungsstränge finden am Ende zueinander. Nicht unbedingt überraschend, aber alles in allem ein spannender Krimi. Gestört hat mich lediglich der Abstecher ins Privatleben der Ermittlerin, der war meiner Meinung nach überflüssig und hat der Geschichte lediglich ein paar gedruckte Seiten mehr gebracht.

27.07.2015 18:35:24
Eule Buer

Auf dieses Buch freue ich mich. Die Tony-Hill-Serie finde ich langweilig und brutal. Mich nervt die Romanfigur des Tony Hill einfach. Selbstmitleid, Selbstüberschätzung, er hält sich für den Besten usw. Darum bin ich froh, daß sich Val McDermid in ihrem neuen Buch nicht mit Tony Hill beschäftigt. Die Buchbeschreibung liest sich schon mal gut an.