Gottesfurcht

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Köln: Emons, 2005, Seiten: 220, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2010, Seiten: 285, Originalsprache

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Andreas Kurth
Bayrische Mundart mit Tiefgang

Buch-Rezension von Andreas Kurth Nov 2008

Hauptkommissar Gerhard Weinzierl hat beschlossen, doch noch einmal in der Karriereleiter empor zu klettern. Er nimmt das Angebot an, im 100 Kilometer entfernten Weilheim in Oberbayern die Leitung der Kriminalpolizei zu übernehmen. Nur hat er versäumt, seine Freundin Jo Kennerknecht in die Planung einzuweihen. Es kommt zum Eklat, und Weinzierl fährt bereits kurz vor Weihnachten nach Weilheim – aber noch bevor er sich den Kollegen auf dem Revier vorstellen kann, nimmt ihn sein Vorgänger Baier mit zu einem Tatort. Im Eibenwald wurde ein Toter gefunden, und für die Esoterikerin Kassandra, die den Mann entdeckt hat, sieht alles nach einem Ritualmord aus. Zunächst gibt es allerdings keine Hinweise auf einen Mord. Doch schon nach wenigen Tagen hat es die Polizei mit zwei weiteren Toten zu tun. Und zwischen den Ermordeten gibt es eine Verbindung, die in deren Kindheit kurz nach dem Krieg zurück reicht. Der Allgäuer Kommissar findet sich durch seinen Ehrgeiz plötzlich im Zentrum eines verzwickten Mordfalls in Oberbayern wieder.

Neben ihrer Reihe um die zwei Kommissarinnen in Garmisch-Patenkirchen hat Nicola Förg auch mit ihren Romanen über Gerhard Weinzierl und Johanna Kennerknecht für spannende Unterhaltung bei ihren Lesern gesorgt. Im vierten Band wird nun also das Duo von der Autorin mutig auseinander gerissen. Förg nutzt die "Flucht" des Kommissars an einen neuen Arbeitsplatz, um ihren Protagonisten weiter zu entwickeln, und ihm neue Charakterzüge zu geben. Nach holperigem Beginn - Leser und Ermittler müssen sich erst an die neue Umgebung gewöhnen – laufen Autorin und Kommissar zu gewohnter Form auf.  Weinzierl überwindet seine anfänglichen Zweifel an dem Ortswechsel, und ein Wiedersehen mit Jo in der Silvesternacht führt zum endgültigen Zerwürfnis. Der Kommissar gibt ab sofort die Rolle des einsamen Wolfs - und das steht dem Grantler aus dem Allgäu ganz ausgezeichnet.

Auch am neuen Einsatzort des findigen Ermittlers würzt Nicola Förg ihre Geschichte mit viel Lokalkolorit. Aber wie gewohnt macht sie das in unaufdringlicher Weise, der Leser erfährt gewissermaßen "en passant" viel über Land und Leute. Insgesamt entwickelt Gottesfurcht deutlich mehr Tiefgang als die drei Vorgängerbände der Weinzierl-Reihe. Dazu trägt die bedrückende, teilweise beklemmende Stimmung an den unterschiedlichen Tatorten bei, die durch die Jahreszeit - die so genannten Raunächte – noch verstärkt wird. Weinzierl ist zwar kein Esoteriker, aber die Hilfestellung von Kassandra – mit bürgerlichem Namen Anastasia Tafersthofer – nimmt er in vielerlei Hinsicht gerne in Anspruch. Die nächsten Folgen der Reihe werden zeigen, ob sie zur neuen Frau an Weinzierls Seite wird – auf die witzigen Dialoge darf sich der Leser dann schon freuen.

Der Tiefgang wird von Nicola Förg vor allem dadurch geschaffen, dass sie die Geschichte in zwei Zeitebenen erzählt. Die Rückblicke der Fuizbuam (Filzbuben, aus dem Moor stammend) auf ihre harte Jugend vermitteln dem Leser mitunter Erkenntnisse, die den Ermittlern erst noch klar werden müssen. Beeindruckend ist die Schilderung der Sozialstruktur eines bayrischen Provinz-Dorfes in den 50er und 60er Jahren. Pfarrer und Großbauern haben das Sagen – Spezl-Wirtschaft, wie sie auch später noch südlich des Weißwurst-Äquators bestens bekannt ist.

Die Morde werden dabei fast zur Nebensache, denn der Lesern wird von den harten Schicksalen in den Bann gezogen und dürfte die eine oder andere Gänsehaut bekommen. Esoterik und Kelten-Forschung spielen eine nette Nebenrolle und sorgen für einige Verwirrung und falsche Spuren. Insgesamt überzeugt der Roman mit griffigen und amüsant zu lesenden Dialogen, die zu der ernsten und teilweise nachdenklich machenden Geschichte im Kontrast stehen. Ohne Jo Kennerknecht läuft Gerhard Weinzierl zu großer Form auf, als Roman-Figur ist ihm die Trennung gut bekommen. Insgesamt ist das Buch außerordentlich flüssig zu lesen, man spürt, dass die Autorin Spaß beim Formulieren hatte. Wer mit einigen Ausdrücken Verständnis-Probleme hat, zieht das Glossar am Ende des Buches zu Rate. Die bayrische Mundart wird insgesamt nicht überstrapaziert, und dennoch wirken die Dialoge stets authentisch. Gottesfurcht ist definitiv der beste Roman aus der Weinzierl-Reihe – und für weitere Folgen ist noch ausreichend Potenzial vorhanden.

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