Gnadenlos

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • London: Bantam, 2006, Titel: 'Relentless', Seiten: 460, Originalsprache
  • München: Heyne, 2008, Seiten: 396, Übersetzt: Gunter Blank

Couch-Wertung:

88°
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Lars Schafft
Pures Adrenalin

Buch-Rezension von Lars Schafft Aug 2008

Die Idee zum Roman beruht auf einem Alptraum, den der englische Autor Simon Kernick auf einem Krimi-Festival hatte: Wie schrecklich muss es sein, eines schönen Samstagnachmittags nichts Böses ahnend ans Telefon zu gehen und live mitzuerleben, wie ein alter Freund stirbt? Genau das passiert in Gnadenlos dem IT-Verkäufer Tom, der mit seiner Frau und seinen Kindern eigentlich ein recht biederes Leben in einem Londoner Vorort verbringt.

Es ist kurz nach drei, als Toms Telefon klingelt und Jack Calley, sein Trauzeuge, nur ein paar gehetzte Sätze herausbringt. "Hilf mir. Du musst... Oh, mein Gott, nein sie kommen. Jesus Maria!" Die letzten Worte in Jacks Leben sind schließlich nur noch - Toms Anschrift. Dann ist die Leitung tot. So tot, wie offensichtlich Jack auch... Verstört, beängstigt, bald in Panik ausbrechend nimmt Tom wahr, was soeben passiert ist.

Die Kinder müssen in Sicherheit gebracht werden, am besten zur Schwiegermutter. Die Neugierde treibt ihn dennoch zurück ins traute Heim - in dem sich bereits vermummte Gestalten sicherlich nicht auf seine Einladung hin im Wohnzimmer aufhalten. Flucht zur Ehefrau, die in der Uni arbeitet. Doch wo steckt sie? Tom Meron findet sie nicht, dafür wird er allerdings gefunden, wieder von einem Vermummten mit blutverschmiertem Messer in der Hand. Ja, das muss ein schweißtreibender Alptraum gewesen sein, den Kernick hatte. Und so beginnt eine höllische Jagd auf den doch so friedlichen Familienvater, die sein Leben völlig aus den Angeln reißen wird. Das Schlimme daran: Er hat nicht den blassesten Schimmer, worum es bei dieser mörderischen Hetze überhaupt geht...

Wer Gnadenlos nicht als das betrachtet, was es ist - ein perfekt gestrickter Thriller - könnte sicherlich einiges finden, was kritisch anmerken wäre. In erster Linie natürlich die ziemliche Realitätsferne, die Kernicks Buch mit sich bringt. Kann das alles wirklich passieren? Nein, sehr wahrscheinlich nicht. Würde der typische Hans Mustermann wirklich in solchen Grenzsituationen so mutig, teils gar abgeklärt, immer jedoch verhältnismäßig glücklich, agieren, sogar selbst zur Waffe greifen? Nein, sehr wahrscheinlich auch nicht. Dazu ist der Kunstgriff, den Kernick verwendet, um Spannung zu erzeugen, ein altbekannter - wir brechen das Kapitel ab, lassen den Cliffhanger am Ende der Seite stehen und verzögern die ganze Geschichte, um zur Nebenhandlung, zu anderen Charakteren (insbesondere zu Inspector Mike Bolt, der mit einem vermeintlich fremden Fall zu hat) zu wechseln, bei denen es gerade eben nicht lichterloh brennt.

Aber so what? Das beherrscht Kernick perfekt, viel besser als so manche Thriller-Ikone, deren Handwerk zwar auch nicht zu verachten ist, die aber immer und immer wieder übers Ziel hinausschießen, weil der Plot letztendlich doch zu unglaubwürdig, die Kniffe zu getrickst, die Absicht dahinter zu offensichtlich ist. Kernicks Gnadenlos ist Anschauungsbeispiel dafür, wie der Leser mit Spannungs- und Actionhäppchen gefüttert wird, ohne dabei den Appetit auf die gesamte Story zu verlieren, ohne dass ihm eine wirkliche Ruhepause vergönnt ist. Und Gnadenlos ist endlich mal wieder ein Krimi, der nicht siebzig Seiten benötigt, bis er Fahrt aufnimmt! Dafür braucht der Brite hier keine zwei Seiten und sein sorgfältig konstruierter Alptraum reisst den Leser in einen Strudel.

Schnell ist die perfide Ausgangssituation klar und Kernick hetzt seinen Protagonisten wie den Leser von einer Situation zur nächsten, spielt mit den Ängsten des ganz normalen Bürgers, selbst zwischen die Fronten des organisierten Verbrechens zu geraten, ohne dazu irgendetwas beigetragen zu haben, ohne einen Ausweg zu finden. Es geht urplötzlich nur noch ums Überleben, gejagt von sadistischen Killern, gepeinigt von korrupten Cops.

Gnadenlos ist hinterhältiger, fesselnder Nervenkitzel, 400 Seiten Adrenalin pur. Ein Thriller für lange, dunkle Nächte - nicht für sonnige Samstagnachmittage. Davon kann Protagonist Tom Meron ein Liedchen singen. Dem Leser wird ein fröhliches Mitpfeifen sehr schnell im Halse stecken bleiben. Stark, Mr. Kernick!

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