Verstummt

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • New York: Delacorte Press, 2006, Titel: 'Triptych', Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2009, Seiten: 512, Übersetzt: Klaus Berr
  • Köln: Random House Audio, 2008, Seiten: 6, Übersetzt: Petri, Nina
  • Köln: Random House Audio, 2010, Seiten: 6, Übersetzt: Nina Petri

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Jochen König
Ein totes Buch, kalt und leblos wie die Opfer

Buch-Rezension von Jochen König Aug 2008

1985 wird die 15-jährige Mary Alice Finney in Atlanta vergewaltigt, verstümmelt und ermordet. Als mutmaßlicher Täter wird John Shelley, ein als Drogenfreak und Sonderling bekannter Jugendlicher aus der Nachbarschaft, verhaftet und zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. 2006 wird die Leiche der Prostituierten Aleesha Monroe entdeckt - ebenfalls vergewaltigt und mit abgebissener Zunge. Als noch zwei fast zu Tode geprügelte Teenager mit den gleichen Verstümmelungen auftauchen, bekommt der ermittelnde Detektiv Michael Ormewood Unterstützung durch den Agenten des "Georgia Bureau of Investigation" (GBI) Will Trent.

Außerdem mischt die Undercover-Polizistin Angela Polaski mit, Kurzzeitaffäre von Ormewood, sowie eine Mixtur aus bester Freundin und großer Liebe Trents. Zudem kennt sie John Shelley, der mittlerweile aus der Haft entlassen, nach Atlanta zurückgekehrt ist und einige unangenehme Entdeckungen machen muss. Denn, oh Wunder, könnte es sein, das man damals den Falschen verhaftet hat, und der wahre Täter unbemerkt all die Jahrzehnte weiter gemordet hat? Als die junge Nachbarin Ormewoods, mit herausgetrennter Zunge und vermutlich erschlagen, in ihrem Garten aufgefunden wird, nimmt die ganze Angelegenheit sehr persönliche Züge an, deren schmerzhafte Auswirkungen nicht nur Angela am eigenen Leib erfahren wird.

"De mortuis nil nisi bene" heißt es, "nur wohlwollendes über die Toten". Jetzt folgt die berühmte Ausnahme. Verstummt ist ein totes Buch, so kalt und leblos wie die Opfer, die beständig vorgeführt, aber nie beklagt werden. Hier ist alles nur Attitüde, blankes Posieren, ein lausiges Spiel mit falschen Gefühlen und wohldosiert eingesetzten Brutalitäten, die aber nicht mal provokant wirken. Slaughter hat keine Geschichte, die sie erzählen kann oder will, sie erschafft nur Sequenzen, die auf den bloßen Effekt hin ersonnen sind. Das wäre vielleicht annehmbar, wenn sie einen kleinen, schnellen Thriller vorlegen würde, der spannend unterhält. Aber Verstummt ist weit davon entfernt, will viel mehr und scheitert kläglich.

Jede Hauptperson bekommt eine Biographie, die Tiefe vortäuschen soll, aber nichts als abstruse Hochstapelei bietet. Beispielhaft am GBI-Agenten Will Trent zu sehen: Der arme Kerl ist nicht nur ein malträtiertes Waisenkind, sondern auch noch Analphabet. Schafft aber immerhin seinen Doktor - u.a. dank seiner aufopferungsvollen Dauerfreundin Angela - und wird leitender Agent einer Bundesbehörde. Das ist so glaubhaft wie die Geschichte vom fliegenden Eichhörnchen, das Tschaikowskis Nussknacker-Suite pfeifen konnte.

Verstummt ist das Äquivalent zu einer jener Freak-Shows, die noch weit bis ins letzte Jahrhundert hinein menschliche Deformationen als Kirmes-Attraktion vorführten. Selbst Pädophilie wird so zum Witzlieferanten: Michael Ormewood hat eine lieblose, aber für ihn befriedigende Affäre mit seiner Nachbarin Cynthia, die er gerne besucht, wenn "der Mann des Hauses" auf Geschäftsreise ist. Genüsslich wird die Situation auf die Spitze getrieben, bis es Zeit für die Pointe ist: Denn der Abwesende ist keineswegs Cynthias Gatte, sondern ihr Vater. Die junge Nachbarin ist knapp 15 als sie stirbt, und Ormewoods sexuelle Übergriffe dauern da bereits weit über ein Jahr an. Wer jetzt denkt, das Cynthia Interesse oder gar Mitgefühl bezeugt wird, der irrt. Sie bleibt eine kleine, lüsterne Lolita, deren Rolle im Buch es ist, über die Klinge zu springen, damit Ormewood in Bedrängnis gerät. Das ist so überflüssig wie unglaubwürdig und vor allem geschmacklos.

Außerdem gibt es nach Gottlos die nächste völlig dämliche Stolperfalle. Das vielleicht Erschreckendste daran: Wenn wir es nicht besser wüssten, könnten nicht nur die Passagen um Cynthia vermuten lassen, das Slaughter Frauen hasst. Denn sie müssen sich kreuzdämlich verhalten (Angela und die Katzenklappe) werden misshandelt, geschlagen, gefoltert, vergewaltigt und umgebracht. Selbst die weibliche Hauptfigur bekommt ihren Teil ab, bevor sie dumpf-brutal zurückschlagen darf. Allerdings nicht in einem Akt der Erlösung, sondern bestenfalls als gelangweilte Pflichtübung in Selbstjustiz.

Um auch hier vorzubeugen: In Verstummt wird keine Analyse gesellschaftlicher Zustände betrieben, Slaughters Panoptikum gestörter Charaktere ist erschreckend irreal und wenig authentisch geraten. Und gerade durch Angelas Beschreibungen ihres Undercover-Jobs wird man den Verdacht nicht los, dass vor allem Prostituierte ihr bemitleidenswertes Schicksal auch verdient haben. Was von dem gewollten Zynismus gestützt wird, dem beim Anblick einer zerschundenen Leiche nur wichtig ist, dass der Schambereich rasiert ist, ob die Brüste der Toten Implantate enthalten und man noch nach dem Todeskampf "ihre Spalte" sehen kann. Die uneingeschränkte Allianz sprachlichen und inhaltlichen Unvermögens.

Wenn man alles benennen wollte, was an Verstummt nicht stimmt, würde die Rezension sämtliche Rahmen sprengen. Deshalb nur noch ein paar kurze Verweise auf den eklatantesten Unfug: Ermittlungsarbeit findet praktisch nicht statt; sämtliche Ermittler sind so mit ihren privaten Belangen und Unzulänglichkeiten beschäftigt, dass sie es versäumen, den gröbsten Hinweisen nachzugehen. Alles, was sich entwickelt, passiert aus dümmsten Zufällen, oder völlig unbegründet. Es muss halt irgendetwas geschehen, damit der Roman seinem Ende entgegen rumpeln kann. Und gerade dort wird behauptet, aber nie belegt. Die Verhaltenswesen aller Protagonisten an ihren halbgaren Motivationen zu messen - viel Spaß dabei.

Die komplette Unlogik des Ganzen - wieso fällt niemand auf, dass die Morde mit dem ziemlich eindeutigen Profil weitergehen, während Shelley im Gefängnis sitzt? Dass der Modus operandi des mutmaßlichen Täters bei Cynthia ein anderer ist, als bei den restlichen Fällen, wird zwar benannt, spielt aber keine große Rolle. Dazu Wortspiele und Gags, die fast körperlich wehtun. Mein Favorit ist der Verweis Angelas auf Will Trents Geschlecht und sein Geschlechtsleben:

 

Wobei Sex nie einfach zwischen ihnen war. Will hatte nun wirklich die Ausstattung dafür, aber es war ein Riesenunterschied, ob man wusste, wie man einen Hammer halten muss und ob man damit auch bei jedem Schlag den Nagel auf den Kopf traf.

 

Verstummt ist ein Roman außerhalb der Grant-County-Reihe. Karin Slaughter hat die Chance nicht ergriffen, sich zu verändern. Der Roman besteht aus den gleichen Versatzstücken wie die Serie um Sarah Linton und "Chief" Tolliver. Eine an den Haaren herbeigezogene Rahmenhandlung dient als Sprungbrett für öde und völlig unglaubwürdige Beziehungsschlachten.

Es scheint zwar kaum möglich, aber Verstummt unterbietet seine Vorgänger deutlich. Mit Ausnahme von John Shelleys leidvoller Geschichte (den die Autorin im Verlauf des Romans aus den Augen verliert, bis er zum Schluss einen letzten Alibi-Auftritt hat) stimmt hier gar nichts mehr. Weder der zusammengestückelte Plot, der willkürlich dahinhoppelt wie ein blindes Karnickel mit arthritischen Gelenken, noch die gehaltlose Seelenlandschaft der Figuren, deren Lippenbekenntnisse nicht mal von einer durchschnittlichen Telenovela unterboten werden. Ein trostloses Buch.

Und warum all die vielen Zeilen, wo ein Wort genügt hätte, das mit "Sch" anfängt? Weil Verstummt die Bestseller-Listen wieder erklimmen wird, und das ganze als spannende Unterhaltung wahrgenommen wird, als Gänsehautschocker, der sich vorgeblich in die dunklen Bereiche der menschlichen Seele und Beziehungsgeflechte vorwagt. Dabei aber nichts als ein reaktionäres, schlecht konstruiertes Machwerk ist. Wie der hochtrabende Originaltitel verheißt, besteht es aus drei Teilen, die originellerweise (zumindest in der deutschen Bearbeitung) alle Verstummt heißen. Es wäre viel gewonnen, wenn sich der deutsche Titel nicht auf herausgebissne Zungen, sondern auf Frau Slaughters literarischen Output der Zukunft beziehen würde.

Besagtes Sch-Wort ist übrigens "Schrott". Und nein, er eignet sich nicht zum Recyceln. Weil er das schon hinter sich hat.

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