Leichenblässe

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2009, Seiten: 6, Übersetzt: Johannes Steck
  • Augsburg: Weltbild, 2010, Seiten: 413
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2011, Seiten: 656

Couch-Wertung:

37°
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Jochen König
Zwischen Kaltschnäuzigkeit und Katzenjammer

Buch-Rezension von Jochen König Aug 2008

Was CSI in der Folge Burden of Proof ("Die Last der Beweise") recht war, ist Simon Becketts Leichenblässe billig. Er lässt Teile des Romans auf der Body Farm in Knoxville spielen, jenem Freiluftgelände, das zur Universität von Tennessee gehört, und auf dem der Zerfall menschlicher Leichen akribisch studiert wird. Dorthin verschlägt es den forensischen Anthropologen David Hunter auf Einladung seines Freundes und Mentors Tom Lieberman. Eine schwere Verletzung auskurierend, hadert Hunter mit sich selbst, seiner Aufgabe und der Welt, während er durch's Unterholz kriecht und verwesende Leichen untersucht. Doch es bleibt nicht lange beschaulich. In einer Waldhütte wird der übel zugerichtete Körper eines Mannes gefunden. Lieberman wird mit der Autopsie beauftragt. Hunter darf ihm assistieren und wird alsbald in einen Fall hineingezogen, der zu einem Serienkiller führt, der seine Faszination für den Zeitpunkt des Übergangs vom Leben in den Tod mit Macht und Gewalt auslebt.
Leichenblässe ist der dritte Roman mit dem forensischen Anthropologen David Hunter in zentraler Rolle und stürmte die Bestsellerlisten in Windeseile. Stellt sich brennend die Frage: wieso?

Gut, Simon Beckett kann flüssig schreiben, sein Roman ist ohne Anstrengung leicht lesbar und leidlich spannend. Seine Beschreibungen von zerfallenden, verwesenden Leichen sind ausführlich, detailliert und vermutlich faktisch fundiert. Genau damit werden die ersten hundert Seiten raumfüllend über die Runden gebracht, wenn man vom Gejammer des traumatisierten David Hunter absieht, der sich alle naselang in düsteren Gedanken darüber ergeht, wie sein Blut auf den Boden tröpfelte, während ein Messer tief ins einen Eingeweiden steckte. So hadert er mit sich selbst und seinem Job. Aber nicht ernsthaft, denn natürlich wird der Forensiker bis zum bitteren Ende bei der Stange bleiben.

Wer jetzt glaubt, in seinem Denken würde sich irgendwas verändern, der irrt. Hunter stolpert - ebenso wie sämtliche Nebenfiguren - wie an einem unsichtbaren Draht gezogen, durch die kaum vorhandene Handlung. Fast alles in Leichenblässe ist zusammengeklaut und in einen halbwegs sitzenden Anzug gepresst worden. Wenn man sich nicht gerade in eine mäßige CSI Folge hineinversetzt sieht, wird man zurückgeschleudert in der Zeit; die Motivation des Mörders entspricht der "Peeping Toms" (Augen der Angst), der Hauptfigur jenes skandalträchtigen Thrillers aus dem Jahr 1960, der sowohl Regisseur Michael Powell wie Hauptdarsteller Karlheinz Böhm die Karriere kostete. Von den unzähligen filmischen und literarischen Varianten abgesehen, die im Lauf der letzten vierzig Jahre folgten. Darüber hinaus hat Leichenblässe nichts mitzuteilen, was nicht in einschlägigen Sendeformaten schon x-mal über die Bildschirme flimmerte. Doku-Soaps, die scheinbar wissenschaftlich, aber im Grunde mehr spekulativ als spektakulär, knietief im Gedärm, auf den Spuren der Toten wandeln. Warum nicht gleich zu einem Anatomie-Handbuch greifen, oder eine der seriöseren Dokumentationen über die Body-Farm anschauen?

Die Abwesenheit einer überzeugenden Geschichte wäre vielleicht zu verschmerzen, wenn die Charakterzeichnungen tief und sinnig wären. Doch auch hier bleibt der Roman seltsam blass.

Stattdessen bietet er jede Menge flache Abziehbilder, die wir alle zur Genüge kennen. Die toughe Bundesagentin, die mehr als eine Eigenschaft mit Jodie Foster teilt; der brummige Sektionsleiter mit dem Herz am rechten Fleck; der arrogante Profiler und sein nicht weniger unangenehmer Kollege aus der Pathologie. Ein Friedhofsbesitzer, der an ähnliche Vertreter aus schwarzhumorigen Gruselkomödien der 60er erinnert, ist in diesem Reigen platter Physiognomien fast schon sympathisch. Dass die Pathologie-Assistentin Summer offenkundig ein blondiertes Abbild Abigail "Abby" Sciutos aus der Fernsehserie Navy CIS ist, stellt eher eine dreiste Kopie als eine freundliche Hommage dar. Tiefergehende Schlüsse lässt das Buch nicht zu, denn dazu sind ihre Auftritte zu kurz. Wie die restlichen Akteure ebenfalls an der kurzen Leine gehalten werden. Bis auf David Hunter, dessen selbstmitleidige Jammertour im ersten Drittel zunehmend auf die Nerven geht. Bevor sie im weiteren Verlauf des kruden Geschehens kaum noch eine Rolle spielt. Nur ganz selten hält Beckett inne und gönnt dem Leser einen erweiterten Blick auf seine Knallchargen. Nur, um auf die offensichtlichen Klischees weitere draufzusetzen. So hockt der cholerische Pathologe Hicks einsam in seinem Büro, mit sich und der Welt im unreinen, und wie pflegt er sich dabei zu beschäftigen: genau, er gießt sich einen hinter die Binde. Welche Tiefenschärfe, welche Betroffenheitsattitüde, mehr sitzt nicht drin und auch das nur für einen Absatz, dann entschwindet Hicks im Vergessen.

Wie Beckett ohnehin liederlich mit seinen Kleindarstellern umgeht. Auf meuchelmörderische Art erwischt es im Verlauf des Buches fast nur unsympathische, arrogante oder zumindest unangepasste Zeitgenossen. Wer lieb und nett ist, darf zumindest hoffen. Über die restlichen Opfer des blässlichen Killers erfährt man sowieso kaum etwas. Der Höhepunkt der Perfidie ist erreicht, als Hunter und sein Kollege Paul auf der Suche nach einem Entführungsopfer, auf eine übelst zugerichtete Leiche stoßen. Beide verzweifeln kurz, bis Hunter Entwarnung gibt, und sie beinahe ein Freudentänzchen aufführen - die Tote ist, zumindest vorerst, nicht das gesuchte Kidnappingopfer. So tändelt der Roman zwischen Kaltschnäuzigkeit und Katzenjammer. In Becketts Welt gibt es nichts zu erfahren über das Leben und den Tod, außer das Witterung und Insekten Einfluss haben auf den Verwesungsprozess. Alles an Leichenblässe ist pure Oberfläche. Ein Patchwork mit groben Nähten, das dem Stillstand nicht anheimfällt, weil sich die Protagonisten gelegentlich von einem Handlungsort zum nächsten bewegen.

Oder sollte es sich bei den Abenteuern des David Hunter etwa um Parodien handeln? Die Banalität des Bösen als schwarzhumoriger Ausflug ins Moderbecken? Vielleicht verkündet Beckett, quasi als männliche Rosamunde Pilcher des Morbiden, den Sieg der hohlen Männer in einem toten Land. Dann könnten seine Bücher als derbe Kommentare zum verrotteten Zustand der Welt gelesen werden. Dazu fehlt nur noch ein Chor durchtriebener Psychokiller, der den unsterblichen Monty-Python-Klassiker Always look on the bright Side of Life anstimmt und ihn mit einem fröhlichen "You know, you come from nothing - you're going back to nothing. What have you lost? Nothing!" zum Ende bringt. Wenn wir uns schon in einer oberflächlichen Werbewelt befinden, die die Verderblichkeit mittelfristig haltbarer Waren feiert, ist nichts unmöglich. Aber fraglich.

Vorteilhaft immerhin, dass der Roman viele Details aus dem Vorgänger preisgibt, sodass man guten Gewissens darauf verzichten kann diesen zu lesen. Für die gesparte Zeit darf man dankbar sein.

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