In tiefer Trauer

Erschienen: Januar 1999

Bibliographische Angaben

  • New York: Morrow, 1997, Titel: 'Sacred', Seiten: 288, Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 1999, Seiten: 366, Übersetzt: Andrea Fischer
  • München: Ullstein, 2001, Seiten: 366
  • Berlin: Ullstein, 2004, Seiten: 366
  • Berlin: Ullstein, 2008, Seiten: 366
  • Berlin: Ullstein, 2012, Seiten: 366, Übersetzt: Andrea Fischer

Couch-Wertung:

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Michael Matzer
Wahrheit ist relativ

Buch-Rezension von Michael Matzer Jul 2003

Trevor Stone, ein angeblich todkranker Milliardär aus Boston, beauftragt unsere beiden Helden Kenzie/Gennaro mit der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Desiree. Ihre Mutter wurde bei einem Autounfall getötet, in dem er selbst, Stone, schwer im Gesicht verwundet wurde. Angela Gennaro, die selbst kürzlich ihren Ex-Gatten Phil verloren hat, fühlt Mitleid mit dem alten Mann und übernimmt den Auftrag, obwohl sie sich nicht besonders gern entführen lässt, um ihren Auftraggeber zu treffen. Kenzie hat gemischte Gefühle, kann aber Gennaro verstehen.

Die beiden Privatdetektive lesen die Berichte, die der erste Schnüffler geschrieben hat, den Stone auf Desirees Spur gesetzt hatte: Jay Becker war einst Kenzies Lehrer und Mentor bei einer der größten Detekteien Bostons. Jay war Desirees Spur bis zu einer Seelsorger-Gesellschaft namens Trauer & Trost AG gefolgt, die eng mit einer Sekte namens "Die Botschafter" verbunden war. Beide geben vor, ihre "Klienten" zu therapieren, dienen aber nur dem Zweck, ihre Neumitglieder zu schröpfen. Parallelen zu Scientology kann jeder ziehen, wenn er mag.

Wie es scheint, verschwand Desiree zur gleichen Zeit Richtung Florida wie ein gewisser Jeff Price, seines Zeichens Verwalter von Trauer & Trost bzw. "Den Botschaftern". Price ließ 2 Mio. Dollar mitgehen. Doch seltsam: Kaum hatte Jay Becker diese Details über die junge Frau und die verschwundenen Gelder herausgefunden, verschwand auch er - irgendwo zwischen Boston und Stones feudalem Anwesen.

Auf nach Florida!

Kenzie und Gennaro stehen vor einem Rätsel. Es lässt sich nur in Florida aufklären, soviel steht fest. Mit Stones Privatjet werden sie aus dem kühlen Norden in den sonnigen Süden geflogen, zu ihren reservierten Hotelzimmern chauffiert und mit einem komfortablen Mietautos ausgestattet: Klarer Fall - bei so viel Sonderbehandlung ist etwas oberfaul. In Nullkommanix büchsen sie aus, lachen sich einen schrottigen Toyota an und futtern in einer heruntergekommen Cantina am Straßenrand (wo sie ihren Krabbencocktail gegen einen gierigen Reiher namens Sandra verteidigen müssen). Hier sehen sie zu ihrem Erstaunen ein bekanntes Gesicht in der Zeitung...

Als sie Jay Becker gegen Kaution aus dem Gefängnis befreit haben, erzählt er ihnen die blutigen Details einer gar wundersamen Story, von dem sie wiederum nur den geringsten Teil glauben. Desiree sei tot, behauptet Jay. Jeff Price sei ebenfalls tot. Na toll: Bleibt also nur die Heimreise. Doch bevor es so weit ist, werden Kenzie/Gennaro unter Mordverdacht von der lokalen Polizei eingebuchtet - Ende des Falls?

Geniales Finale mit zalhreichen Überraschungen

Noch lange nicht. Vielmehr führt die Handlung wieder direkt nach Boston, wo es in Stones Anwesen zu einem genialen Finale mit zahlreichen Überraschungen kommt.

Wie Kenzie selbst andeutet, ändert sich die Wahrheit hinter den Geschichten, die Kenzie/Gennaro erzählt bekommen, je nachdem, welchen Standpunkt der jeweilige Erzähler gerade vertritt. Dies ist der Plot von Akira Kursosawas ausgezeichnetem Filmklassiker "Rashomon". Darin ändert sich die Wahrheit hinter einem Fall von Vergewaltigung und Mord je nachdem, wer die Geschichte erzählt.

Folglich dreht sich der Fall in Lehanes Buch dreimal: Drei unterschiedliche Personen erzählen ihre jeweilige Sicht der Dinge. Doch ist dies der Weisheit letzter Schluss? Natürlich nicht. Und je nach Fassung ändert sich, wer nun schuldiger Täter und wer unschuldiges Opfer ist, in einem fort. Der Leser hat alle Hände voll zu tun, diesen drei Fassungen zu folgen: "Schwarz ist weiß, oben ist unten, Norden ist Süden" sagt Gennaro einmal. Genauso ist es. Und darum steckt der Plot voller Überraschungen.

Die Stellung von Stone und seiner Tochter ändert sich sukzessive mit jeder neuen Fassung. Ist er ein liebevoller Vater oder ein menschenverachtender Ausbeuter mit dunklen Geheimnissen? Was von dem, was über ihn berichtet wird, ist wahr?

Belegt die überirdische Schönheit die Unschuld?

Zunächst scheint Desiree als das unschuldige Opfer einer Entführung durch eine Sekte und eines Sektenführers (Jeff Price), bis sie ihr Ende in Florida findet. Ihre überirdische Schönheit scheint ihre Unschuld zu belegen. Doch stimmt das so? Und ist Trevor Stone Täter oder ein Opfer, das sich lediglich wehrt, indem es die beiden Detektive "engagiert"?

Was Desiree so gefährlich macht (besonders für Kenzie), ist der geradezu magische Bann, den ihre äußere Schönheit auf die Männer ausübt, so dass sie ihr zu Willen sind. Die junge Frau weiß darum und scheint dies auszunützen.  Beinahe wird dies auch Kenzie zum Verhängnis.

Erst sehr spät begreift er, worin Schönheit wirklich liegt. Sie liegt nicht in einem perfekten Äußeren, sondern in der charakterlichen Stärke und Güte von Angela Gennaro (oder einer ähnlich großartigen Frau). Angie mag ja nicht umwerfend aussehen, aber sie liebt Kenzie, bangt um ihn, braucht ihn. Ohne sie wäre er wiederum völlig aufgeschmissen, "ein Nichts", wie er bekennt. Kenzie findet Schönheit in der Innenwelt eines Menschen. Diese Schönheit ist ihm "heilig" - das drückt der Originaltitel des Buches aus. Und der Schluss des Buches setzt diese Erkenntnis angemessen um.

Perspektivwechsel von 180 Grad

Auf den ersten Blick scheint der Handlungsverlauf von einer allzu unwahrscheinlichen Zahl von Zufällen getrieben zu sein. Aber man muss wie Kenzie/Gennaro lediglich seinen eigene Sichtweise der präsentierten Fakten um 180 Grad drehen (schwierig genug!), um zu einer völlig anderen Interpretation der Geschehnisse zu gelangen - und die sogar einen Sinn ergibt.

"In tiefer Trauer" ist also nicht nur ein äußerst spannender und actiongeladener Krimi, sondern hat auch die Relativität der Wahrheit und anderer "ewiger Werte" zum Thema. Außerdem stieß ich hier auf einige der komischsten Dialoge, die ich seit langem gelesen habe. Lehane ist offenbar ein großer Fan der Marx Brothers - Kenzie überlegt einmal, wie sich Groucho und Harpo aus einer bestimmten misslichen Lage (Kenzie ist gerade von Kopf bis Fuß gefesselt und soll gleich über den Jordan geschickt werden) befreit hätten. Manche Kabbeleien zwischen unserem dynamischen Heldenduo erinnern an Slapstick. Aber es ist genialer Slapstick.

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