Totentanz

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Wien: Zsolnay, 2007, Seiten: 315, Originalsprache
  • Hamburg: Jumbo, 2009, Seiten: 4, Übersetzt: Stephan Schad

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Lars Schafft
Der längste Epilog aller Zeiten?!

Rezension von Lars Schafft Mai 2007

Der ehemalige Verlagsmanager und Wahl-Triestiner Veit Heinichen wird nach bisher vier Romanen um Commissario Proteo Laurenti gerne mit der Amerikanerin Donna Leon verglichen, als praktisch deren Pendant für männliche Leser. Aber der Vergleich hinkt arg: Heinichens Laurenti ist eher ein Raubein, ein Macho mit Familie und Dauer-Affäre, ein Einzelgänger wie Dickkopf. Und Heinichen schreibt besser, lässt die allzu offensichtliche Moralkeule im Waffenschrank und überzeugt durch hochaktuelle, gut recherchierte Hintergründe für seine Plots. Dass Heinichens Romane im Gegensatz zu Leons auch in Italien bestens laufen, ist nur ein weiteres Indiz für seine Klasse. Totentanz, Fall Nr. 5 für Proteo Laurenti, ist Heinichens bester.

Zunächst beginnt der Roman noch sehr gemächlich: Der Sommer in Triest will und will nicht sommerlich sein, Laurentis Liebesglück mit seiner kroatischen Freundin schwindet. Dass er wutentbrannt nach einem Treffen mit ihr ausgerechnet dem neuen Kleinwagen seiner Frau beim Ausparken eine ordentliche Delle verpasst, ist dabei eine der amüsanten Szenen, die Laurentis Charakter verdeutlichen.

Und dann tritt Heinichen aufs Gas, baut fast zeitgleich mehrere Handlungsstränge auf. Mitten in Triest explodiert eine Bombe, was im doch recht verschlafenen Städtchen an der Adria kaum jemand mitbekommt. In einem Technologie-Park findet Industrie-Spionage im großen Stil statt. Schwarzarbeiter vom Balkan überfluten den örtlichen Arbeitsmarkt und eine fast zu Tode geschlagene Journalistin im Gebäude eines osteuropäischen Konsulats heizt die Stimmung richtig auf. Für Proteo Laurenti wird´s brenzlig, führen doch alle Spuren zu alten Bekannten: zu Tatjana Drakic und ihrem Bruderherz, einem der Mächtigen der organisierten Kriminalität des Balkans - noch gut in Erinnerung aus Gib jedem seinen eigenen Tod. Die sich ihre Pläne - Mülltransporte sind durchaus lukrativ - dieses Mal nicht vom Triestiner Commissario durchkreuzen lassen wollen. Sie suchen die finale Lösung. Praktisch, dass Drakics ausgeklügeltes Präzisionsgewehr gerade die Marktreife erreicht hat...

Fast scheint es so, als hätte Veit Heinichen die ARD-Verfilmung seines Romans Die Toten vom Karst richtig gut getan, ja beflügelt. Nach dem nicht sonderlich packenden Einstieg lautet sein Credo: Action, Action, Action. Die Jagd der Drakic-Geschwister auf Laurenti schreit nach einer Pause zum Luft holen und erinnert an eine zeitgemäße Version der 80er-Jahre-Fernsehstaffel Allein gegen die Mafia. Der Twist nach gut zwei Dritteln des Buches - nach dem der mit etwa achtzig Seiten wohl längste Epilog in einem Kriminalroman folgt - zeigt trotz kleinerer Bedenken was dessen Realitätsnähe angeht Heinichens Mut zum Experimentieren. Der Showdown schließlich ist - nun ja - absolut filmreif.

Totentanz ist dank der ruhelosen Action, des netten Twists, putzmunterer Charaktere, bissiger Dialoge und des wie gewohnt brisant-aktuellen Plots Heinichens bester Roman. Veit Heinichen hat gute Chancen, unser "Stamm-Italiener" zu werden.

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