Gib jedem seinen eigenen Tod

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • Wien: Zsolnay, 2001, Seiten: 331, Originalsprache
  • München: dtv, 2002, Seiten: 329, Originalsprache
  • München: Süddeutsche Zeitung, 2006, Seiten: 268, Originalsprache, Bemerkung: Süddeutsche Zeitung Kriminalbibliothek; Bd. 25
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2007, Seiten: 6, Übersetzt: Walter Kreye, Bemerkung: Gekürzte Lesung

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Lars Schafft
Eine traditionsreiche Stadt rückt in den Mittelpunkt

Buch-Rezension von Lars Schafft Mai 2003

Triest im Hochsommer 1999. Heiß ist es in der ehemaligen k.u.k.-Stadt an der Adria. Und eigentlich könnte es für Commissario Proteo Laurenti so gemütlich bleiben wie in den vergangenen Jahren. Beschaulich, wie es in einer provinziellen Stadt am Rande Westeuropas nur sein kann. Gemütlich - wenn - ja, wenn der eiserne Vorhang sich nicht gesenkt hätte und Triest sich nicht zum Umschlagplatz von Drogen, Menschen und Hilfsgütern für den Balkan und beinahe zu einer kleinen Metropole gemausert hätte.

Die Gedanken an nachmittägliche Schwimmrunden in den warmen Wassern der Adria kann sich Laurenti spätestens dann abschminken, als eine führerlose Luxus-Yacht an die Küste kracht. Vom Besitzer, einem gewissen Bruno de Kopfersberg fehlt jede Spur.

Ein Unfall? Wahrscheinlich, doch hartnäckige Umzugspläne seiner Frau, der 80. Geburtstag seiner Schwiegermutter, ein allzu ehrgeiziger Volontär in der örtlichen Presse, ein Hai vor der Küste und die Träume seiner Tochter - Miss Triest wäre doch was - lassen Laurenti eh nicht zur Ruhe kommen. Dann folgen zwei weitere Leichen: Eine ukrainisch-stämmige Prostituierte und ihr Bruder, ein Lastwagenfahrer und aus ist es mit den Sommernachtsträumen.

Laurenti ermittelt mit seinem Team und scheut auch nicht davor zurück, seine Mutter zu Spitzelzwecken einzusetzen. Gelegenheit macht Detektive. Als Laurenti schließlich die Fakten und Indizien in Zusammenhang bringt, scheint ein Zufall nahezu ausgeschlossen. Der verschollene de Kopfersberg wurde tatsächlich ermordet - gefesselt hinter seinem eigenen Boot hergezogen und schließlich ertrunken. Motive: reichlich und gar keins.

De Kopfersbergs Im- und Export-Firma TIMOIC erhielt zwar den Auftrag zur Abwicklung der Türkei-Hilfe über Triest. Aber reicht das aus für einen Mord? Natürlich nicht. Doch des Österreichers so verschlossen wie attraktive Partnerin Tatjana Drakic und ihr nicht minder zwielichtig wirkende Bruder Victor erhärten den Verdacht, dass de Kopfersberg Dreck am Stecken gehabt haben muss. Und tatsächlich: Die ermordete Olga Chartow hat ein Tagebuch de Kopfersberg getöteter Ehefrau Elisa und hoch brisante Fotos, die Prominzenz aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft in eindeutigen Posen in de Kopfersbergs Villa zeigen, versteckt.

Mafia, Korruption, Prostitution, Menschenhandel? Der Questore, die Carabinieri, die Guardia Finanzia und Laurentis Polizia Statale planen eine konzertierte Aktion, die den gesamten Ring auffliegen lassen soll...

"Gib jedem seinen eigenen Tod" ist Veit Heinichens Krimi-Debüt als Schriftsteller. Und beileibe ein gelungenes! Es macht einfach Spaß, diesem schon fast zu menschlichen und dauernd schwitzenden Exemplar eines Commissarios durch die wunderschön beschriebene Adria-Stadt zu folgen, ihn bei seinen Wutausbrüchen freundschaftlich zuzulächeln, und ihm bei diesem komplizierten wie realistischen Fall die Daumen zu drücken.

Darüber hinaus schafft es Heinichen, den Leser für die Konflikte zwischen Italien und dem Balkan zu sensibilisieren und eine traditionsreiche Stadt, die lange im Schatten westeuropäischer Belange vor sich hin lebte, in den Mittelpunkt zu rücken. Und das auf erstaunlich exzellente Weise: Man spürt in jeder Beschreibung das Fachwissen des Autors und dessen eigene Lust, in Triest zu leben.

Dass dabei die Krimi-Handlung zeitweise in den Hintergrund rückt, stört deswegen überhaupt nicht. Eher ist der einzige Kritikpunkt an "Gib jedem seinen eigenen Tod" der Wissensvorsprung des Lesers gegenüber den Ermittlern durch so manche Rückblende und den ein oder anderen Perspektivwechsel. Das ist für den aufmerksamen Leser eigentlich überflüssig und macht den Roman eine Spur gemütlicher, als er sein müsste.

Trotzdem: Man darf, man muss auf den nächsten Laurenti gespannt sein, denn Heinichens Debüt zeigt deutlich, dass er sich hinter dem Krimi-Flaggschiff des Zsolnay-Verlags Henning Mankell oder der dank ihrer Brunetti-Romane erfolgreichen Donna Leon keineswegs zu verstecken braucht. Um es mit den Worten Reich-Ranickis auszudrücken: Ich bin froh, dieses Buch gelesen haben.

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