Treue Genossen

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • München: Bertelsmann, 2005, Seiten: 383, Übersetzt: Reiner Pfleiderer
  • München: Goldmann, 2006, Seiten: 383, Übersetzt: Reiner Pfleiderer
  • New York: Simon & Schuster, 2004, Titel: 'Wolves eat dogs', Seiten: 337, Originalsprache
  • Hamburg: Zeitverlag Bucerius, 2012, Seiten: 336

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Jörg Kijanski
Das Leben in den schwarzen Dörfern von Tschernobyl.

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jan 2005

Pascha Ivanov, Chef der mächtigen Firma NoviRus, liegt tot auf dem Bürgersteig. Offenbar sprang er aus dem zehnten Stock, wo er eine der sichersten Wohnungen von Moskau besaß. Aufgrund der hohen Sicherheitsvorkehrungen ist es ausgeschlossen, dass sich eine zweite Person in der Wohnung befand, folglich drängt Staatsanwalt Surin den Fall als Selbstmord zu den Akten zu legen. Sein Chefermittler Arkadi Renko sieht den Sachverhalt hingegen kritisch, denn warum sollte einer der reichsten Männer der Stadt einfach so aus dem Fenster springen und warum ist ein Schrankboden im Schlafzimmer des Toten voll mit etlichen Kilo Salz?

 

"Ich tue, was der Staatsanwalt sagt."
"Dann glauben Sie also, dass es Selbstmord war?"
"Selbstmorde sind uns lieber. Sie machen keine Arbeit und treiben die Kriminalitätsrate nicht nach oben."

 

Als sich Renko später nochmals in der Wohnung umsieht, findet er in einer Schublade ein Dosimeter und staunt nicht schlecht, wie dieses ausschlägt. Der Durchschnittswert für eine radioaktive Hintergrundstrahlung liegt bei 100 cqm oder Impulsen pro Minute, doch in der Nähe des Salzes schnellt die Anzeige auf 50.000 cqm.

Wenige Tage später gibt es einen zweiten Toten: Nikolai Timofejew, Ivanows Stellvertreter und zweiter Mann von NoviRus, wird auf einem Friedhof in der Sperrzone Tschernobyls gefunden. Da ihm offensichtlich die Kehle durchgeschnitten wurde, scheidet ein Selbstmord aus und Staatsanwalt Surin nutzt die Gelegenheit, seinen widerborstigen Chefermittler für einige Wochen loszuwerden, in dem er ihn in die Ukraine schickt. Mitten hinein in die radioaktiv belasteten "schwarzen Dörfer"...

Kultfigur Arkadi Renko ermittelt wieder.

Treue Genossen spielt 2004 in Moskau, Kiew und der Sperrzone Tschernobyls, in der eigentlich niemand mehr leben darf. Doch nicht wenige ehemalige Bewohner kehrten in die "schwarzen Dörfer" zurück, wo sie unter denkbar schrecklichen Bedingungen ihr Dasein fristen.

 

"Ich werde nie Menschen heilen, die in radioaktiv verseuchten Häusern leben. Ich werde nie Kinder heilen, die zehn Jahre nach ihrer Verstrahlung Tumore bekommen. Was wir hier durchführen, ist kein medizinisches Programm, sondern ein Experiment."
"Was für ein Stimmungstöter. Dann reden wir doch lieber wieder über den toten Russen."

 

Renko ermittelt auf die ihm eigene, starrköpfige Art und lernt zunächst viel über das entbehrungsreiche Leben der Menschen, die sich mit den noch immer hohen Strahlenbelastungen irgendwie arrangiert haben.

 

"Wurmt es Sie eigentlich nicht, dass Ihre Untersuchungen zu nichts, aber auch gar nichts geführt hat? Was sagt das über sie als Ermittler?"
"Es spricht Bände." (Auszug aus Seite 373)

 

Dass Renko mit seinen Ermittlungen lange Zeit auf der Stelle tritt liegt aber auch daran, dass ihm die ukrainische Miliz nicht helfen möchte, denn die offenkundigen Abneigungen zwischen Ukrainern und Russen ist allgegenwärtig und so ist Treue Genossen nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Spannungen eine lesenswerte Lektüre.

 

"Die ganze Stadt ist im Arsch. Ich habe Sie benutzt, na und? Jeder benutzt jeden. Pascha nannte das eine Kettenreaktion."

 

Der eigenwillige, sture Arkadi Renko ist ein Ermittler mit Kultstatus und trockenem Humor, so dass seine Fans erneut bedenkenlos zugreifen können. Allerdings hat der Roman seine Tücken, denn wie das Zitat von Seite 373, nur elf Seiten später ist das Buch zu Ende, zeigt, kommt Renko mit seinen Recherchen nicht in die Gänge. Die Probleme der Menschen in der Sperrzone nehmen einen sehr großen Spielraum ein, nicht alle Erzählstränge haben dabei direkten Bezug zur eigentlichen Geschichte. Der Plot wirkt ein bisschen behäbig, wo hingegen das "Finale" dann wiederum sehr plötzlich daher kommt; zudem mit einem schwachen Showdown, den der Altmeister Martin Cruz Smith durchaus anspruchsvoller hätte gestalten können.

Fazit: Arkadi Renko und die Hintergründe zu Tschernobyl und dessen Folgen machen aus Treue Genossen ein lohnenswertes Buch, der Krimiplot selbst greift leider nicht immer.

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