Die Geduld der Spinne

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • New York: Pocket, 2001, Titel: 'The Girls He Adored', Seiten: 325, Originalsprache
  • München: Heyne, 2003, Seiten: 400, Übersetzt: Sepp Leeb
  • München: Heyne, 2005, Seiten: 400, Übersetzt: Sepp Leeb
  • München: Heyne, 2007, Seiten: 400, Übersetzt: Sepp Leeb

Couch-Wertung:

85°
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Lars Schafft
Alte Zutaten neu gemixt ergeben ein tolles Gericht

Buch-Rezension von Lars Schafft Jul 2003

Krimi-Couch-Volltreffer Juli 2003

Schon das Cover gibt die Richtung vor: "Wenn Sie glauben, dass Hannibal Lecter ein böser Bursche ist, dann haben Sie den Killer in Nasaws Roman noch nicht kennen gelernt" wird dort die Toronto Sun zitiert. Eine nicht unberechtigte Warnung - oder Versprechen, je nach Gusto - wie sich schon nach den ersten Seiten herausstellt.

Seit Jahren ist FBI-Agent E.L. Pender hinter "Casey" her, der - so vermutet das FBI - für das Verschwinden von mehreren rothaarigen Frauen quer über die ganzen Staaten verantwortlich ist. Nun scheint er den Cops in die Falle gegangen zu sein: Bei einer routinemäßigen Verkehrskontrolle fällt der Polizistin auf, dass der Beifahrerin die Gedärme herausquellen. Zwar kann "Casey" noch reagieren und rammt der Polizistin ein Messer durch die Wangen, wird aber trotzdem geschnappt und wandert hinter Gittern. Dort nimmt sich die renommierte Psychologin Dr. Irene Cogan sich seiner gestörten Persönlichkeit an, um festzustellen, in wie fern "Casey" überhaupt verurteilbar ist.

Bereits im ersten Gespräch zwischen den beiden, in dem sich trotz der abscheulichen Brutalität "Caseys" eine knisternde Erotik entwickelt, wird ihr deutlich: Mit so einem Menschen hat sie es noch nie zu tun gehabt. Hochintelligent scheint der Gefasste ihr in allen Belangen überlegen zu sein, doch mittels Hypnose gelingt es Dr. Cogan, hinter die zur Schau gestellte Gelassenheit ihres Gegenübers zu blicken. Und was sie da sieht, soll ihr Leben verändern. "Casey" heisst in Wirklichkeit Ulysses Christopher Maxwell III und leidet unter DIS, einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Mal spricht sie mit "Max", der raffinierten, kaltblütigen Persönlichkeit, mal mit "Christopher", dem Charmeur, mal mit "Lyssy", dem kleinen Kind, das von Eltern und bekannten auf abartigste Weise missbraucht worden ist. Doch es ist "Kinch", das schwärzeste und gewalttätigste "alter" (Bezeichnung für eine der vielen Persönlichkeit eines an DIS erkrankten Menschen), das ihr Angst einflößt.

Auf Umwegen bekommt auch Agent Pender mit, dass "Casey" wohl geschnappt wurde und macht sich auf den Weg zum Gefängnis. Eigenmächtig lässt er sich mit ihm als Gefangener verkleidet in eine Zelle sperren, um ihm das Geheimnis der verschwundenen Rothaarigen heraus zu locken - und wird dabei gnadenlos überrumpelt. "Casey" alias Max alias Christopher alias Kinch kann fliehen, nimmt Dr. Irene Cogan als Geisel und hinterlässt auf einer Verfolgungsjagd durch den Westen der USA eine sehr, sehr blutige Spur - und Irene Cogan ist ebenfalls rothaarig...

Natürlich sind die Ähnlichkeiten zum Hannibal Lecter eines Thomas Harris, zum Mörder Sullivan eines John Katzenbach aus Sumpf des Verbrechens (verfilmt mit Sean Connery), zu Annie Wilkes aus Stephen Kings Misery und zu den Mini-Kapitelchen eines James Patterson mehr als augenscheinlich. Jedoch: Nasaws "Geduld der Spinne" ist keine billige Kopie! Vielmehr scheint sich der Autor von den zahllosen Serienkiller-Vorlagen das beste herausgepickt, verfeinert und weiterentwickelt zu haben.

Das alles freilich nicht ohne ein Augenzwinkern: Unser gestörter Killer Max hat in seiner riesigen Bibliothek selbst die Harris-Romane stehen und FBI-Agent E.L. Pender ist keineswegs der erwartete Profiler sondern seines Zeichens des FBIs schlechtest gekleiderter Angestellter und in seiner gelegentlichen Unbeholfenheit (Credo: Mehr Glück als Verstand) schon fast eine Karikatur. So kommt "Die Geduld der Spinne" (der Titel hat übrigens nichts, rein gar nichts mit dem Inhalt zu tun) trotz ausufernder Brutalität erstaunlich locker daher, was dem Thriller seine ganz unverwechselbare Note gibt.

Nasaws größte Leistung ist allerdings, ein fundiertes, glaubhaftes Täter-Psychogramm entworfen zu haben. Selten, ganz selten konnte sich der Leser besser in eine Bestie wie Max mit seinen unterschiedlichsten Persönlichkeiten hineinversetzen, ihn verstehen und fast schon Sympathie für ihn bzw. eines seiner "alters" entwickeln. Wie aus dem kleinen, missbrauchten Lyssy der serienmordende Max wird, ist so erschütternd wie absolut glaubhaft. Allein wegen der Schilderung des Krankheitsbildes DIS (siehe Info-Kasten "Hintergrund"), der Zerrissenheit des Menschen Ulysses Christopher Maxwell III und den daraus resultierenden inneren Dialogen ist "Die Geduld der Spinne" bereits absolut lesenswert.

Doch auch die anderen Charaktere sind Jonathan Nasaw gut gelungen. Dr. Irene Cogan ist eine wohltuend unspektakuläre Psychologin für einen Serienkiller-Roman, kompetent, aber nicht übermenschlich und hat sogar eine Schwäche für ihren Patienten (zumindest für einen Teil, also ein "alter"). Und Agent E.L. Pender? Ist wie bereits erwähnt fast schon eine Parodie eines amerikanischen Bundespolizisten. Steht sowohl auf schräge Kleidung als auch kurz vor der Pensionierung wie vor dem Rausschmiss und sieht in der Lösung des Falls "Casey" seine letzte große Aufgabe beim FBI, die er ohne Rücksicht auf Anweisungen und Verluste erfüllen will. Besondere Scharfsinnigkeit oder Cleverness kann man ihm dabei nun wirklich nicht unterstellen, eher Tollpatschigkeit, aber das Glück ist ja bekanntlich mit dem Tüchtigen.

Und so kommt es wie erwartet zu einem leicht klischeehaften Showdown und einem klassischen Cliffhanger, der mehr als deutlich macht, dass es zu einem Wiedersehen kommen wird. Vorerst zwar nur mit Agent Pender in "Fear itself" (erschienen 2003), doch so richtig wird man das Gefühl nicht los, dass auch ein Auftreten unseres Killers Max nicht lange auf sich warten lässt.

"Die Geduld der Spinne" ist somit ein hochgradig spannender und vor allem fundierter Thriller, flott geschrieben, ohne jede Länge, mit Figuren, die dem Serienkiller-Roman neues Blut einimpfen und alles in allem eine Frischzellenkur fürs Genre. Clarice Starling war gestern - E.L. Pender ist heute.

Die Geduld der Spinne

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