Terrorland

Erschienen: August 2020

Bibliographische Angaben

- TB, 442 Seiten

- Bd. 6 [Eugen de Bodt]

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Andreas Kurth
Wenn der Spion der Gegenseite ganz oben sitzt, wird es brenzlig

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mär 2021

Eugen de Bodt und seine Mitstreiter Silvia Salinger und Ali Yussuf müssen abermals einen geradezu unglaublichen Fall lösen: Vor der russischen Botschaft in Berlin fliegt ein Touristen-Bus in die Luft, mit amerikanischen und französischen Geheimdienstlern unter den zahlreichen Todesopfern. Durch ein umherfliegendes Trümmerteil wird auch der russische Botschafter getötet. Am Himmel über Berlin explodiert dann auch noch ein Linienflugzeug auf dem Weg nach London, an Bord ein hochrangiger deutscher Geheimdienstler. Und es gibt eine Mordserie an russischen Diplomaten in verschiedenen Ländern, die alle irgendwelchen Geheimdiensten angehörten. Zu den beiden Sprengstoffanschlägen bekennt sich der Islamische Staat, aber Eugen de Bodt glaubt nicht an die Täterschaft der radikalen Muslime.

Oder eben teilweise doch: Er nervt seine Vorgesetzten mit dem Satz, der IS sei es gewesen und eben auch nicht. Derartige Anschläge passen im Grunde nicht zum IS, da sind sich die Ermittler sicher. Wie schon aus vorherigen Fällen gewohnt, müssen sich de Bodt, Salinger und Yussuf mit den Spitzen von Innenministerium, BKA, Verfassungsschutz und Kanzleramt herumschlagen. Mit seinen Hegel-Zitaten nervt de Bodt erneut die ganzen Bürokraten, aber auch bei diesen Ermittlungen genießt er das Vertrauen der Kanzlerin - und das braucht er bei diesem ganz speziellen Fall mehr als je zuvor.

Auch der Terrorismus war unberechenbar geworden. Zu RAF-Zeiten wusste man wenigstens, ob man zur Zielgruppe der Terroristen gehörte oder nicht. Heute war es Fanatikern sogar egal, ob es Muslime erwischte oder nicht. Ob Terrorismus oder Sozialroulette, die Angst kroch ins Leben. Während die Politik nach Kräften dilettierte. Nicht mal den Anspruch erhob, die Bürger zu schützen. Und wenn sie es beansprucht hätte, hätte sie sich der Lächerlichkeit preisgegeben.

Mit den spektakulären Vorfällen gleich am Anfang sorgt Christian von Ditfurth dafür, dass seine Leser hellwach sind. Und wer schon andere Fälle von Eugen de Bodt und Konsorten verfolgt hat, ist schnell wieder drin in dieser eigenwilligen Truppe aus so verschiedenen Ländern. Neben der Berliner LKA-Truppe sind auch der Franzose Lebranc und sein Assistent Floire mit von der Partie; schließlich wurde eine französische Geheimdienstlerin getötet, und dann wird auch in Paris ein russischer Diplomat ermordet. Und angesichts der Verwicklung der Russen in die Vorfälle sind auch der russische Geheimdienstler Konstantin Merkow sowie seine mehr als undurchsichtige Assistentin Katt wieder in Berlin präsent.

Freunde und Feinde von Eugen de Bodt werden übrigens auf den Innenseiten der Umschlagseiten beschrieben, was vor allem für Erstleser dieser Reihe mehr als hilfreich sein dürfte. Zu den Widersachern gehört LKA-Polizist Krüger, der de Bodt hasst - und gerne mal Infos an die Presse durchsticht. Kriminalrat Tilly wartet auf das Scheitern von de Bodt, um ihn endlich loszuwerden. Und dann ist da auch wieder Bob Wedenstein, ein genialer Verbrecher, der sich trotz persönlicher Widrigkeiten aufs Neue in die spektakulären Ereignisse einmischt.

Der Leser wird (wie bei Christian von Ditfurth üblich) zunächst ebenso plan- wie atemlos durch die Geschichte gehetzt. Es ist ziemlich schwierig für den Autor, seine recht spektakulären Plots um Eugen de Bodt und seine bunte Truppe nicht nur auf einem gleichbleibenden Level zu halten, sondern sogar noch zu steigern. Dabei dürfte es einige Leser geben, denen der Realitätsgehalt der Fälle mittlerweile zu dünn geworden ist. Diese Sichtweise kann ich durchaus nachvollziehen, teile sie aber nicht: Der Autor nutzt seine dichterische Freiheit maximal - und das finde ich auch in Ordnung.

“Haben nicht Sie uns diese seltsame Theorie verkauft, dass es der IS war und doch nicht war?”

“Das stimmt”, sagte de Bodt.

“Ich habe nie geglaubt, dass die Russen Harakiri begehen”, sagte der Innenminister.

“Seppuku”, sagte de Bodt, “So heißt es in Japan.”

“Nachdem wir endlich auch das geklärt haben, was machen wir?”

“Ich glaube, dass irgendjemand in Russland uns glauben lassen will, dass Dump ein russischer Spion ist. Sie wollen ihn stürzen, seitdem das Impeachment gescheitert ist. Oder es gehört zur Zersetzungsarbeit gegen den Westen. Oder beides zusammen. Es könnte eine Fortsetzung der GRU-Operation sein. Nur viel raffinierter.”

Sicher ist es teilweise grenzwertig, was Christian von Ditfurth da so ablaufen lässt, aber für mich mach das gerade den Reiz seiner Thriller aus. Er spielt mit Vorurteilen gegen Donald Trump, er karikiert teilweise das Verhältnis der Amerikaner zu den Russen, und er inszeniert geradezu Berlin als den Schauplatz und Ausgang immer neuer Krisen, wie schon in den Vorgänger-Bänden. Vermutlich verschlingt man die Bücher aus der de Bodt-Reihe oder legt sie nach einem Drittel entnervt zur Seite. Ich pflege sie immer zu verschlingen, weil ich die Plots richtig genial finde - gerade wegen der immer weiter überhöhten Meta-Themen.

Und ich mag die kurzen Abschnitte, die witzig-klugscheißerischen Dialoge, und irgendwie auch de Bodt und seine ganze Entourage. Und auch wenn die Geschichte diesmal tatsächlich noch überdrehter ist als sonst, habe ich mich einmal mehr ausgezeichnet unterhalten gefühlt.

Fazit

Christian von Ditfurth gelingt es in Terrorland einmal mehr, den Leser von Beginn an zu fesseln. Für Einsteiger ist dieser Band der Reihe um Eugen de Bodt vielleicht nicht der beste Anfang, aber dennoch kann man sich auch hier reinlesen. Die Lösungen für die zahlreich auftretenden Rätsel liegen wie immer bei von Ditfurth zunächst tief im Nebel, sowohl Ermittler als auch Leser bekommen immer nur Ahnungen und Andeutungen hingeworfen. Aber Handlung, Personal und Dialoge bilden ein höchst unterhaltsames Paket, das für kurzweilige Unterhaltung sorgt. Aber was wird de Bodt machen, wenn die ihm höchst dankbare Kanzlerin nicht mehr im Amt ist? Es bleibt spannend.

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