Giftflut

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • München: carl's books, 2017, Seiten: 480, Originalsprache

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90°
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Andreas Kurth
Mutti hält ihre Hand über den sturköpfigen Ermittler

Buch-Rezension von Andreas Kurth Aug 2017

Bekannte und viel befahrene Brücken werden in Berlin, Paris und London von Terroristen in die Luft gesprengt. Es gibt zahlreiche Tote und noch mehr Verletzte. Im Umfeld der Anschläge werden jeweils die Chefs der städtischen Wasserbetriebe mit ihren Frauen in der eigenen Badewanne getötet - und die jeweiligen Ermittler erkennen keinerlei Zusammenhänge.

In Deutschland wird wie üblich eine Sonderkommission gebildet - Hauptkommissar Eugen de Bodt wird mit seiner Ermittlungsgruppe zunächst auf den so genannten Badewannen-Mord abgeschoben. Von Beginn an vermutet er allerdings einen Zusammenhang. Mit seinen Kollegen Salinger und Yussuf versucht er, die Verbindung zwischen den Taten zu finden, um weitere Anschläge zu verhindern. Der eigenwillige Kommissar legt sich abermals mit der gesamten Riege der Sicherheitsbehörden an - allerdings besteht die Kanzlerin darauf, dass er zu den Brücken-Sprengungen ermittelt. Die Anschläge führen zu Krisen in den drei Ländern, die Angst in der Bevölkerung wächst, die Börse bricht ein, Populisten melden sich zu Wort. Es gibt weitere Attacken, der Euro-Tunnel nach England wird gesprengt. Wo liegt das Motiv für die monströsen Anschläge? Eugen de Bodt kommt in seinem bislang schwierigsten Fall einfach nicht voran.

Christian von Ditfurth schreibt auf dauerhaft hohem Niveau

Wolf-Christian von Ditfurth, Sohn des Fernseh-Moderators Hoimar von Ditfurth, ist Historiker und Politologe. Seit 17 Jahren schreibt er neben Sachbüchern auch Kriminalromane. Und bei einem Politikwissenschaftler ist es kaum verwunderlich, dass seine Thriller auch in aller Regel eine kräftigen politischen Touch haben. Das gilt auf jeden Fall für die Reihe um den sturköpfigen Berliner LKA-Ermittler Eugen de Bodt.

Die ersten zwei Bände sind von den Lesern der Krimi-Couch im Durchschnitt weit über der 90-Grad-Marke eingestuft worden, der jüngste Fall nur knapp darunter. Der Autor schafft es in der Tat, auf einem gleichbleibend hohen Niveau zu schreiben. Das liegt einerseits an de Bodt und seinen beiden Mitarbeitern, andererseits an den Themen, die Christian von Ditfurth als Rahmen für seine Kriminalfälle wählt. Da geht es mal um Wirtschaftskriminalität, mal um Rohstoffvorkommen - und jetzt eben um die Aktienmärkte.

Eugen de Bodt provoziert bewusst und hat Spaß dabei

Eugen de Bodt kann man durchaus in verschiedene Schubladen stecken. Für die einen ist er arrogant, hochnäsig und schert sich nicht um Hierarchien und behördliche Abläufe. Für die anderen ist er ein hervorragender Polizist, der unkonventionelle Methoden bevorzugt, und damit eben auch überaus erfolgreich ermittelt.

Es verwundert nicht, dass es mehr als genug Neider gibt, die ihn nur zu gerne stolpern sehen würden. Durch seine hochnäsige Art provoziert der Kommissar - und ist sich dessen durchaus bewusst, er hat sogar großen Spaß daran.

Eugen de Both hat sich gegen den Willen seines hanseatischen Vaters für diesen Beruf entschieden, und denkt überhaupt nicht daran, im LKA mit den Wölfen zu heulen. Er sagt was er denkt, ermittelt so, wie er es für richtig hält - egal, was seine Vorgesetzten denken. Ihm ist bewusst, dass im Hintergrund etliche Leute darauf warten, dass er einen entscheidenden Fehler macht, um ihn hinaus zu katapultieren. Ihm ist das nicht nur egal, er legt es sogar wiederholt darauf an - und hat dennoch Erfolg mit seinen Methoden. Deshalb folgen ihm Ali Yussuf und Silvia Salinger durch alle Höhen und Tiefen, sie sind von seinen menschlichen Qualitäten und seiner beruflichen Brillanz überzeugt.

Schnelle Umschnitte sorgen für zusätzliche Dynamik

Christian von Ditfurth hat nun bereits mehrfach bewiesen, dass er spannende Thriller gut und temporeich erzählen kann. In "Giftflut" gibt es verschiedene Erzählperspektiven, deren Zusammenhang erst langsam klarer wird. Die Kapitel sind extrem kurz, die schnellen Umschnitte beschleunigen das Erzähltempo noch zusätzlich. Und der übliche schnodderig-intellektuelle Ton der Dialoge innerhalb des Teams von de Bodt kontrastiert herrlich mit der Art, wie der Kommissar mit Außenstehenden kommuniziert.

Und um noch kurz das bei vielen Lesern und Rezensenten beliebte Thema "Realitätsgehalt" anzusprechen: Der eine oder die andere werden hier von überdrehten Verschwörungstheorien sprechen, und die ganze Geschichte als vollkommen unrealistisch einstufen. Ich fürchte allerdings, Christian von Ditfurth ist mit vielen Aspekten seines Plots näher an der Realität, als wir es uns vorstellen mögen. Der Roman ist schon ein paar Monate auf dem Markt, und ständig wird uns immer wieder überdeutlich gezeigt, dass in Zeiten von Trump, Putin und Erdogan vieles möglich ist, was wir vor kurzer Zeit noch ausgeschlossen hätten.

Nachdenken ist nach der Lektüre des Romans nicht verboten

Der Autor zeigt aber auch, dass nicht nur staatliche Akteure Gefahren für das Gemeinwesen und das soziale Miteinander in der Gesellschaft auslösen können. Die lange Suche nach dem Motiv für die Terroranschläge löst so einige Überlegungen aus, die in meinen Augen keineswegs zu weit hergeholt sind. Zocker im Banken-System sind kein neues Phänomen, und werden uns auch noch lange erhalten bleiben. Millionen-Boni für Manager, deren Unternehmen fette Verluste einfahren, sind kurze Aufreger in einer schnelllebigen Welt, die schon morgen von anderen Schlagzeilen und neue Breaking-News bestimmt wird.

Wer von Ditfurths Geschichte einfach als höchst unterhaltsamen Thriller liest, wird seinen Spaß daran haben. Dennoch ist es nicht verboten, dabei und danach mal darüber nachzudenken, ob wirklich alles nur Fiction ist, oder wie dicht der Autor schon an der Realität entlang erzählt. So oder so sollte man die Lektüre intensiv genießen - "Giftflut" ist Lesekino der besten Sorte.

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