Der Chinesenpapagei

Erschienen: Januar 1928

Bibliographische Angaben

  • Indianapolis: Bobbs-Merrill, 1926, Titel: 'The Chinese Parrot', Seiten: 316, Originalsprache
  • Berlin: Rijke & Stock, 1928, Titel: 'Der Chinesen-Papagei', Seiten: 304, Übersetzt: Reinhard Rijke
  • Leipzig: Goldmann, 1929, Titel: 'Der Chinesen-Papagei', Seiten: 278, Übersetzt: Reinhard Rejke
  • Berlin; Leipzig; Wien: Goldmann, 1936, Titel: 'Der Chinesen-Papagei', Seiten: 207, Übersetzt: Reinhard Rijke
  • München: Goldmann, 1953, Titel: 'Der Chinesenpapagei', Seiten: 203, Übersetzt: Reinhard Rejke
  • München: Goldmann, 1957, Titel: 'Der Chinesenpapagei', Seiten: 186, Übersetzt: Reinhard Rejke
  • München: Heyne, 1981, Titel: 'Charlie Chan und der chinesische Papagei', Seiten: 174, Übersetzt: Dietlind Bindheim
  • Köln: DuMont, 2004, Seiten: 315, Übersetzt: Monika Schurr

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Michael Drewniok
Einem starken Auftakt folgt ein langer Mittelteil

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Nach vielen Jahren trifft Alexander Eden, gut situierter Diamantenhändler in San Francisco, seine heimliche Jugendliebe Alice Phillmore-Jordan wieder. Das Wiedersehen ist keine reine Freude, denn die einst märchenhaft reiche Witwe steht vor dem finanziellen Ruin, was sie ihrem einzigen und heiss geliebten, aber leider hohlköpfigen und geschäftlich denkbar ungeschicktem Sohn Victor zu verdanken hat. So muss sie die legendären Phillmore-Perlen zum Verkauf anbieten, die Eden zum Höchstpreis loszuschlagen gedenkt.

Einen Interessenten gibt es auch schon: P. J. Madden, der mächtige Börsenhai und Multimillionär, möchte die Perlen für sein Töchterlein erwerben. Das Geschäft ist rasch abgeschlossen, und nun gilt es, den Schatz aus der sicheren Hut des Phillmoreschen Familiensitzes auf der Hawaii-Insel Honolulu in Maddens Besitz zu überführen. Da die Perlen einen Wert von über 200.000 Dollar repräsentieren, sind die Beteiligten verständlicherweise etwas nervös, zumal einige merkwürdige Vorfälle darauf hindeuten, dass die Unterwelt inzwischen Wind von dem Handel bekommen hat. Eden schickt Bob, seinen Sohn, einen Lebemann mit Mumm in den Knochen, auf die weite Reise zu Maddens einsamer Farm in der kalifornischen Wüste. Alice Jordan stellt ihm einen alten Vertrauten der Familie zur Seite: den Chinesen Charlie Chan, einst Dienstbote im Hause Phillmore, aber dank seiner Intelligenz und seines Ehrgeizes schon lange Beamter der Kriminalpolizei von Honolulu, wo er für seinen Spürsinn, seine orientalische Gelassenheit und sein drolliges Kauderwelsch-Amerikanisch berühmt ist.

Charlie Chan inkognito

Chan ist es auch, der deutliche Anzeichen dafür entdeckt, dass es auf besagter Farm nicht mit rechten Dingen zugeht. Da ist nicht nur Tony, der sprachgewandte Papagei des Hausdieners Louie Wong, der eine üble Mordszene aufgeschnappt zu haben scheint, die er seither gern und wortgewaltig zum Besten gibt. Auch Madden verhält sich merkwürdig, wirkt gar nicht wie der souveräne Geschäftstycoon, der Wall Street und den Rest der Finanzwelt in Schrecken hält, und dringt eigentümlich heftig auf die Herausgabe der Perlen. Wenig Vertrauen wecken auch die zwielichten Gestalten, mit denen sich "Madden" umgibt. Charlie Chan rät daher zur Vorsicht. Unter falschem Namen lässt er sich als Koch anstellen und entdeckt rasch weitere Hinweise darauf, dass irgendein Verbrechen im Schwange ist. Unterstützt von Jungmann Bob, einem kauzigen Hinterwäldler-Reporter und einer jungen, hübschen Dame vom Film kommt Chan einem abenteuerlichen Komplott auf die Schliche. Aber dieses Spiel ist gefährlich, und der unglückliche, weil allzu geschwätzige Tony wird nicht der einzige sein, der dabei sein Leben lassen muss ...

"Der Chinesenpapagei": wieder einer dieser Klassiker, nach deren Lektüre sich der Leser verwundert fragt, wie er zu seinem Status gelangen konnte. Nüchtern betrachtet ist dieser Roman nämlich ein ziemlich mittelmäßiger; selbst dieses Urteil wurde zugunsten des Angeklagten gefällt. Womöglich liest sich "Der Chinesenpapagei" besser in einer Übersetzung, die diesen Namen auch verdient. Reinhard Rijke hat jedenfalls einen grässlichen Murks verbrochen, den auch die seither verstrichenen Jahrzehnte nicht mit Nostalgie vergolden konnten. Steif und plump und etwa so könnerhaft wie eines dieser automatischen Translationsprogramme, mit denen diverse Internet-Suchmaschinen ihre User zu Lachstürmen hinreissen, ist er zu Werke gegangen, was u. a. daran liegt, dass wir es hier mit einer schon zum Zeitpunkt dieser Goldmann-Veröffentlichung tüchtig angestaubten Übersetzung zu tun haben, die schon 1928 fabriziert worden war. Um leidlich Aktualität vorzutäuschen, haben die Goldmänner dann im Text vorkommende Jahreszahlen einfach dreissig Jahre in die Zukunft transponiert, was schlicht eine Zumutung ist, wenn der Leser sich während eines Besuches des Film-Mekkas Hollywood im angeblichen Jahr 1957 plötzlich in einem typischen Stummfilm-Studio wiederfindet. Über solche Anachronismen stolpert man ständig, und sie tragen nicht zu einem sowieso zwiespältigen Lektürevergnügen bei.

Ein seltener Fall: Der Film übertrifft das Buch bei weitem

Womöglich ist es auch die Enttäuschung, den literarischen Meisterdetektiv Charlie Chan mit seinen zahlreichen Hollywood-Inkarnationen vergleichen zu können. Hier haben wir nämlich den seltenen Fall, dass der Film das Buch bei weitem übertrifft. Zwischen 1932 und 1947 entstanden mehr als vierzig Kinofilme mit Chan-Darstellern wie Warner Oland, Sidney Toler und Roland Winters, die sich noch heute trotz der billigen Machart (sowie diverser hässlicher Rassismen) mit großem Vergnügen anschauen lassen. Mit dem "echten" Charlie Chan haben diese Streifen freilich nur wenig zu tun. Überhaupt gibt es nur sechs Original-Romane, die Earl Derr Biggers zwischen 1925 und 1932 verfasste; "Der Chinesenpapagei" ist der zweite auf dieser kurzen Liste.

Dabei legen die Filme (unfreiwillig?) ein grundsätzliches Manko dieser Romane offen: Biggers ist es nie gelungen, einen wirklich mitreissenden Plot zu konstruieren. Einem starken Auftakt folgt ein langer Mittelteil, der sich mehr oder weniger im Kreise falscher Alibis, unschuldig Verdächtigter und verdächtiger Unschuldiger dreht. "Der Chinesenpapagei" unterhält am besten in den Kapiteln, die in San Francisco spielen. In der Wüste beginnt die Story zu kümmern. Sie erholt sich nicht einmal im Finale, das keine echten Überraschungen bieten kann. Dazwischen gelingen Biggers immer wieder pittoreske Szenen, die indes zur Handlung kaum etwas beitragen. Von realistischer Detektiv- oder Polizeiarbeit kann übrigens auch keine Rede sein, und das angeblich so perfekt geplante Verbrechen, dem wir eher ungläubig beiwohnen, könnte nicht einmal Tony, den Papagei, täuschen.

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