Charlie Chan vor verschlossenen Türen

Erschienen: Januar 1933

Bibliographische Angaben

  • Indianapolis: Bobbs-Merrill, 1932, Titel: 'The keeper of the keys', Seiten: 307, Originalsprache
  • Leipzig: Ernst Oldenburg, 1933, Titel: 'Der Hüter der Schlüssel', Seiten: 280, Übersetzt: Hansi Bochow-Blüthgen
  • München: Heyne, 1983, Seiten: 253, Übersetzt: Dietlind Bindheim

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Michael Drewniok
Detektiv im Schnee, aber auf heißer Spur

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2021

Kriminal-Inspektor Charlie Chan, der normalerweise in Honolulu selbst raffinierte Strolche in Angst und Schrecken versetzt, nutzt seine Anwesenheit auf dem US-Festland für einen Arbeitsurlaub. An der Grenze zwischen den Bundesstaaten Nevada und Kalifornien liegt Lake Tahoe. Der gleichnamige Gebirgssee lockt im Sommer zahlreiche Touristen an, aber jetzt ist Winter, was Chan erst recht fasziniert: Er hat noch niemals Schnee gesehen!

So kam ihm die Einladung eines reichen Geschäftsmanns in sein feudales Ferienhaus gerade recht. Dudley Ward war der erste von (bisher) vier Ehemännern der schönen Ellen Landini, die sich als Opernsängerin einen Namen gemacht hat. Die Ehe endete ebenso abrupt wie kinderlos; jedenfalls glaubte Ward dies, bis ihn das Gerücht erreichte, dass Ellen einst einen = seinen Sohn zur Welt brachte, ihm dies aber verschwieg. Ward will sie zur Rede stellen. Er hat nicht nur sie, sondern auch die Ehemänner Nr. 2 bis 4 sowie den Kandidaten für Ehe Nr. 5 an den Lake Tahoe gebeten, um sie nach dem Kind zu fragen, wobei Chan ihm helfen soll, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Ellen streitet jegliche Schwangerschaft ab, die Ex-Gatten geben ebenfalls nichts preis. Bevor Ward und Chan Ellen eingehender in die Zange nehmen können, wird sie erschossen. Der Mörder muss unter den Gästen oder den Bediensteten zu finden sein. Alle kannten Ellen - und niemand liebte sie. Die Alibis der Anwesenden sind schwach, die Indizien widersprüchlich. Der lokale Sheriff Don Holt ist eifrig, aber unerfahren und deshalb froh, dass Chan bereit ist ihn zu unterstützen. Zwar kann einen weiteren Mord nicht verhindert werden, aber mit der für ihn typischen Gründlichkeit enthüllt Chan ein komplexes Drama und die Erklärung für Ellen Landinis Ende …

Kein Detektiv aus dem Baukasten

Nur sechs Romane mit Charlie Chan konnte Earl Derr Biggers vor seinem frühen Herztod im April des Jahres 1933 schreiben. „The Keeper of the Keys“ ist der letzte - leider, denn Biggers legte einmal mehr ein nicht nur spannendes, sondern auch sonst gelungenes Werk vor, das sich vor allem in der zentralen Figurenzeichnung angenehm von den Stereotypen zeitgenössischer Krimis abhebt.

Charlie Chan mag aus heutiger Sicht nicht „politisch korrekt“ genug geschildert sein. Für eine Hauptfigur mit ‚fremden‘ kulturellen Hintergrund wirkt er im zeitgenössischen Umfeld erstaunlich selbstbewusst. Er ist weit mehr als die Verkörperung des „rätselhaften Orients“, und erst recht lässt er sich nicht in die Schurkenrolle des „gelben Teufels“ drängen, der scheinheilig grinsend, aber hinterhältig ‚weiße‘ Jungfrauen raubt und brave Männer mit Opium vergiftet: Dies war die Rollen, die in der Populärkultur der 1930er Jahre den Chinesen zugedacht war.

Doch Charlie Chan hat mit dem gleichzeitigen Dr. Fu Manchu höchstens die Intelligenz gemeinsam. Autor Biggers achtete darauf, seine Figur vorurteilsfrei darzustellen, ohne dabei die Existenz dieser Vorurteile zu leugnen, sich ihrer zu bedienen oder sie gar gutzuheißen. In „… vor verschlossenen Türen“ spielt Chans Herkunft explizit eine Rolle, wenn er u. a. mit dem Hausdiener Ah Sing über kulturelle Identität diskutiert und bekennt, dass er, der noch in China geboren wurde, sich amerikanisiert und damit seinen chinesischen Wurzeln entfremdet hat - ein Geständnis, dass Chan durchaus schwerfällt, zumal er weiß, dass ihn die ‚richtigen‘ Amerikaner nur unter Vorbehalt und aufgrund seiner kriminalistischen Fähigkeiten akzeptieren.

Zu viele Ehemänner waren der Gattin Tod

Wieder einmal ermittelt Chan nicht auf Hawaii, wo er eigentlich arbeitet und mit seiner kopfstarken Familie lebt. Er reist ins Binnenland der USA bzw. dorthin, wo es im Winter schneit; ein Phänomen, das Chan - der sich seinen Sinn für kindliches Staunen erhalten konnte - entzückt. Dudley Wards ohnehin abgelegenes Ferienhaus am Lake Tahoe wird durch Eis und Schnee zusätzlich von der Außenwelt isoliert und damit zum typischen Schauplatz eines Mordes, der von den zum Zeitpunkt der Tat im Haus Anwesenden begangen worden sein muss, aber eigentlich nicht begangen worden sein kann, weil die Indizien eine andere Sprache sprechen.

Damit ist die Bühne für einen typischen Rätselkrimi eingerichtet. Bevölkert wird sie routiniert mit der üblichen Schar gleichermaßen unschuldiger wie verdächtiger Personen, wobei Biggers dieses Mal einen besonderen Akzent setzt: Das Opfer war viermal (unglücklich) verheiratet und steht vor einer fünften Ehe. Sämtliche Ex-Gatten und der nächste Kandidat sind anwesend, was aufgrund der ausführlich ins Geschehen einfließenden Vorgeschichten für zusätzliche Verdachtsmomente sorgt: Alle haben sie Gründe, Ellen Landini umzubringen.

Der Mord selbst scheint in seinem Ablauf bald geklärt zu sein, aber natürlich wirft Biggers im großen Finale über den Haufen, was sich nach und nach zu einem Tatgeschehen verdichtet hatte. Als genreerfahrende Leser hatten wir ohnehin nicht geglaubt, was die wie üblich unterbelichtete Polizei zu einem schlüssigen Fall schürzte, während Charlie Chan sich genretypisch in Schweigen hüllt oder sich auf Andeutungen beschränkt, die zumindest andeuten, dass er zu gänzlich anderen Schlüssen gekommen ist.

Das Klischee als Instrument

1932 existierte Charlie Chan nicht nur als Romanfigur, sondern parallel dazu als Held einer erfolgreichen Serie von B-Movies, die in den Kinos vor dem „Hauptfilm“ gezeigt wurden. Diese Filme waren inhaltlich deutlich grobschlächtiger als Biggers‘ Bücher; hier gab sich ein ‚ulkig‘ radebrechender Chan eher unterwürfig in Gegenwart dümmlicher und/oder gönnerhafter Polizeikollegen. Die Plots waren simpel und wurden mit plump-‚komischen‘ Gags ‚angereichert‘, und stets gab es eine niemals originelle Liebesgeschichte, gerieten ein junger Mann oder eine junge Frau in Verdacht und mussten von Chan freigesprochen und gerettet werden, um im Finale ihre Eheschließung bekanntzugeben.

Biggers kassierte gut in Hollywood und übernahm als Profi-Autor dieses Konzept. In „… vor verschlossenen Türen“ schlüpfen Sheriff Holt und Jungmaid Leslie Beaton in die skizzierten Rollen. Ihr umständliches Werben stellt den Schwachpunkt der Handlung dar, zu der das Paar nichts Elementares beizutragen hat, sondern nur Seiten stiehlt. Zudem charakterisiert Biggers die beiden jungen Leute als Simpel, die sowohl in Liebesdingen als auch im zentralen Mordfall den Wald vor Bäumen nicht erkennen. Weise, alte Männer - Sheriff Holts Vater und eben Charlie Chan - müssen ihnen den Weg weisen.

Die Auflösung bietet die erhoffte Überraschung; für die Bluttaten verantwortlich ist ein bisher gänzlich unverdächtiges Mitglied des Haushalts. Zuvor hat Chan, der die Gerechtigkeit über das geltende Recht stellt, einen nur moralisch Mitschuldigen entkommen lassen - eine Reaktion, mit der Biggers unterstreicht, dass Charlie Chan fähig und willens ist zu lernen - über den Winter und über die Menschen, was ihn von der Mehrzahl der zeitgenössisch populären Ermittler unterscheidet.

Kein Wiedersehen im Kino

Interessanterweise ist „… vor verschlossenen Türen“ der einzige Charlie-Chan-Roman, der nicht als Drehbuchvorlage für die Film-Serie herangezogen wurde, die es zwischen 1930 und 1949 auf 44 Episoden brachte. Die ersten fünf Romane wurden dagegen sämtlich und oft sogar mehrfach adaptiert (bzw. variiert).

Fazit:

Der sechste und letzte Roman der Serie zeigt Charlie Chan nicht nur gewohnt souverän bei der Detektivarbeit, sondern gibt auch der Figur Raum zu einer Entfaltung abseits zeitgenössischer Stereotypen. Das Ende der Serie aufgrund Biggers‘ Tod stimmt aufgrund solcher Qualitäten erst recht traurig.

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