Charlie Chan macht weiter

Erschienen: Januar 1931

Bibliographische Angaben

  • Indianapolis: Bobbs-Merrill, 1930, Titel: 'Charlie Chan carries on', Seiten: 334, Originalsprache
  • Leipzig: Ernst Oldenburg, 1931, Seiten: 255, Übersetzt: Hansi Bochow-Blüthgen
  • München: Heyne, 1984, Seiten: 251, Übersetzt: Dietlind Bindheim

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Michael Drewniok
Mörder dezimiert Weltreise-Gruppe

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2019

Im Februar des Jahres 1930 wird Chief Inspector Duff vom Scotland Yard ins Londoner Hotel „Broome’s“ gerufen: Zum Entsetzen der Geschäftsführung wurde ein Gast erdrosselt aufgefunden. Hugh Morris Drake gehörte zu einer nur mehr 16 Köpfe zählenden Reisegruppe aus den USA, die Dr. Lofton über den Globus führt; außer Europa steht auch Asien auf dem Programm.

Da Duff trotz intensiver Nachforschungen keinen Verdächtigen namhaft machen kann, muss er die Gruppe zu seinem Unwillen ziehen lassen. Allerdings trifft man sich bald wieder, denn in Nizza, dem nächsten Etappenziel der Reise, trifft ein weiteres Mitglied den Sensenmann. Inspector Duff reist auf den Kontinent, doch abermals hat der Mörder - der eindeutig zu den Reisenden gehört - sämtliche Spuren geschickt verwischt.

So ist es auch im italienischen San Remo, wo sich ein dritter Mord ereignet. Deshalb darf die Gruppe sich weiter gen Indien und China einschiffen. Als man sich wieder den USA nähert und zu zerstreuen droht, setzt Duff zu einer Überraschungsattacke an: Auf der Hawaii-Insel Honolulu gesellt er sich erneut zu den Reisenden. An seiner Seite ist ein alter Freund und Kollege: Inspector Charlie Chan ist für seinen Spürsinn bekannt und verbrecherseitig gefürchtet.

Als ein Anschlag auf Duff verübt wird, ist es eine Ehrensache für Chan, den Fall zu übernehmen. Sechs Tage an Bord eines Dampfers bleiben ihm, um die verworrene Geschichte einer Rache zu klären, die vor vielen Jahren begann, um nun zu ihrem tödlichen Ende geführt zu werden. Wenn das Schiff in San Francisco anlegt, dürfte der Fall gelöst sein. Leider ist dies auch dem Täter bewusst, sodass nun Charlie Chan in sein Visier rückt …

Als der Erdball noch größer war

Nur sechs Charlie-Chan-Romane schrieb Earl Derr Biggers (1884-1933). Er starb früh, ein Schicksal, das ähnlich betroffene Krimi-Autoren nicht davon abhielt, prämortal vor allem produktiv zu sein. Dagegen wartete Biggers offenbar, bis ihm ein echter Einfall kam, bevor er sich an die Schreibmaschine setzte - ein generell lobenswertes Konzept, das erst recht hoch zu bewerten ist, wenn man bedenkt, dass zwischen 1931 und 1949 47 Charlie-Chan-Filme gedreht wurden, deren Autoren die Zeit (und oft das Talent) fehlte, dem Schöpfer der Serie diesbezüglich nachzueifern.

„Charlie Chan macht weiter“ ist ein missverständlicher Titel. Es geht nicht darum, dass Chan in einem neuen Fall - seinem fünften und zweitletzten - ermittelt. Eindeutiger müsste es „Charlie Chan übernimmt“ heißen, denn genau darum geht es: Als Inspector Duff ausfällt, springt Chan in die Bresche. Bis es soweit ist, lesen wir keinen Chan-, sondern einen Duff-Roman. Dies sorgt für einen neuen Ansatz, der diesen Roman ein gutes Stück aus der Routine reißt, die in jeder Serie irgendwann einkehrt.

Duff haben Chan und wir Leser erstmals in „Behind That Curtain“ (1928; dt. „Hinter jenem Vorhang“/„Charlie Chan und die verschwundenen Damen“) = Band 3 der Serie, kennengelernt. Er ist kein einprägsamer Charakter; anders als Charlie Chan fehlt ihm das ‚exotische‘ Ambiente. Nichtsdestotrotz taugt Duff als ‚Ersatz‘, denn Biggers konfrontiert ihn mit einem ebenso komplizierten wie interessanten Kriminalfall. Zudem sprengt der Autor das übliche Whodunit-Konzept, indem er die Ereignisse im Rahmen einer Weltreise stattfinden lässt.

‚Globale‘ Ermittlung in analoger Zeit

„Charlie Chan macht weiter“ spielt in einer Ära, als es relativ einfach möglich war, auf einem Erdball unterzutauchen, der in isolierte Einzelteile zerfiel, sobald kontinentale Grenzen überschritten wurden. Hilfreich war das Fehlen jeglicher Institutionen, die tatsächlich global arbeiteten. Identitäten wurden nur eingeschränkt gespeichert. Zudem ließen sich entsprechende Informationen schwer austauschen, denn das digitale Zeitalter und seine multimedialen Möglichkeiten lagen sogar außerhalb der Vorstellungskraft einfallsreicher Science-Fiction-Autoren.

Deshalb hätte der lange anonyme Mehrfach-Mörder durchaus die Chance, der Gerechtigkeit eine Nase zu drehen. Dass dies misslingt, ist die Folge einer mit Einfallsreichtum gepaarten Hartnäckigkeit: Inspector Duff ist die Verkörperung von Scotland Yard, wo man es - jedenfalls aus Schriftstellersicht - als Herausforderung und persönliche Beleidigung betrachtet, von einem Strolch vorgeführt zu werden.

Deshalb verlässt Duff die britische Hauptinsel, die ihm kriminalistisch so bekannt ist wie seine Westentasche. Um 1930 war die daraus resultierende Weltreise tatsächlich ein Abenteuer, obwohl schon damals betuchte Zeitgenossen im Vergleich zum ‚normalen‘ Dienstreisenden luxuriös von Ort zu Ort befördert wurde. Doch eine solche Tour konnte und musste aufgrund der zur Verfügung stehenden Verkehrsmittel Monate dauern und war anstrengend. Von modernem Massentourismus konnte keine Rede sein - eine Tatsache, die letztlich die Lösung des Falls überhaupt erst ermöglicht: Die letzte Etappe der Reise stellt ein sechstägige Dampferfahrt dar. Niemand kann das Schiff verlassen, was Charlie Chan die Zeit verschafft, das kriminelle Geheimnis zu lüften.

Hetzjagd im Schneckentempo

Spannung erwächst nicht nur aus der Frage nach dem Mörder und seinem (oder ihrem) Motiv. Ebenso wichtig ist die Ungewissheit: Wird er (oder sie) die Reisegruppe weiterhin als Tarnung nutzen oder sich irgendwo in der Fremde absetzen? Ständige Ortswechsel vertuschen, dass sich ansonsten eine genretypische Rätselkrimi-Handlung entspinnt. Zumindest in Gestalt von Inspector Duff ist Scotland Yard auch in der Ferne präsent. Die örtliche Polizei macht bei Biggers keine gute Figur. In Frankreich und vor allem in Italien treten Ermittler als aufgeblasene Spottgestalten in pompösen Uniformen auf.

Die einzige Ausnahme stellt (natürlich) Charlie Chan dar. Bis die Handlung Honolulu erreicht, hat sich Duff mehrfach ausführlich an ihn erinnert, und Biggers beobachtet ihn bei seinem (noch ereignisarmen) Tagwerk. Sobald die Reisegruppe Hawaii betreten hat, tauscht der Autor die Hauptfigur aus, wie es der Romantitel ankündigt.

Auf den verbleibenden Seiten muss Chan unter Beweis stellen, was ihn vom ebenfalls talentierten Duff unterscheidet. Es gelingt Biggers gut, jenes Fünkchen kriminalistischer Genialität sichtbar zu machen, das Chan und Duff trennt. Wenn es an Bord des erwähnten Dampfers zum typischen Finale - der Detektiv rekonstruiert den Fall, während die Verdächtigen sein Publikum bilden - kommt, versöhnt die Qualität des bis dato Gelesenen mit einer primär dramatischen statt plausiblen Auflösung. Auch die schablonenhafte Zeichnung der Figuren ist kein echtes Manko: Der ‚gemütliche‘ Rätselkrimi ist gerade wegen seiner altmodischen bzw. nostalgischen Konventionen erfolgreich (geblieben). Mit „Charlie Chan macht weiter“ liefert Earl Derr Biggers, was sein Publikum wünscht!

„Charlie Chan macht weiter“ als Film

Selbstverständlich wurde auch Biggers‘ fünfter Chan-Roman verfilmt, als 1931 das Studio Fox (ab 1935 20th Century Fox) damit begann, Charlie-Chan-Filme zu produzieren. Dies waren sog. „B-Movies“, die möglichst sparsam budgetiert und meist kürzer als die „großen“ Filme waren. In den Kinos wurden diese B-Movies vor dem „Hauptfilm“ gezeigt. Sie erfreuten sich großer Beliebtheit, weil sie handlungskonzentriert, schnell und spannend waren und vom handwerklichen Geschick vor und hinter der Kamera profitierten. Bevor das Fernsehen übernahm, fanden Filmserien primär in diesem Umfeld statt: Bis 1949 entstanden 47 Chan-B-Movies.

Hollywood-Logik ließ die Serie mit dem fünften Romanband starten. In der Titelrolle debütierte Warner Oland (1879-1938), der als Charlie Chan berühmt und wohlhabend sowie auf die Rolle des weisen bzw. gefährlichen Asiaten festgelegt wurde. Der Publikumszuspruch war groß, weshalb es schade ist, dass dieser Film wohl nicht mehr existiert. Nach zwei Bränden im Studio-Archiv lässt er sich jedenfalls nicht mehr nachweisen. (Allerdings wurde in dieser Ära vor der Synchronisation eine Version mit spanischsprachigen Darstellern gedreht, die überlebt hat.) Für „Charlie Chan’s Murder Cruise“ (1940; dt. „Charlie Chan auf Kreuzfahrt“) wurde das Drehbuch noch einmal abgestaubt und neu verfilmt. Die Titelrolle hatte nach Olands Tod ebenso erfolgreich Sydney Toler (1874-1947) übernommen.

Fazit:

Quer über den Erdball geht diese Jagd auf einen Mörder, der unter Druck immer neue Bluttaten begeht, bis endlich Charlie Chan den Fall im fünften Roman der Chan-Serie übernimmt, um die losen Fäden genretypisch, d. h. ebenso dramatisch wie betulich, zusammenzuführen. Auch dieser Roman bietet ‚gemütliche‘ Krimi-Kost der bewährten und zum Klassiker gereiften Art.

Charlie Chan macht weiter

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