Das Mädchen am Strand

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Seattle: Amazon Publishing - Edition M, 2018, Seiten: 350, Originalsprache

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Thomas Gisbertz
Leichte Krimikost mit Inselflair

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jan 2018

Nachdem Hauptkommissarin Lena Lorenzen im Frühsommer im Todesfall eines Kinderheim-Leiters auf Amrum ermittelt hat, möchte sie auf der Insel nun eigentlich einige Urlaubstage bei ihrer Jugendliebe Erck verbringen. Auf Drängen ihres Vorgesetzen, Kriminaldirektor Warnke, soll sie sich aber an der Suche nach der 14-jährigen Maria Logener auf der Nachbarinsel Föhr beteiligen. Die wurde von ihrer Schwester Johanna, die sich von ihrer Familie abgewendet hat und nun in Kiel Pharmazie studiert, als vermisst gemeldet.

Die Ermittlungen erweisen sich als schwierig, da vor allem Marias Eltern jegliche Kooperation ablehnen. Besonders der Vater scheint großen Druck auf die Familie auszuüben. Es zeigt sich, dass die religiöse Bruderschaft, der die Familie angehört, extrem konservativ ist und sich gegen die Außenwelt abschottet. Es gilt ein überholtes Rollenverständnis: der Vater als Oberhaupt der Familie, die ihr Leben streng nach den Vorgaben der Bibel auslegt und in der es auch Praxis ist, die Kinder zwangszuverheiraten.

Im Gegensatz zu ihren Eltern sieht Marias Umfeld sie als sehr reif und erwachsen an. Ihre Lehrer weisen aber auch darauf hin, dass sie in der Schule von Mitschülern gemoppt bzw. drangsaliert wird und dass sie außer mit ihrer Freundin Lisa keine engen, vertrauten Kontakte pflegt.

Zwei Tage nach ihrem Verschwinden wird die vermisste Maria tot am Strand entdeckt. In Lena Lorenzen keimt schnell der Verdacht auf, dass es sich hierbei nicht um einen Suizid handelt. Gerichtsmedizinerin Luise Stahnke, die mit Lena eng befreundet ist, bestätigt diesen Verdacht und macht außerdem die Entdeckung, dass das Opfer etwa zwei Wochen vor der Tat vergewaltigt wurde.

Protagonisten bleiben weitgehend blass und konturenlos

Anna Johannsen gelingt es sicherlich, ein gewisses Inselflair zu verbreiten. Man hat das Gefühl, die Hauptkommissarin bei ihren Ermittlungen über die Insel Föhr zu begleiten. Auch die Figuren sind in ihrem beruflichen Auftreten und ihren Lebensweisen durchaus glaubwürdig. Lena Lorenzen, die auf Amrum groß geworden ist, aber die Insel und ihren Vater nach dem Tod der Mutter mit 18 Jahren verließ, hat wieder Kontakt zu ihrer Jugendliebe Erck, der auf Amrum lebt und den sie bei ihrem letzten Fall wieder getroffen hat. Aber auch den Avancen ihres Arbeitskollegen Ben, mit dem sie im ersten Fall bereits eine kurze Affäre hatte, kann sie sich kaum entziehen.

Es mag daran liegen, dass die Autorin eine Frau ist, wenn das Verhalten der männlichen Hauptfiguren wesentlich kritischer beurteilt wird, zum Beispiel bei Lenas Kollegen Johann, der sich von der Schwester des Opfers angezogen fühlt. Immer wieder nimmt die Hauptkommissarin auch Kontakt zum Hacker Leon auf, der sie bei inoffiziellen Recherchen unterstützt, seit sie ihn vor Jahren vor einer Anklage bewahrt hat.

Warum sich Lena Lorenzen ständig an ihn wendet und nicht den offiziellen Dienstweg beschreitet, bleibt unklar. Demgegenüber zeigt sie sich bei dienstlichen Versäumnissen der Kollegen engstirnig, auch wenn sie hier die letztendliche Konsequenz vermissen lässt. So reglementiert die Hauptkommissarin zum Beispiel einen Kollegen, der ein Fehlverhalten seines Vorgesetzten Arno Brandt deckt, fast schon freundschaftlich:

"Um einen kleinen Eintrag in die Personalakte werden wir wohl nicht herumkommen. Vielleicht bleibt es ja bei einer Verwarnung. Ist das in Ordnung für dich?"
"So ein Eintrag wäre schmerzlich, aber wenn's sein muss."
"Ich denke, eine Verwarnung wird ausreichen."

Vielschichtige und komplexe Figuren gibt es insgesamt leider nicht, was auch daran liegen mag, dass die Charaktere fast schon zu normal bzw. stereotyp gezeichnet werden und es ihnen an Ecken und Kanten fehlt. Schon die Auswahl der Figuren bietet nichts Neues: Mobbende Jugendliche, eine Lehrerin, der eine Affäre mit einer Schülerin nachgesagt wird, ominöse Chatbekanntschaften - all das kennt man schon - und die Autorin bedient hier allenfalls klassische Klischees.

Ein mäßig spannender Krimi, bei dem die Autorin zu viel wollte

Was die Handlung betrifft, so beginnt sie durchaus vielversprechend mit einem grundsätzlich spannenden Plot und man fiebert anfänglich mit den Ermittlern mit. Allerdings hat die Autorin insgesamt leider zu viel gewollt: Religiöse Fanatiker, Mobbing durch Mitschüler, sexualisierte Gewalt, zwielichtige Lehrer und vieles mehr. Das wäre sicherlich Material für eine ganze Reihe, bei einem einzigen Fall wirkt es aber zu überladen.

Auch die Dialoge wirken immer wieder recht hölzern, die Sprache teilweise zu gestellt und das Verhalten der Figuren auch vorhersehbar. Das gilt aber nicht für den Schluss. Ganz im Gegenteil: Das Ende des Falles ist ebenso überraschend wie auch leider konstruiert. Man kann die Gedanken der Autorin regelrecht hören: Wo verstecke ich ein Mädchen auf einer Insel, wo jeder jeden kennt? Wie kann ich viele falsche Fährten legen? Schade, dass die Spuren, die die Autorin legt, schließlich nicht zusammenführen. Der Schluss enthält einfach zu viele Zufälle und lässt zahlreiche Fragen offen. Das bedeutet nicht, dass das Ende unrealistisch wäre, aber es enttäuscht den mitfiebernden Krimileser.

Nette Urlaubslektüre - mehr aber nicht

Die Autorin schreibt gerade am dritten Band, der auf Sylt spielen wird. Bleibt zu hoffen, dass Anna Johannsen es gelingt, ihren Figuren mehr Schärfe und Tiefgang zu geben. Auch sollte sie sich meines Erachtens auf wenige, aber dafür klar ausdifferenzierte Handlungsstränge beschränken. Manchmal ist weniger mehr. Die Spannung hält sich bei der Lektüre in Grenzen, was sicherlich daran liegt, dass die Ermittlung wenig Aufregendes mit sich bringt.

Für alle, die einen unaufgeregten, weniger brutalen Krimi mit Inselflair suchen, den man im Urlaub lesen kann und dem man auch kleinere inhaltliche Mängel - leider besonders zum Schluss hin - verzeiht, der liegt bei diesem Krimi sicherlich richtig. Insgesamt ragt "Das Mädchen am Strand" allerdings nicht aus der breiten Masse der Inselkrimis heraus.

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