Menschenfischer

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Kindler, 2017, Seiten: 480, Originalsprache

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Brigitte Grahl
Das Spinnennetz des Bösen

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Aug 2017

Robert Marthaler macht sich wieder mal unbeliebt. Während seine Kollegen bei der Polizei alle Kräfte gebrauchen könnten, um einen vermeintlichen terroristischen Anschlag auf den amerikanischen Präsidenten (hier noch Obama) aufzuklären, fährt er lieber nach Frankreich zu einem pensionierten Kollegen, der behauptet, in einem alten, ungelösten Fall auf eine neue Spur gestoßen zu sein. Dabei ist Marthalers Triebfeder eigentlich die Flucht vor seiner scheiternden Beziehung zur On/Off-Freundin Tereza.

Rudi Ferres war der Ermittlungsleiter bei einem spektakulären und bis dato nicht aufgeklärten Mord an einem 13-jährigen. Der Fall hat ihn seine Karriere und seine privaten Beziehungen gekostet, weil er von der Suche nach dem Täter besessen war. Nach der langen Anreise nach Frankreich ist Marthaler verständlicherweise verärgert, als er bemerkt, dass ihn Ferres hergelockt hat, ohne eine wirklich neue Spur zu haben. Aber als Marthaler knapp einem tödlichen Anschlag entgeht, ist er bereit, die Ermittlungen seines Kollegen weiterzuführen. In Frankfurt kreuzen und verweben sich nicht nur der alte Fall mit einem aktuellen, sondern auch die Wege von Robert Marthaler und der Polizistin Kizzy Winterstein.

Seghers bleibt auf der Gegenwartsebene und macht damit das Lesen leichter. Während sich der erste Teil dem alten Fall widmet, aber aus der Gegenwartsperspektive erzählt, widmet sich der zweite Teil einem neuen Handlungsstrang in der Gegenwart. "Menschenfischer" handelt - wie so viele Kriminalromane - von Kindesmissbrauch und -prostitution. Aber es ist leider auch eines der "Kerngeschäfte" des modernen organisierten Verbrechens, und begegnet uns beinahe täglich in den Schlagzeilen. Marthaler gewinnt dem Thema aber noch einen neuen, hochaktuellen Aspekt ab, indem er einen alten Fall raffiniert mit aktuellen Missständen verknüpft.

Ins Privatleben des Ermittlers kommt wieder Bewegung

Die gute Meldung: In Marthalers Privatleben tut sich wieder was. Er schließt endlich mit Tereza ab und nimmt die Damenwelt wieder wahr. Die neue Kollegin Kizzy Winterstein, die in der Mitte des Buches erstmals eingeführt wird, ist ein ebenso schwieriger und eigenwilliger Mensch wie Marthaler und weiß, mit ihm umzugehen. Und er macht sich sogar einen neuen Freund in Frankreich. Vielleicht kommt es ja zukünftig zu einer internationalen Zusammenarbeit.

In "Menschenfischer" nimmt sich der Autor, wie schon in vorangegangenen Büchern der Reihe, einen echten Kriminalfall vor und verknüpft ihn mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Diesmal dient der immer noch ungelöste Fall des ermordeten Frankfurter Jungen Tristan Brübach als Blaupause.

Seghers hat gründlich recherchiert: Die Fakten übernimmt er detailgetreu. Er kennt auch die neuen, inoffiziellen Theorien zu Täter und Motiv und zieht daraus seine eigenen Schlüsse, die sehr überzeugend klingen. Den wahren Fall aus dem Jahr 1998 verschachtelt er kunstvoll mit einem aktuellen, fiktiven Fall, der 2013 spielt.

Ein beeindruckendes gesellschaftskritisches Panorama

Es ist beeindruckend, wie Seghers beide Fälle und alle Handlungsfäden zusammenführt und daraus ein gesellschaftskritisches Panorama entwickelt, in dem auch das hochaktuelle Flüchtlingsthema seinen Platz findet. Das alles gelingt ihm auf 427 Seiten, ohne dass Personen, Atmosphäre und Handlungen zu kurz kommen. Nebenbei entwickelt er das Privatleben des kantigen Kommissars weiter und führt neue Personen ein, ohne dass die Haupthandlung darunter leidet.

"Menschenfischer" ist eine rundum gelungene Lektüre: Ein spannender Fall mit unvorhersehbaren Wendungen und einer schlüssigen Auflösung, und eine straffe Handlung mit einem dynamischen Erzähltempo. Trotzdem gibt es in "Menschenfischer" immer wieder Platz für Atmosphäre und Gefühl, ja sogar Poesie. Seghers wird immer besser!

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