Gossenblues

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Dortmund: Grafit, 2017, Seiten: 320, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Eine Frau sucht einen Mann, den sie täglich sieht

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Aug 2017

Privatdetektiv Vijay Kumar besucht das Grab seines vor drei Wochen verstorbenen Vaters. Dort beobachtet er eine ihm unbekannte Frau, die eine weiße Lilie ablegt. Wenig später beauftragt ihn die Unbekannte, die sich als Franziska Zehnder vorstellt, mit der Suche nach einem Mann, den sie von früher kennt. Vijay nimmt den Fall an, zumal ihn vor allem interessiert, was die ärmlich wirkende Frau mit seinem Vater zu tun hatte. Zunächst stellt der Auftrag Vijay vor ein Rätsel, denn eine umfangreiche Computerrecherche ergibt keine Treffer. Kurz darauf entdeckt Vijay aber, dass es sich bei dem gesuchten Gaudenz Pfister, um einen Ex-Banker handelt, der seit mehreren Monaten als "Fischli" unter Obdachlosen lebt.

"Ihr Liebhaber oder ein ehemaliger Freier aus ihrer Zeit als Prostituierte war es jedenfalls nicht. Außer sie hat ihn mit verbundenen Augen empfangen. Oder nur im Dunkeln."
"Hast du jetzt doch noch Fifty Shades of Grey gelesen?"
"Ich versuche bloß, die Frauen zu verstehen."
"Genialer Ansatz."

Vijay informiert Zehnder über diese Erkenntnis, doch bereits am nächsten Tag überschlagen sich die Ereignisse. Vijay findet in der Nähe des Grabes seines Vaters die Leiche von Pfister, der sich offenbar eine Flasche Wodka einverleibt hat und anschließend erfror. Als er dies der Polizistin Fiona, der Ex-Frau seines besten Freundes Josè, mitteilen möchte, überrascht ihn diese mit einer weiteren Leiche. Franziska Zehnder wurde in ihrer Wohnung erschlagen...

Vijays Ermittlungen führen in die Züricher Obdachlosenszene

Entsprechend der einleitenden Zusammenfassung könnte man meinen, dass der Fall bereits nach wenigen Seiten zu Ende ist. Auftraggeberin verstorben, Fall (für Vijay) erledigt, der Rest ist Sache der Polizei. Doch genauso wenig wie Vijay die Finger von seinem geliebten Amrut lassen kann, genauso wenig kann er einen ungelösten Fall einfach laufen lassen. Zumal wenn sein verstorbener Vater offenbar ein Geheimnis mit sich getragen hat.

"Einwanderer, meist aus dem Osten. Suchen hier Arbeit, finden keine und landen schnell auf der Straße. Weißt du, es gibt so viele Leute, die andauernd über die Immigranten jammern. Von wegen die würden ihnen die Jobs, die Wohnungen und die Frauen wegnehmen. Aber seien wir mal ehrlich: Das ist alles Pipifax im Vergleich zu dem, was hier abgeht. Denn die meisten von diesen Heulsusen haben ja alles. Job, Wohnung und eine Frau. Bei uns geht es aber wirklich ums nackte Überleben."

Thematisch führen die Ermittlungen vor allem in die Obdachlosenszene von Zürich. Hier wird um Nachtplätze gekämpft, während andernorts ehemalige Junkies versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. So auch Franziska Zehnder, deren Leben einen besonders verhängnisvollen Verlauf nahm. Neben deprimierenden Einblicken in das Leben von Menschen am Bodensatz der Gesellschaft, zeigt sich Autor Sunil Mann, einmal mehr als feiner Beobachter des aktuellen politischen Geschehens. Dabei geht es nicht nur der einheimischen Politik an den Kragen, auch ein sehr gerne twitternder Präsident einer Weltmacht sowie die ebenso gerne auf einer Maus ausrutschende deutsche "Partei" bekommen ihr Fett weg. Wenn man so möchte, ist Gossenblues auch ein Bekenntnis zu mehr Menschenwürde und gegen Rassismus, der auch in der Schweiz offenbar zum Alltag gehört.

"Meine Mutter war in eine Strickjacke geschlüpft und hatte Chai gekocht, echten indischen Chai mit Kardamom, Zimt und Pfeffer, der rein gar nichts mit der klebrigen Plörre auf Sirupbasis zu tun hatte, die in gewissen amerikanischen Kaffeehausketten als solcher verkauft wurde."

Im Privatleben des Ich-Erzählers geht es derweil wie gewohnt turbulent weiter. Nach dem Tod des Vaters will die Mutter für mehrere Monate die Familie in Indien besuchen. Das Verhältnis zu Freundin Manju ist mehr als ungeklärt und obendrein will Miranda in einem abgelegenen Kaff plötzlich Puffmutter werden. Ein herrliches Chaos ähnlich wie im aktuellen Fall. Denn es stellt sich schnell heraus, dass Franziska Zehnder, selbst ehemalige Prostituierte und Crackabhängige, den Obdachlosen "Fischli" bestens kannte, da man sich im Obdachlosen-Treffpunkt täglich sah. Doch warum lies sie ihn dann suchen?

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