Gun Street Girl

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2015, Seiten: 375, Übersetzt: Peter Torberg

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Jörg Kijanski
Grandiose Fortsetzung der Sean-Duffy-Reihe

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jun 2015

Belfast, 11. November 1985. In Whitehead im County Antrim werden Ray Kelly und dessen Frau ermordet aufgefunden. Zwei Kopfschüsse, kein Abwehrverhalten. Die Arbeit von Profis. Von Sohn Michael fehlt jede Spur. Sollte er, der Waffenliebhaber, ein Mörder sein? Mit seinem Vater war er schon seit längerer Zeit zerstritten. Nach kurzem Kompetenzgerangel übernimmt Detective Sergeant Mc Crabban von der Carrickfergus RUC die Ermittlungen und wird dabei von seinem Chef Sean Duffy unterstützt. Bereits am nächsten Tag scheint der Fall gelöst, Michael Kelly hat offenbar ein Geständnis abgelegt. Ein Abschiedsbrief bevor er sich von einer Klippe bei Blackhead stürzte. Für Duffy und Mc Crabban ist dies zu einfach und als ein weiterer vermeintlicher Selbstmord geschieht wird es zunehmend turbulent. Die Ermittlungen führen zu einem einflussreichen Gewerkschaftsboss mit tödlicher Vergangenheit, in einer Waffenfirma verschwinden mehrere Raketensysteme und selbst die Amerikaner mischen mit. Derweil forcieren die Regierungen von Thatcher und FitzGerald ein Regionalparlament. Die irische Regierung soll fortan bei nordirischen Angelegenheiten ein Mitspracherecht haben. Eigentlich harmlos, doch die Extremisten beider Seiten rüsten zum Bürgerkrieg und rufen zum Widerstand gegen die Polizei auf...

 

"In einem normalen Land würde ein solch wagemutiger Schritt, einen Mittelweg zu finden, von allen Seiten des politischen Spektrums mit höflicher Zustimmung aufgenommen werden."
"Nur hier nicht."
"Hier wirkt die Politik zentrifugal, nicht zentrierend. Extreme Nationalisten und extreme Unionisten werden das Abkommen als Ausverkauf ihrer Prinzipien verdammen und die Gemäßigten der Mitte, die das Abkommen unterstützen, werden wie Dummköpfe dastehen."

 

Wechselt Sean Duffy von der Carrickfergus RUC zum MI5?

Eigentlich war die Reihe als Trilogie vorgesehen, doch für alle Irland- und Nordirlandfans gibt es gute Nachrichten. Die Serie geht weiter - und wie! Durch die politischen Unruhen sind Duffy und seine Leute mehr als einmal gefährlichen Situationen ausgesetzt. Immerhin sorgt der Doppelmord an den Eheleuten Kelly dafür, dass sie nicht permanent an die Front müssen, wo sie von Erwachsenen, aber ebenso von Kindern und Jugendlichen, mit allem was sich als Wurfmaterial eignet beworfen werden. Mit Urin gefüllte Milchflaschen sind dabei noch harmlos.

Einmal mehr entführt Adrian McKinty seine Leser famos in die damalige Zeit. Obligatorisch blickt Duffy vor jeder Fahrt unter sein Auto, ob sich dort nicht ein Sprengsatz befindet. Er, der katholische Bulle, ist das legale Ziel der IRA:

 

"Wäre ich eine alleinstehende ältere Frau oder, noch schlimmer, eine Witwe, dann wäre das Letzte, was ich wollte, einen Polizisten zu heiraten, der eine Woche später schon tot sein konnte. Dass ich Katholik war, verbesserte die Lage nicht gerade. Ein Katholik in Carrickfergus, das war ja schon schlimm genug, aber ein katholischer Bulle? Meine Lebenserwartung rechnete sich in Hundejahren."

 

Neben dem politischen Geschehen entwickelt sich überraschend Duffys Privatleben weiter, er macht sogar weibliche Bekanntschaft. Und auch beruflich zeigen sich Alternativen auf, denn es gibt ein Wiedersehen mit Kate Albright, der Leiterin des MI5-Büros in Belfast. Sie bietet Duffy einen besser bezahlten Job beim Geheimdienst, denn rund ein Viertel der Mitglieder der IRA arbeiten angeblich in irgendeiner Form für die britische Regierung. Hier werden Kontaktpersonen gesucht, Leute wie Duffy.

Neben der Auslösung des eingangs geschilderten Mordfalles und der politischen Entwicklung in Belfast ist somit fast die spannendste Frage, wie die berufliche Zukunft von Duffy aussehen wird? Folgt er dem titelgebenden "Gun Street Girl" (Kate) zum MI5 oder bleibt er bei seiner RUC-Einheit?

 

"Es gibt keinerlei Beweis für eine Verschwörung."
"Das völlige Fehlen jeglichen Beweises ist das sicherste Anzeichen, dass eine Verschwörung funktioniert."
"Das sagen die Fanatiker."
"Manchmal haben die Fanatiker recht."

 

Auf mehrere Ereignisse des Jahres 1985 und den wohl größten politischen Skandal dieser Zeit überhaupt geht McKinty in seinem aktuellen Roman ein. Dabei behält er seine düstere Note konsequent bei. In der Corronation Road, in der Duffy - wie einst der Autor selber - wohnt, gibt es mal wieder Ärger mit den Nachbarn. Duffys private Situation ist ungeklärt und so flüchtet er ein ums andere Mal in eine bunte Mischung aus Whisky und Kokain. Selbstredend achtet er dabei auf die passende Begleitmusik aus seiner umfangreichen Plattensammlung, denn mit der modernen Musik konnte Duffy noch nie etwas anfangen. Ein ungewöhnlicher Protagonist vor einer äußerst lebhaften Kulisse mit überaus interessantem Soundtrack. Hoffen wir auf weitere Fälle dieser Ausnahmereihe!

Gun Street Girl

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Letzte Kommentare:
24.09.2017 14:36:30
Jens

Endlich wieder mal ein toller Krimi!
Ein Polizist, der mit Bildung, Menschlichkeit, Hartnäckigkeit und einem unglaublichen Glauben an Gerechtigkeit agiert - und an der Realtiät scheitert, der durch Pech und Intrigen gebeutelt wird - und der vermutlich irgendwann an seinem Drogenkonsum scheitern wird.

Man fühlt mit ihm, und man kann förmlich spüren, wie er nach einer Demütigung nach der anderen zermürbt wird.

Hoffentlich hält er durch ;-)

28.03.2016 14:58:32
mikes

Die Geschichte hier noch einmal zu erzählen, erspare ich mir und dem Leser, sie ist in der Kurzkritik der Krimicouch und in den vorangegangenen Kommentaren ja bereits ausgiebig wiedergegeben. Die Atmosphäre ist auch hier wieder klasse und insbesondere durch den Gegensatz zum friedlich-gemütlichen Oxford erscheint Nordirland umso deprimierender und bedrohlicher. Auch hier ist wieder einmal nichts so, wie es anfangs scheint, und auch hier ist es Sean Duffys stur-geradlinige,, manchmal geradezu bis zur Selbstaufgabe reichende Art, die Licht ins Dunkel bringt. Natürlich nur für ihn und sein Umfeld, nicht etwa, das irgendetwas zur Anklage käme, dafür sind seine Erkenntnisse viel zu brisant. Auch hier versteht es McKinty wieder meisterhaft, Realität und Fiktion miteinander zu verweben. Diesmal ist der Hintergrund die Iran-Contra Affäre, und Lt.Col. Oliver North spielt, wenn auch unter anderem Namen, eine nicht unbedeutende Rolle. Überhaupt ist das Verhältnis zwischen Großbritannien, Irland und Amerika ins seiner ganzen Vielschichtigkeit hier der Hintergrund der Geschichte. Das Ende überrascht hier durchaus und verwebt Fiktion und Realität in genialer Weise. Was McKinty manchmal - zumindest für meinen Geschmack - an Logik hier und da zu wünschen übrig lässt, macht er an Atmosphäre und Glaubwürdigkeit seiner Figuren allemal wett. Der Soundtrack der Achtziger trägt dazu nicht unerheblich bei, und die Vorliebe des Autors für Tom Waits, die sich vor allem in den englischen Original-Buchtiteln (The Cold, Cold Ground, Gun Street Girl und - ganz neu und auf Deutsch wohl noch nicht erschienen - Rain Dogs) spiegelt, passt kongenial zur Stimmung auch dieses Buches.
Insgesamt ein weit überdurchschnittliches Lesevergnügen. 90´.

03.02.2016 17:21:01
mo

Die Romane um Sean Duffy werden immer besser. Ich bin schon gespannt wohin es ihn noch verschlägt. Die Handlung ist schlüssig, die Charaktere der Hauptpersonen sind interessant angelegt und der Autor schafft es auch aktuelle politische Themen dieser Zeit mit hinein zu arbeiten. Alles in allem ein intelligenter Thriller mit Tiefgang, ich kann das Buch nur empfehlen.

15.01.2016 18:17:08
Marc

Auch dieser Charakter McKintys ist wieder sehr authentisch und die Story wirkt in ihrer Komplexität und der Anlehnung an reale Vorkommnisse absolut überzeugend. Sean Duffy brilliert als Ermittler sowie verlässlicher Kollege und Vorgesetzter, der sich mit seiner Haltung auch in einem Katholiken-feindlichen Wohnumfeld glaubhaft behaupten kann. Und das Ende macht zumindest mir Lust auf mehr.

02.01.2016 15:28:15
leseratte1310

Wir sind mitten in den 80er Jahren in Irland. Der irische Bürgerkrieg tobt noch. Eine groß angelegte Aktion, um Waffenschieber zu erwischen, endet in einem Debakel.
Das wohlhabende Ehepaar Kelly wurde brutal getötet und etwas später entdeckt man den Sohn der Familie am Meer. Offenbar hat sich Michael von den Klippen gestürzt, denn es gibt einen Abschiedsbrief. Ein Fall für Detective Inspector Sean Duffy. Der hat seine Zweifel an der einfachen Lösung. Als es weitere Opfer gibt, sieht er sich bestätigt.
Bei seinen Ermittlungen muss Duffy auch nach Oxford, da Michael dort Student war. Für Duffy tut sich eine andere Welt auf.
Der etwas abgehackte Schreibstil ist ein wenig gewöhnungsbedürftig und passt sehr gut zur Story und zum Protagonisten.
Wie ich inzwischen weiß, ist dies der vierte Band um Duffy. Ich kennen keinen der Vorgänger, was aber nicht wirklich stört. Doch um die Entwicklung von Duffy zu kennen, wäre es schön, die anderen Bände auch gelesen zu haben.
Es ist ungewöhnlich, dass Duffy als Katholik bei der protestantischen Royal Ulster Constabulary beschäftigt ist. Er ist ein Ermittler mit Schwächen, was ihn sympathisch macht. Duffy hat eine etwas sarkastische Art, kann bei Frauen schlecht nein sagen und bei Alkohol und Koks auch nicht. Er geht seinen Weg, auch wenn er sich unbeliebt macht. Seine Marotte, das Auto vor jeder Fahrt nach Bomben abzusuchen, ist zwar vorsichtig, ging mir aber manches Mal auf die Nerven.
Duffy hängt sich rein in den Fall, der eigentlich ein Fall seines Freundes und Kollege DS McCrabban ist. Alexander Lawson, der gerade erst im Team zeigt sich als ziemlich fähig und arbeitet gut mit Duffy zusamamen.
Die Geschichte gestaltet sich komplexer als erwartet und es sind noch andere im Spiel, wie MI5, die Amis und die Special Branch.
Ich finde es toll, dass der Kriminalfall gut in das politische Umfeld eingebaut ist. So werden einem die damaligen Probleme in Irland wesentlich deutlicher.
Die Geschichte ist authentisch und spannend erzählt und hat mich bis zum Schluss gefesselt.
Ein empfehlenswerter Krimi.

30.11.2015 16:22:42
Heino Bosselmann

Mäßige Fortsetzung


Der mit Adrian McKintys Krimi-Reihe um den „katholischen Bullen“ Sean Duffy vertraute Leser wird den dieser Serie eigenen gemütlich-schnoddrigen Duktus suchen und natürlich wiederentdecken. Selbstverständlich sieht Duffy auch immer noch prophylaktisch unter seinem BMW nach, ob die IRA oder eine andere Para-Truppe dort eine Bombe mit Quecksilber-Zünder platziert hat, er hört weiterhin Klassik über Radio 3, kippt die vertrauten Wodka-Gimlets und nimmt dazu neuerdings pharmazeutisch reines Kokain ein, das er sich praktischerweise an einem Tatort sicherstellen können – so sauberen Schnee, „als würde Gott persönlich nach mir rufen.“

Der Reiz dieser warmherzig unterlegten Rotzigkeit bleibt einem also absolut erhalten. Dazu die vernieselte Belfaster Atmosphäre: „Hinter dem Bürofenster fällt Regen auf Kohlenschiffe, Lastkähne voller Schlacke, Baggerschiffe. Hässliche Kähne auf einem hässlichen Lough. Melancholische Gedankengänge. Epiphanien im Stile eines John Masefield.“

In den Dialogen und im Staccoto kurzer Absätze meint man manchmal Anklänge des großen David Peace auszumachen, der literarischer schreibt, aber letztlich nicht die guten geraden Krimis hinbekommt, wie sie McKinty verlässlich liefert.

Im Mittelbau des Bandes – ebenso wie bei anderen McKintys – doch zuweilen die Längen gründlicher Polizeirecherchen, also etwas behäbig anmutende Verläufe, immerhin aufgehellt durch Duffys Humor und die einfache Tatsache, dass dieser RUC-Detective RUC diesmal schneller und unkomplizierter in den Armen von Kate landet, seiner sinistren Mentorin vom Geheimdienst MI5, und zwar während seiner Untersuchungen im piekfeinen und ganz im Kontrast zu Belfast lieblich-friedlichen Cambridge. Dorthin führten Untersuchungen zu einem Familienmord in Nordirland, der im Zusammenhang mit einem Raketendiebstahl aus einer Rüstungsfabrik steht. Wiederum wächst sich das, was zunächst nach einer übersichtlichen Geschichte, einem Vater-Sohn-Konflikt, auszusehen scheint, zu einem Drama aus, dessen Akteure dem wackeren Detective eine Nummer zu groß sind, u. a. ein fieser Amerikaner mit Verbindungen ins Weiße Haus, ein Gewerkschaftsboss und einstiger Killer der loyalistischen Paras, alle plastisch und kinoreif gezeichnet. McKinty nutzt hier Motive aus der Iran-Contra-Affäre Reagans, so wie er überhaupt allerlei Material verbaut, das einst die Schlagzeilen beherrschte.

Nur: Die kribbelnde Spannung und das sich forcierende Tempo der Vorgängerbände vermisst man diesmal etwas.

Mit dem Auftreten des arroganten Amerikaners hofft man auf Tempo, aber bis es etwas auf die Fresse gibt, muss man sich bis S. 315 (von 375) durchlesen und vom Witz Duffys, McCrabbans säuerlichem Gesicht sowie ein paar Gläsern sechzehn Jahre altem Single-Malt der Marke Isle of Jura unterhalten lassen. – Die coole Art des Erzählens stimmt zwar nach wie vor; diese Prosa hat den vertrauten Beat, und man schmunzelt über Duffys schelmische Courage gegenüber faden Vorgesetzten und brutalen Gegenspielern. Aber die Story um die gestohlenen Raketen ist in Konstruktion und Verlauf vergleichsweise schwach und retardiert so vor sich hin, alles sehr linear und solcherart weit gezeichnet, nein, nicht schlecht gemacht, aber doch ziemlich spannungsfrei. Markige Typen, Whisky, deprimierendes Wetter, alles stimmig, nur keine echte Dramatik. Etwas leergeschrieben am Stoff der „troubles“ der Achtziger?

Gut, die Sean-Duffy-Romane sind alle endspiellastig, aber der Vorhang zu diesem Show-Down hebt sich diesmal sehr spät und ist, leider, nicht mal trivial, sondern eher banal. Wirklich: kurz und schmerzlos. Und Duffy raucht am Meer eine Zigarette drauf.

Dann, nahezu funktionslos, eine Art Epilog: Der Lebensgefahr gerade unverletzt entronnen, bricht sich der Held die Knochen bei dem Routineeinsatz gegen einen betrunkenen Schlägertypen, der seine Frau verdrischt. Gips und Krankenhaus. Und die rettende Erlösung durch CI5-Kati, die dafür sorgen möchte, dass Duffy endlich zu denkenden Strategen des Geheimdienstes anstatt zu den armen Frontschweinen der RUC gehören darf. Alles sieht so aus, als würde es endlich gut. Wenigstens der Kitsch eines solchen Happy-Ends bleibt uns erspart. Denn am Ende stürzt ein Royal-Airforce-Chinook am Mull of Kintyre ab. Auch das so eine Anleihe an Tatsachen, die McKinty hier verstrickt. Duffy hätte drinsitzen sollen, aber er sitzt ja verletzt auf der Couch und süffelt ein bisschen. Nur die gesamte MI5-Crew Nordirlands ist damit ausgelöscht. Alles also etwas sehr schicksalsschwer. Spannend geht anders. Dass er das kann, hat McKinty in den Vorgängerbänden beweisen. Hier nicht im vertrauten Maße. Dennoch: Im Vergleich zum Gros der Krimi-Taschenbuch-Literatur immer noch satt überdurchschnittlich.

Heino Bosselmann

15.11.2015 21:33:24
SusanneL.

Inhaltsangabe:

Belfast 1985: Waffenschmuggel und Bombenanschläge sind in Nordirland Tagesordnung für die Polizei. Da ist ein ermordetes, reiches Ehepaar fast etwas Besonderes. Sean Duffy, einziger Katholik in der nordirischen Polizeieinheit, überlässt die Leitung der Ermittlungen gerne seinem Kollegen McCrabban, der den Fall schnell lösen kann: Der Sohn des Ehepaares wird tot aufgefunden, in einem Abschiedsbrief gesteht er den Mord. Fall geschlossen? So einfach ist es nicht und Duffy macht sich auf nach Oxford, wohin einige der Spuren führen. Hier findet er heraus, dass der Sohn in einen Skandal verwickelt war, der auch heute noch ziemlich viel Schlamm aufwirbeln kann ...

„Gun Street Girl“ ist der 4. Band der Reihe um Sean Duffy.

Meine Meinung zum Buch:

Wieder liegt ein sehr spannender Kriminalfall mit Sean Duffy, dem „katholischen Bullen“ vor. Ich habe die drei vorangegangenen Bände sehr gerne gelesen und habe mich sehr auf das Erscheinen dieses vierten Bandes gefreut – und ich wurde nicht enttäuscht.

Sean Duffy ist diesmal nicht der Leiter der Ermittlungen, sondern eher ein „Helfer“, damit habe ich ihn mal in einer anderen Rolle erlebt, was interessant zu lesen war. Der Fall selbst ist komplex, viele Spuren führen mehrere Jahre zurück und es ist nicht einfach für die Polizei, die Fäden zu entwirren – zumal eine Stelle „sehr weit oben“ die Ermittlungen mit Argusaugen beobachtet und auch nicht davor zurückschreckt, das Verfolgen wichtiger Spuren zu untersagen. Duffy und seine Kollegen vom RUC lassen sich davon aber nicht abbringen und machen ihre Arbeit so gut es unter diesen Umständen möglich ist. Und natürlich machen sie ihre Arbeit bestens.

Duffy ist eine interessante Figur – seine Weste ist nicht besonders weiß, er trinkt etwas zu gerne Whiskey und wenn er Drogen findet, kann es schon mal sein, dass er etwas davon für sich abzweigt. Aber wenn er eine Spur in einem Fall aufgenommen hat, lässt er sich nicht davon abbringen, sie zu verfolgen, auch nicht, wenn eine höhere Stelle das gerne hätte. Da ist er unbestechlich und das gefällt mir. Auch Duffys Kollege McCrabban und die anderen Polizeikollegen sind gut gezeichnet.

In diesem Buch war weniger über den Nordirlandkonflikt zu lesen wie in den vorangegangenen Bänden, aber Adrian McKinty hat (wie man im Nachwort lesen kann) andere politische Einzelereignisse thematisiert. Das war interessant zu lesen und ich habe auch im Internet darüber recherchiert – ich wusste davon bisher nichts.

Ich werde auf jeden Fall das nächste Buch um Sean Duffy lesen – ich hoffe doch sehr, dass der Autor noch ein weiteres davon schreiben wird.

Mein Fazit: Buchtipp!

07.11.2015 14:55:34
c-bird

Belfast, 1985. Ein nächtlicher Einsatz der Royal Ulster Constabulary (RUC) am Strand endet mit einem Desaster. Mittendrin: Detective Inspector Sean Duffy, ein katholischer Bulle der unter lauter Protestanten bei der RUC Carrickfergus tätig ist. Doch Zeit zum Durchatmen bleibt keine, denn gleich darauf bekommt Duffy es mit einem Doppelmord zu tun. Das wohlhabende Ehepaar Kelly wurde brutal erschossen. Sohn Michael ist verschwunden. Ist er der Täter? Die Vermutung scheint sich zu bestätigen, denn wenige Zeit später entdeckt man die Leiche des Sohnes an einem Küstenstreifen. Dazu ein Abschiedsbrief, in dem Michael die Tat gesteht. Doch als auch die Freundin des Sohnes Suizid begeht kommen DI Duffy Zweifel an den beiden Selbstmorden. Die Spur führt zunächst nach London und Oxford…

Es ist bereits der vierte Fall für DI Duffy. Man findet aber problemlos in die Geschichte hinein ohne Vorkenntnisse der anderen Bände. Duffy ist ein Typ mit Ecken und Kanten, einer den man einfach nur gern haben muss. Ein einsamer Wolf, der aber auch auf der Suche nach Liebe ist. Intelligent und clever mit einer besonderen Kombinationsgabe. Mit den Dienstvorschriften nimmt er es nicht ganz so genau und auch sein Alkohol- und Drogenkonsum könnte gemäßigter sein. Nie steigt er in seinen BMW ohne überprüft zu haben, ob sich unter dem Wagen eine Bombe befindet.

Die Sprache ist knapp gehalten, oft besteht der Satz nur aus einem Wort. Dies hat mir gefallen und ist auch oft aussagekräftiger als langatmige Beschreibungen. Erzählt wird sehr gradlinig, eine Spur führt zur nächsten bis sich endlich das Gesamtbild abzeichnet. Die Handlung ist temporeich und gut erzählt. Besonders gelungen fand ich wie Adrian McKintey die düstere Atmosphäre der Thatcher-Ära eingefangen hat. Es herrscht Bürgerkrieg, Demonstrationen und gewalttätige Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung. Schnell gerät man in einen Hinterhalt. Ein Kapitel Zeitgeschichte, das noch gar nicht so lange zurückliegt.

Insgesamt ein packender Kriminalroman, der auch ein bisschen politisch ist. Highlight ist auf alle Fälle der Protagonist Sean Duffy. Er hat mich so beeindruckt, dass ich unbedingt die anderen Bücher aus der Reihe lesen muss.

03.11.2015 22:05:12
Jose la mouche

Wer etwas unterkühlte englische Krimis mag. Ok.
Für mich zu wenig Action, lange und breite Erzählung.
Man muss sich konzentrieren und braucht lange bis man sich eingelesen hat.
Es gibt bessere Action geladene Krimis um Belfast.
Schwierig ist es mit der englischen Geographie klar zu
kommen. Aber das liegt wohl an England.
Nach ein paar Seiten habe ich es weggelegt.

28.10.2015 15:40:56
subechto

Das irische Problem

Belfast, 1985. An einem Strand bei Derry an der wilden Nordküste Irlands versuchen Waffenschmuggler aus den USA ihre Ware an Land zu bringen. Doch die Polizei ist bereits vor Ort. Unter ihnen Detective Inspector Sean Duffy von der Carrickfergus RUC.
Als Duffy zuhause ankommt, wartet schon der nächste Einsatz auf ihn: Ein Doppelmord in Whitehead. Das wohlhabende Ehepaar Kelly wurde brutal ermordet. Ein Auftragsmord? Oder hat Sohn Michael seine Eltern auf dem Gewissen?
Kurz darauf wird auch Michael tot aufgefunden. Angeblich Selbstmord. In einem Abschiedsbrief gesteht er, seine Eltern umgebracht zu haben. Aber stimmt das auch? Oder musste Michael sterben, weil er zu viel wusste? Handelt es sich gar um eine Verschwörung?
Duffy reist nach Oxford und stößt auf ein düsteres Geheimnis - und auf eine Mauer des Schweigens. Eine Frage der Ehre.
„Gun Street Girl“, ist bereits der vierte Fall für den katholischen Bullen. Der prüfende Blick unter seinen BMW gehört noch immer zu Sean Duffys Ritual. Dennoch handelt es sich um eine eigenständige, in sich abgeschlossene Geschichte, die ohne Vorkenntnisse lesbar ist.
Erneut gibt Adrian McKinty bedrückende Einblicke in den Irland-Konflikt und setzt seine Duffy-Reihe kongenial fort. Die Stimmung bei Polizei und Bevölkerung wird glänzend eingefangen, der zeitgeschichtliche Hintergrund meisterhaft erzählt und gut erklärt. Schön finde ich auch, dass es wieder einen Soundtrack zum Roman gibt.
Der Titel „Gun Street Girl“, eigentlich ein Song von Tom Waits, ist äußerst treffend gewählt, bezieht er sich doch auf ein Mädchen, aus der „Gun Street“ (Kapitel 13, Seite 168), das im Roman eine wichtige Rolle spielt. Die gesamte Tragweite erschließt sich dem Leser allerdings erst ganz am Ende.
Getragen wird die Geschichte von ihrem Protagonisten. Einerseits das Herz am richtigen Fleck, andererseits nicht vor Gewalt zurückschreckend. Dabei versinkt Duffy immer wieder in einer Welt aus Sex and Drugs and Rock 'n' Roll. Nichts für zartbesaitete Gemüter, nichtsdestotrotz humorvoll geschrieben.
„Hallo, Duffy, Sie sind ja früh da.“
„Wollte den Wurm fangen, Sir.“
Und die Moral von der Geschicht‘? Genau wie im wirklichen Leben wird gemauschelt und vertuscht, werden faule Kompromisse geschlossen und die Ermittler von ganz oben zurückgepfiffen oder kaltgestellt.
„Einen Ami verhaften? Wie komme ich nur darauf? Ich war doch nichts weiter als ein begriffsstutziger Bulle, der für immer mit einem niedrigen Rang auf einem mittelmäßigen Revier in einer abgelegenen Stadt hocken würde.“

Fazit: Perfekte Mischung aus Dichtung und Wahrheit. Packend, brachial und genial!