Der katholische Bulle

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • London: Serpent´s Tail, 2012, Titel: 'The cold, cold ground', Seiten: 332, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2013, Seiten: 450, Übersetzt: ?

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Jochen König
Genug Stoff für den langen Heimweg

Buch-Rezension von Jochen König Dez 2012

1981. IRA Häftlinge im Hungerstreik. Bürgerkriegsähnliche Zustände in Belfast. Neben der Armee ist auch die Polizei erklärter Feind und zum Abschuss freigegeben. Dazu gehört auch Der katholische Bulle Sean Duffy, frisch nach Carrickfergus, nördlich von Belfast gelegen, versetzt. Ein Katholik in einer protestantischen Kampfzone, der fast zum Dienstantritt als leitender Ermittler einen bizarren Doppelmord aufklären soll. Zwei hingerichtete, verstümmelte und geschändete Homosexuelle, ein vermuteter "rangniederer Informant" und ein Musiklehrer, durch nichts verbunden als ihre sexuelle Ausrichtung. Die immer noch als Frevel im bigotten Nordirland gilt, wo zwar Homosexualität nicht verboten ist, homosexuelle Handlungen aber strafbar sind. Früh meldet sich ein Bekenner bei Duffy, und alles scheint klar: Ein Serienkiller ist unterwegs, mit dem Auftrag, Schwule von ihrem "Leid" zu erlösen.

Doch dann entpuppt sich der vermeintliche Informant und kleine Gauner als Tommy Little, Kopf der FRU, der "Innenrevision" der IRA, die wenig zimperlich vorgeht, insbesondere was Strafaktionen, Folter und Mord angeht. Daraus wächst die Erkenntnis, die im Nordirland Anfang der 80er fast zwangsläufig erscheint: Der Fall hat eine politische Dimension. Doch es braucht einen Sturkopf mit Gewissen, der diesen Spuren auch nachgeht. Gegen alle Widerstände. Die Sean Duffy spätestens dann nicht mehr interessieren, als er sich auch noch um den vermeintlichen Selbstmord der jungen Lucy Moore kümmern muss, deren Schicksal ihn anrührt und beschäftigt. Vor allem als sich – wie sollte es anders sein -Hinweise auf eine mögliche Verbindung beider Fälle ergeben.

"Der katholische Bulle" ist nach der "Dead"– und der "Lighthouse"-Trilogie bereits der Start der dritten Serie des äußerst rührigen Autors. Und der erste Band mit dem, bei Tom Waits entlehnten, poetischeren Originaltitel The Cold, Cold Ground, lässt keinen Zweifel offen: McKinty wird immer besser.

Auf eindrückliche, höchst lesenswerte Weise verquickt Adrian McKinty Zeitgeschichte mit einem spannenden Krimi-Plot. Natürlich verdichtet er, durchaus plakativ, reale Gegebenheiten zum Nutzen seiner Geschichte, aber die bittere Realität hinter der Fiktion bleibt jederzeit nachvollzieh- und im Verlauf/Anschluss der Lektüre recherchierbar. Ebenso die Erschütterung, das kopfschüttelnde Erstaunen, angesichts des geschilderten Irrsinns. Glaube und Nationalismus sind meist nur Transportmittel für politisches Kalkül, die banale Rechtfertigung für alltägliche, blutige Schlachten, Morde und Folter. Eine Chance, die eigene Bösartigkeit ausleben zu können, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Daneben ein durchorganisierter Geschäftsapparat, der sich ambitionierte Fußsoldaten, Überzeugungstäter und Mitläufer hält, während auf den Führungsebenen die verfeindeten Organisationen UVF (protestantisch) und IRA (katholisch) ihre Pfründe beinahe friedlich verschachern. Auf der Gegenseite schmieden Margret Thatcher und ihr Kabinett eigene Ränke.

Polizisten, gerne als RUC-SS verunglimpft, dienen als Prügelknaben zwischen den Fronten. Müssen gegen Unterbesetzung und Schweigen ankämpfen, gefangen zwischen politischer Ranküne und jederzeit in Bereitschaft als Schlagetots und Handlanger der gerade vorherrschenden Interessen eingesetzt werden zu können.

Hier erlaubt sich McKinty den literarischen Luxus, einen Unbeugsamen auftreten zu lassen, der gegen Widerstände stur und stoisch vorgeht und sich wie ein Kampfhund in seine Gegner verbeißt, egal welchen Schaden er davonträgt. Duffy ist einer jener nachdenklichen Protagonisten, gezeichnet und voller Makel, aber mit Moral, Tatkraft und Wissensdurst und jenem bisschen Dummheit gesegnet, das ihn auch nicht vor einer Übermacht gefährlicher Gegner haltmachen lässt. Glücklicherweise gesellt sich aber eine Portionen Überlebensinstinkt hinzu. Sean Duffy ist natürlich geboren im Geiste der Hardboiled-Literatur, und nicht nur mit diesem Zweig kennt McKinty sich aus: Er spielt virtuos mit literarischen Topoi und Referenzen. Natürlich kennen sich seine Figuren, egal ob Cop oder Gangster, mit den Medien aus, wissen wie ein Serienkiller tickt – parallel zu den Geschehnissen wird gerade in England Peter Sutcliffe, dem Yorkshire-Killer, der Prozess gemacht – und erleben doch Überraschungen. Es gibt Bündnisse, Koalitionen, seltsame Übereinkünfte, die nur von Kalkül und machterhalt geprägt sind. Und einen katholischen Bullen, der sich schnell anpasst. Ob die Gerechtigkeit kleine Siege erzielt oder die Moral nach Punkten verliert – Adrian McKinty überlässt es dem Leser zu entscheiden.

Der katholische Bulle lässt sich glänzend als packender, actionreicher Krimi lesen, aber auch als sarkastische Anmerkung zum Wesen des Serienkiller- und Politthrillers. McKinty hat die Meta-Ebenen implantiert, man kann sie wahrnehmen, aber sie stören nicht, bleiben quasi grinsend im Hintergrund, wenn man sie ausblenden möchte.

 

"Ich fürchte, wir haben einen Sexualmord an der Hacke, möglicherweise sogar einen aufstrebenden Serienkiller."
[…] Brennans Wangen glühten rot, und er war ein wenig angesäuselt.
"Wie kommen Sie darauf?" fragte er kalt und kurz und lehnte sich in einem sündhaft teuren Finn-Juhl-Lehnstuhl zurück. Ich brachte ihn auf den neusten Stand, aber er blieb meiner These gegenüber skeptisch. "In Nordirland hat es noch nie einen Serienkiller gegeben."
"Nein, bislang hat jeder, der so tickt, es geschafft, sich einer der beiden Seiten anzuschließen. Nach Herzenslust foltern und morden, aber für >die Sache<.></.>

 

Der katholische Bulle funktioniert als brachialer, gewitzter, packender Roman, bei dem man sich nicht um die ganzen Implikationen, Hintergründe und Verweise scheren muss, aber er legt auch genug Material an die Hand, um den Blick zu schärfen und mit berechtigtem Entsetzen festzustellen, dass die beschriebenen Problematiken keine sind, die auf 1981 und Nord-Irland beschränkt bleiben. Gerade, was religiösen Fanatismus, seine Instrumentalisierung, aber auch den Umgang mit Homosexualität oder Abtreibung angeht, liefert Adrian McKintys Ausflug in die Vergangenheit Fingerzeige auf gegenwärtige Strömungen gleich mit und weist weit über die grüne Insel hinaus.

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