Der katholische Bulle

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • London: Serpent´s Tail, 2012, Titel: 'The cold, cold ground', Seiten: 332, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2013, Seiten: 450, Übersetzt: ?

Couch-Wertung:

90°

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
 50° 100°

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

9 x 91°-100°
0 x 81°-90°
0 x 71°-80°
0 x 61°-70°
0 x 51°-60°
0 x 41°-50°
0 x 31°-40°
0 x 21°-30°
0 x 11°-20°
0 x 1°-10°
B:97.777777777778
V:8
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":2,"95":1,"96":0,"97":0,"98":1,"99":1,"100":4}
Jochen König
Genug Stoff für den langen Heimweg

Buch-Rezension von Jochen König Dez 2012

1981. IRA Häftlinge im Hungerstreik. Bürgerkriegsähnliche Zustände in Belfast. Neben der Armee ist auch die Polizei erklärter Feind und zum Abschuss freigegeben. Dazu gehört auch Der katholische Bulle Sean Duffy, frisch nach Carrickfergus, nördlich von Belfast gelegen, versetzt. Ein Katholik in einer protestantischen Kampfzone, der fast zum Dienstantritt als leitender Ermittler einen bizarren Doppelmord aufklären soll. Zwei hingerichtete, verstümmelte und geschändete Homosexuelle, ein vermuteter "rangniederer Informant" und ein Musiklehrer, durch nichts verbunden als ihre sexuelle Ausrichtung. Die immer noch als Frevel im bigotten Nordirland gilt, wo zwar Homosexualität nicht verboten ist, homosexuelle Handlungen aber strafbar sind. Früh meldet sich ein Bekenner bei Duffy, und alles scheint klar: Ein Serienkiller ist unterwegs, mit dem Auftrag, Schwule von ihrem "Leid" zu erlösen.

Doch dann entpuppt sich der vermeintliche Informant und kleine Gauner als Tommy Little, Kopf der FRU, der "Innenrevision" der IRA, die wenig zimperlich vorgeht, insbesondere was Strafaktionen, Folter und Mord angeht. Daraus wächst die Erkenntnis, die im Nordirland Anfang der 80er fast zwangsläufig erscheint: Der Fall hat eine politische Dimension. Doch es braucht einen Sturkopf mit Gewissen, der diesen Spuren auch nachgeht. Gegen alle Widerstände. Die Sean Duffy spätestens dann nicht mehr interessieren, als er sich auch noch um den vermeintlichen Selbstmord der jungen Lucy Moore kümmern muss, deren Schicksal ihn anrührt und beschäftigt. Vor allem als sich – wie sollte es anders sein -Hinweise auf eine mögliche Verbindung beider Fälle ergeben.

"Der katholische Bulle" ist nach der "Dead"– und der "Lighthouse"-Trilogie bereits der Start der dritten Serie des äußerst rührigen Autors. Und der erste Band mit dem, bei Tom Waits entlehnten, poetischeren Originaltitel The Cold, Cold Ground, lässt keinen Zweifel offen: McKinty wird immer besser.

Auf eindrückliche, höchst lesenswerte Weise verquickt Adrian McKinty Zeitgeschichte mit einem spannenden Krimi-Plot. Natürlich verdichtet er, durchaus plakativ, reale Gegebenheiten zum Nutzen seiner Geschichte, aber die bittere Realität hinter der Fiktion bleibt jederzeit nachvollzieh- und im Verlauf/Anschluss der Lektüre recherchierbar. Ebenso die Erschütterung, das kopfschüttelnde Erstaunen, angesichts des geschilderten Irrsinns. Glaube und Nationalismus sind meist nur Transportmittel für politisches Kalkül, die banale Rechtfertigung für alltägliche, blutige Schlachten, Morde und Folter. Eine Chance, die eigene Bösartigkeit ausleben zu können, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Daneben ein durchorganisierter Geschäftsapparat, der sich ambitionierte Fußsoldaten, Überzeugungstäter und Mitläufer hält, während auf den Führungsebenen die verfeindeten Organisationen UVF (protestantisch) und IRA (katholisch) ihre Pfründe beinahe friedlich verschachern. Auf der Gegenseite schmieden Margret Thatcher und ihr Kabinett eigene Ränke.

Polizisten, gerne als RUC-SS verunglimpft, dienen als Prügelknaben zwischen den Fronten. Müssen gegen Unterbesetzung und Schweigen ankämpfen, gefangen zwischen politischer Ranküne und jederzeit in Bereitschaft als Schlagetots und Handlanger der gerade vorherrschenden Interessen eingesetzt werden zu können.

Hier erlaubt sich McKinty den literarischen Luxus, einen Unbeugsamen auftreten zu lassen, der gegen Widerstände stur und stoisch vorgeht und sich wie ein Kampfhund in seine Gegner verbeißt, egal welchen Schaden er davonträgt. Duffy ist einer jener nachdenklichen Protagonisten, gezeichnet und voller Makel, aber mit Moral, Tatkraft und Wissensdurst und jenem bisschen Dummheit gesegnet, das ihn auch nicht vor einer Übermacht gefährlicher Gegner haltmachen lässt. Glücklicherweise gesellt sich aber eine Portionen Überlebensinstinkt hinzu. Sean Duffy ist natürlich geboren im Geiste der Hardboiled-Literatur, und nicht nur mit diesem Zweig kennt McKinty sich aus: Er spielt virtuos mit literarischen Topoi und Referenzen. Natürlich kennen sich seine Figuren, egal ob Cop oder Gangster, mit den Medien aus, wissen wie ein Serienkiller tickt – parallel zu den Geschehnissen wird gerade in England Peter Sutcliffe, dem Yorkshire-Killer, der Prozess gemacht – und erleben doch Überraschungen. Es gibt Bündnisse, Koalitionen, seltsame Übereinkünfte, die nur von Kalkül und machterhalt geprägt sind. Und einen katholischen Bullen, der sich schnell anpasst. Ob die Gerechtigkeit kleine Siege erzielt oder die Moral nach Punkten verliert – Adrian McKinty überlässt es dem Leser zu entscheiden.

Der katholische Bulle lässt sich glänzend als packender, actionreicher Krimi lesen, aber auch als sarkastische Anmerkung zum Wesen des Serienkiller- und Politthrillers. McKinty hat die Meta-Ebenen implantiert, man kann sie wahrnehmen, aber sie stören nicht, bleiben quasi grinsend im Hintergrund, wenn man sie ausblenden möchte.

 

"Ich fürchte, wir haben einen Sexualmord an der Hacke, möglicherweise sogar einen aufstrebenden Serienkiller."
[…] Brennans Wangen glühten rot, und er war ein wenig angesäuselt.
"Wie kommen Sie darauf?" fragte er kalt und kurz und lehnte sich in einem sündhaft teuren Finn-Juhl-Lehnstuhl zurück. Ich brachte ihn auf den neusten Stand, aber er blieb meiner These gegenüber skeptisch. "In Nordirland hat es noch nie einen Serienkiller gegeben."
"Nein, bislang hat jeder, der so tickt, es geschafft, sich einer der beiden Seiten anzuschließen. Nach Herzenslust foltern und morden, aber für >die Sache<.></.>

 

Der katholische Bulle funktioniert als brachialer, gewitzter, packender Roman, bei dem man sich nicht um die ganzen Implikationen, Hintergründe und Verweise scheren muss, aber er legt auch genug Material an die Hand, um den Blick zu schärfen und mit berechtigtem Entsetzen festzustellen, dass die beschriebenen Problematiken keine sind, die auf 1981 und Nord-Irland beschränkt bleiben. Gerade, was religiösen Fanatismus, seine Instrumentalisierung, aber auch den Umgang mit Homosexualität oder Abtreibung angeht, liefert Adrian McKintys Ausflug in die Vergangenheit Fingerzeige auf gegenwärtige Strömungen gleich mit und weist weit über die grüne Insel hinaus.

Der katholische Bulle

Der katholische Bulle

Deine Meinung zu »Der katholische Bulle«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
28.12.2015 22:01:21
Frank Buschmann

Zunächst mal: Schön, einen Krimi aus Nordirland zu lesen. Zumal einen, der Zeitgeschichte anno 1981 auf extrem eindrückliche Weise vermittelt und uns direkt in das Belfast dieser Zeit transportiert, die Zeit der täglichen Bombenattentate und Mordanschläge, des ganzen Extremistenwahns und des religiösen Fanatismus'. Selten ist es einem Krimiautor gelungen, Zeitkolorit so intensiv zu vermitteln wie Adrian McKinty. Leider hat er für meinen Geschmack eine nicht allzu interessante, sondern ziemlich verworrene Story drumherum gebaut, da ist noch Luft nach oben. Offenbar hat er sich mehr für Geschichte und Politik interessiert, was ich total nachvollziehbar finde. Vielleicht kriegt er das im Nachfolgeband etwas besser hin.

22.11.2015 19:06:13
mikes

Ja, das ist ein Volltreffer, ein erstklassiger Krimi. Ich kannte Adrian McKinty vorher nicht und bin über die Krimi-Couch auf ihn gekommen. Ich habe mich dann erstmal für den ersten Band dieser Trilogie entschieden, was sicher kein Fehler war.
Es ist nicht verkehrt, aber auch nicht unbedingt notwendig, ein wenig über den Nordirland-Konflikt zu wissen. Die Anspielungen sind ohnehin eher universell, seien es Homophobie, Abtreibung, das falsche Ehrgefühl und die arrogante Rechthaberei der religiösen Fanatiker, all das könnte ebenso auf die Konflikte der heutigen Zeit übertragen werden.
Der Ich-Erzähler Sergeant Sean Duffy hat tatsächlich etwas von Phillip Marlowe: Die Sturheit, aber auch den lakonischen Witz, mit dem er seinen Fall und die Welt um sich herum angeht, angesiedelt irgendwo zwischen Geradlinigkeit und Resignation, Zynismus und Weltverbesserungseifer, das macht ihn sympatisch.
Auch der Plot kann sich sehen lassen. Was als scheinbarer Serienmord an Homosexuellen beginnt, entpuppt sich schließlich als hochpolitische und überaus verwickelte, aber dennoch in weiten Teilen logisch folgerichtige Geschichte. Die ist in der Besprechung oben gut beschrieben, und mehr wird nicht verraten. Allenfalls gegen Ende übertreibt der Autor dann doch ein wenig. Das sich ein Mann allein in James-Bond-Manier gegen ein sechs-Mann-Assassination-Team der Ulster Freedom Fighters, und sei es auch mit einer Sterling Maschinenpistole, durchsetzen kann, das mag man nicht wirklich glauben, und der Schluss des Buches bleibt für mich unverständlich, aber vielleicht geht das ja auch nur mir so... ? Trotzdem in jeder Hinsicht lesenswert, verdiente 90´

04.01.2015 13:12:16
Heino Bosselmann

Für Freunde vom harten Schlag vorab: Das forcierte Tempo brutalisierter Action des Guten gegen das Böse beginnt eher weit hinten – ein geschleuderte Petroleumofen als Treppenhausbombe, der Dialog einer AK-47 mit einer Sterling-MPi, dicht an die Aorta gelegte Schrotkugeln und der deus ex machina im allerletzten Augenblick.

Auf Spannung, Gewalt und gekonnte Fallübungen versteht sich McKinty. Er wies das in seiner famosen Trilogie DER SICHERE TOD-DER SCHNELLE TOD-TODESTAG aufs Eindrucksvollste nach. Nebenher: Schwer empfohlen das!

Was in DER KATHOLISCHE BULLE vor der kulminierenden Endphase geschieht, sind allerdings nicht nur spannende Recherchen; vielmehr fängt der Autor die düstere Bürgerkriegsatmosphäre der letzten IRA-Jahre in Nordirland ein und schraffiert das alte graue Belfast in der Ära jener wahnwitzigen Auseinandersetzungen zwischen den katholischen und protestantischen Paramilitärs einerseits und Thatchers Regierung andererseits.

Innerhalb Groß-Britanniens gab die Provinz Ulster über Jahrzehnte die Kulisse eines Dramas ab, dem McKinty eine Kriminalhandlung einwebt. Was zunächst wie die Mordserie eines Schwulenhassers aussieht, entpuppt sich später als Tragödie um Verrat und Größenwahn innerhalb der IRA-Funktionärskaste. – Darüber hinaus eine lehrreiche Lektüre zur Geschichte des zumindest in Kontinentaleuropa wohl längst vergessenen IRA-Konflikts, für den es übrigens noch immer keine gut handhabbare historische Monographie in deutscher Sprache gibt. –

Der Held, Sergeant Sean Duffy, kühl aus der Marlowschen Ich-Perspektive erzählend, ist selbstverständlich ein Sympath! Er lebt als katholischer Bulle in protestantischer Umgebung und ist so den Kräften auf beiden Seiten der Bürgerkriegsfront gleichermaßen suspekt. Also ein Mann auf verlorenem Posten. Diaspora mitten im Absurden. Insofern ein wahrlich existentialistischer Held, mit allem, was dazugehört: selbstverständlich hedonistischer Single, Vorliebe für Wodka-Gimlets, Sammler von Rock und Klassik, durchaus gefühlvoll, öfter mal hackedicht. (Sehr schön übrigens die Szene seiner Konfrontation mit einem ihn total bezirzenden Schwulen, dessen Homoerotik der Held und Hetero-Machon zur eigenen Bestürzung für Augenblicke verfällt.) Einer jener letztendlich großen Einsamen also, die das Hard-Boiled-Genre nun mal nötig hat. Mit der dazu gehörigen enormen Gravitation gegenüber den Damen … – Ein cooler Held mit Herz, für einen Krimi dieses Metiers durchaus bedingt glaubwürdig. Und man erwartet doch geradezu, dass alles überzeichnet wirkt, gern bis ins Comichafte hinein. Folgte man solchen Helden, gewinnt man nach der Lektüre selbst einen elastischeren Gang.

Toller Krimi. Top. Nicht so literarisch wie bei Cormac McCarthy oder David Peace, aber mindestens eine Spielklasse mit Don Wilson, dem gegenüber sogar straffer und gerader und ohne jede Spur süßlicher Sentimentalität. Als Getränk dazu empfehle ich zehnjährigen Buschmills-Whiskey mit einem Pipettentröpfchen Wasser. – Aye.

14.09.2014 13:22:50
Oldman

Habe die Todestrilogie gelesen und war sehr angetan. Und dieses Buch ist mindestens genausogut. Die Handlung spielt in Nordirland im Jahre 1981, ein Land in einem vollkommen desparaten Zustand, wo die Ermittler versuchen eine Mordserie aufzuklären. Man erfährt einiges über die Geschichte des Landes quasi nebenbei, und zwischendurch erlaubt sich der Autor auch wieder einige Passagen, die für die Handlung nicht zwingend erforderlich sind, aber sein Gefühl für Sprache herausstellen. Dem Buch tut das m.E. durchaus gut. Die Handlungsstränge eind z.T. verwirrend, die Geschichte schlägt einige Volten, zumeist tappen die Ermittler im Dunkeln, letzten Endes ist am Ende einiges anders als erwartet, löst sich aber - ganz wichtig - logisch auf. Habe in diesem Jahr schon einige wirklich gute Bücher gelesen, dieses ist aber tatsächlich ganz erstklassig. Der Autor war mir noch vor einem Jahr völlig unbekannt und ist für mich die Krimi-Entdeckung von 2014.

18.10.2013 14:35:09
Darix

Ein Krimi ,der in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Nordirland handelt und große Vorschusslorbeeren erhalten hat. Ein besonderer Charme zeigt sich in den atmosphärischen Beschreibungen des Lebens, in einer protestantischen Stadt. Die Täterermittlungen erfolgen noch ohne DNA Analysen, die Polizeibeamten werden noch durch einen „Piepser“ alarmiert, ohne jegliche Verfügbarkeit von Mobiltelefonen. Das dies keine heile Welt war, erklären McKintys sozialkritische Perspektiven sehr eindrucksvoll, wie die Ergänzungen zu den all umfassenden Differenzen zwischen irisch-britischen Katholiken und Protestanten, deren politische Differenzen, die andauernden Militär und Paramilitäreinheiten, Polizeikräfte die ihre eigenen Interessen verfolgen, teilweise martialisch. Eine Bevölkerung welche unter Arbeitslosigkeit, Verzweiflung, Hass und Perspektivlosigkeit leitet und sich mit Gewalttaten gegenüber steht. Das ist ein gelungener Grundtenor der Gesamtgeschichte.
Der Kriminalpolizist Sean Duffy agiert zwischen den Fronten eines Bürgerkrieges, das wird verdeutlicht, dass er vor jeder Fahrt mit seinem BMW akribisch kontrolliert ob darunter eine Bombe versteckt sei..
Der katholische Kriminalbeamte Sean Duffy arbeitet erschwert in Carrifergus, und der Ablehnung und dem Hass der Bevölkerung, den erheblichen Vorurteilen von protestantischen und katholischen Nordiren.
Der Tenor des Krimis ist die Ermittlungsarbeit wegen der Tötung von Homosexuellen. Duffy, erstmals mehr oder weniger selbst verantwortlich für die Ermittlungen ermittelt mit einem kleinen Team. Die Mitstreiter unterscheiden sich wesentlich und es ist eine der Stärken wie McKinty Charaktere und Atmosphäre beschreibt. Die Handlung entwickelt sich schnell, temporeich. Einige Aktionen sind brutal
Der katholische Bulle hebt sich über den Durchschnitt von vielen Kriminalromanen heraus, aufgrund der Beschreibung der Bürgerkriegsumstände in Irland, mit deren Auswirkungen auf die Bevölkerung. Die Dialoge sind realistisch, mit lakonischen Untertönen.
Abgesehen von einigen Überlängen im letzten Drittel ist der katholische Bulle ein mitreißender Thriller. Mein Tipp als Krimi des Jahres.

02.07.2013 14:00:43
subechto

Am Rand des Abgrunds

Um es gleich vorwegzunehmen, ich liebe die Romane von Adrian McKinty und so war ich sehr gespannt, auf den Beginn dieser neuen Serie. Schauplatz ist Belfast, Nordirland, Anfang der 1980er Jahre. Es ist die Zeit der Unruhen, der IRA und die Ära von Maggie Thatcher. Wer katholisch ist, lebt gefährlich. Detective Sergeant Sean Duffy ist katholisch, noch dazu ein Bulle.
Der 13. Mai 1981 ist nicht nur der Tag des Attentats auf Papst Johannes Paul II in Rom, sondern auch der Tag, an dem Sean Duffy zu einem Tatort gerufen wird: in einem ausgebrannten Wagen wurde eine Leiche gefunden. Dem Mann wurde der Hinterkopf weggeschossen, es handelt sich also um Mord.
Als ein zweiter Toter mit demselben Modus Operandi gefunden wird, sieht es so aus, als ob es ein Serienkiller auf Schwule abgesehen hat. Denn Homosexualität war seinerzeit in Nordirland verboten. Doch wie passt das Verschwinden einer jungen Frau in dieses Bild?
Sean trifft bei seinen Untersuchungen auf eine Mauer des Schweigens. Beharrlich ermittelt er dennoch weiter, um die einzelnen Puzzle-Teilchen zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Alles läuft bestens: Karriere, Musik, neue Liebe. Bis jemand versucht, ihn umzubringen...
Straßenkampf in Nordirland. Wer könnte das besser beschreiben als Adrian McKinty, der selbst in Carrickfergus, einem Vorort von Belfast aufgewachsen ist? Wer sonst könnte eine Szenerie aus brennenden Autos und Molotowcocktails so poetisch umschreiben wie ein Ballett?
Adrian McKinty ist ein großartiger Erzähler und ein guter Beobachter. Er schafft es auf wunderbare Weise, den Leser in die damalige Zeit zurückzuversetzen, als Videorecorder und Walkman gerade erst erfunden waren. Wer erinnert sich nicht an den 29. Juli 1981, als Lady Di ihren Prinz Charles geheiratet hat?
"Der katholische Bulle" und seine Reise ins dunkle Ulster haben mich auf hohem Niveau bestens unterhalten. Und so habe ich den sympathischen Ermittler sofort ins Herz geschlossen. Obendrein entspricht Seans Musikgeschmack in etwa meinem zu jener Zeit. Ich freue mich schon heute auf den zweiten Teil dieser spannenden Trilogie.

Fazit: Mein erstes Highlight dieses Sommers: heiße 100°!

24.06.2013 11:58:54
Peter Torberg

Liebe Leute,

Teil zwei ist bereits in Arbeit! Interessant scheint mir auch ein Vergleich zu David Peace' Krime-Vierteiler zu sein, der etwa zu selben Zeit in Yorkshire spielt.
Schon recht, ein wenig muss man sich mit der Materie befassen, aber ich wollte kein Glossar oder ähnliches dazustellen. Ist ja ein Krimi, keine historische Abhandlung. Außerdem lassen sich die Kürzel recht schnell auflösen, dashalb fand ich Anmerkungen oder gar Fußnoten nicht nötig.

d.Ü.

18.06.2013 14:42:59
Uli

Kann mich der Meinung von Marius nur voll und ganz anschliessen. Nachdem ich mich tags zuvor durch einen anderen Krimi gequält hatte (Mina Denise: Der letzte Wille - Heyne Verlag - absoluter Schrott, nicht kaufen!), der u. a. auch die IRA und den Nordirlandkonflikt zum Thema hatte, war ich anfangs nicht sicher, ob ich mir dieses Thema so schnell nochmal antun will. Doch hatte ich dann allerdings einen angenehmen und wirklich unterhaltsamen Nachmittag mit dem "katholischen Bullen" (und ein paar Pint Guinness)! Doch wie Marius bereits erwähnt hat, sollte man sich schon etwas mit dem Konflikt beschäftigt haben oder damit beschäftigen wollen, da sonst die Lektüre ziemlich aus Abkürzungen besteht, mit denen man herzlich wenig anfangen kann. Auf jeden Fall war es ein überaus toller und lesenswerter Krimi! Schade, dass vom zweiten Teil noch keine Übersetzung in Aussicht ist. Also werde ich mich an das englische Original heranwagen müssen!

16.06.2013 23:34:01
Marius

Das Herz der Finsternis

Es gibt schönere Orte auf Erden, an denen man seinen Dienst versehen kann, als Carrickfergus, einem Vorort Belfasts, im Jahre 1981. Noch prekärer wird die Lage, wenn man zum Höhepunkt des Nordirlandkonflikts dort als katholischer Bulle seinen Dienst versieht.
Mit diesen Probleme hat Sean Duffy zu kämpfen, als er als Jungspund ins Polizeirevier nach Carrickfergus abgeordnet wird und sofort zur Zielscheibe des Hasses der IRA wird. Und als immerhin sehr belesener – Grünschnabel wird Duffy sofort auf seinen ersten Fall angesetzt, der es in sich hat. Wie es den Anschein hat, scheint Nordirland vom ersten Serienkiller in der Geschichte des Landes heimgesucht zu werden, der sich unter den Homosexuellen Belfasts seine Opfer sucht.

Es ist wahrlich harter Tobak, den Adrian McKinty im Auftakt zu seiner Sean-Duffy-Reihe (Teil zwei erschien Anfang des Jahres in Amerika) kredenzt. Belfast gerät bei ihm zu einem einzigen Moloch aus Hass, Gewalt und Fanatismus – ein einziges Herz der Finsternis.
Mit Sean Duffy setzt er dem ganzen brutalen Inferno einen höchst sympathischen Ermittler entgegen, der zwar noch grün hinter den Ohren ist, seine Sache dennoch ausgezeichnet macht.
Er kämpft sich durch ein undurchdringliches Dickicht aus alten Rivalitäten und Feindschaften, die sowohl zwischen den einzelnen Charakteren als auch zwischen den verfeindeten irischen Splittergruppen herrschen. Dass dies auch für den Leser nicht immer leicht ist soll folgendes Zitat zeigen (S. 242):

„All das hier, der neue Job, das neue Büro, und die DUP ein Stockwerk tiefer. Seawright ist von der UVF, richtig? Seawright ist UVF, Billy White ist UDA, und Sie sind der neue Kopf der FRU und neuer Verbindungsmann zwischen den loyalistischen Paras und der IRA“ stellte ich fest.

Wer „Der katholische Bulle“ richtige verstehen und genießen will, sollte einiges an Vorwissen bzw. den Willen sich nebenbei ein Bild der Geschehnisse zu machen, mitbringen. Adrian McKinty gibt keine großen Einführungskurse, ehe er die Handlung beginnen lässt.
Ähnlich wie Sean Duffy wird man ins kalte Wasser der nordirischen Feindschaften geworfen und muss sich aus dem Geflecht befreien. Wer eines der anderen vorzüglichen Bücher McKintys gelesen hat, weiß, was einen erwartet: Ein Thriller durchsetzt mit großartigen Anspielungen und einem hohen Intellektuellen Niveau (wer sonst könnte Max Weber, Novalis und die Stones so vorzüglich verquicken?) und einigen brutalen Passagen. Zart behafteten Lesern würde ich raten, die Finger von diesem Buch zu lassen – allen anderen, die gerne etwas aus guten Büchern lernen und Krimis nicht alleine der Spannung wegen konsumieren. Eines der besten Bücher des Jahres 2013!