Aller Heiligen Fluch

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • London: Quercus, 2012, Titel: 'A room full of bones', Seiten: 346, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2014, Seiten: 384, Übersetzt: Tanja Handels

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Sabine Bongenberg
Mehr Saures als Süßes

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mär 2014

Grundsätzlich scheint es doch nicht jedem Dahingeschiedenen egal zu sein, was nach seinem Ableben mit seinem Körper passiert. Verstehen wir uns nicht falsch – vor Eintritt des Ereignisses macht sich vermutlich jeder so seine Gedanken oder hat bestimmte Vorstellungen. Aber dann wenn erst einmal Fakten geschaffen wurden, dann sei doch die ehrliche Frage gestattet, ob es den Verstorbenen noch – pardon – irgendwo juckt. Grundsätzlich könnte der Leser jetzt auch sagen, "Liebe Frau Bongenberg, wo ist denn das Problem, wenn es einem Dahingeschiedenen möglicherweise nicht passt, was mit seinen sterblichen Überresten passiert?" und da sind wir schon mitten im Aller Heiligen Fluch, denn hier sind es mysteriöse Vorkommnisse um den Sarkophag des Bischofs Augustin und um die Überreste diverser australischer Ureinwohner, die offenbar ihre rächende Faust aus dem Jenseits recken.

Wie anders ließe es sich sonst erklären, dass nacheinander der Direktor und der Eigentümer des an der Sargöffnung und Knochenaufbewahrung beteiligten Museums schnell und plötzlich versterben? Beide setzten die Sargöffnung eines bekannten im Mittelalter verstorbenen Kirchenmannes durch, beide waren an der Aufbewahrung sterblicher Überreste australischer Ureinwohner beteiligt, beide verstarben nach – wie es ein Nachruf formulieren würde – "kurzer schwerer Krankheit". Keiner der beiden konnte übrigens behaupten, dass er nicht gewarnt wurde. Nein, ein elitärer Club der "Elginisten", der den sicherlich guten Plan verfolgte, die Gebeine Verstorbenen wieder in ihre ursprüngliche Heimat zu verbringen, hatte schon zur Abschreckung die eine oder andere Giftschlange vorbeigeschickt. Offensichtlich ließen sich die beiden Herren aber davon nicht beeindrucken und können nun sehen, was sie davon haben.

Oh dear, rächende Geister in englischen Landhäusern...

Vermutlich fragen sich diverse Leser, was derartige Verstrickungen in einem ernstgemeinten Krimi zu suchen haben. Diese Frage stellte sich die Autorin dieser Zeilen auch an diversen Stellen. Offensichtlich schwebte der Autorin eine Mischung zwischen moderner Druiden- oder "Mensch-durch-Fluch-getötet-Geschichte" und einer Täterermittlung vor und grundsätzlich ist diese Frage auch abschnittsweise spannend beantwortet. Dennoch besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen einem Kriminalroman und einem Mysterienspiel. Mächte aus dem Jenseits können schließlich nicht mehr zur Verantwortung für ihre Taten gezogen werden – oder zumindest sind mögliche Konsequenzen nicht bekannt. Vermutlich kam auch Elly Griffiths dieser Einwand etwas bedenklich vor, so dass zwei mögliche Lösungen für die Tode angeboten werden, doch wird allein aufgrund des Schwerpunktes der Darstellung und weiterer Andeutungen im Text eine klare Marschrichtung vorgegeben. Diese Fragen machen das Buch nicht unlesenwert, zumal auch interessante moralische Aspekte zu der Frage aufgeworfen werden, ob menschliche Überreste tatsächlich in Museen ausgestellt werden sollten. Dennoch hat in einem Krimi grundsätzlich der lebende Mensch seine hässlichen Hände im Spiel und nicht irgendein – salopp formulierter - Hokus-Pokus, sei er nun aus dem Dies- oder Jenseits lanciert.

Neben diesem Hauptteil der Geschichte konstruierte die Autorin zusätzlich und vermutlich um doch noch einen realistischen Ast in der Erzählung zu erhalten, einen Nebenstrang um dunkle Verstrickungen im Drogenmilieu. Dieser Nebenstrang wird so behandelt, wie es einem Nebenstrang zusteht: Weder wird er besonders liebevoll konstruiert noch detailliert gewürdigt, so dass die generell interessante Ausgangsidee leider mehr oder weniger verblasst. Dennoch – auch hier ist Elly Griffith ein interessanter Blickwinkel gelungen, erfolgt hier doch die Focusierung auf die Polizistin Judy Johnson. Spielte diese bisher nur eine Nebenrolle und war Inspektor Harry Nelson in drei Vorgängerromanen der polizeiliche Leitwolf, darf sich die bisherige Assistentin hier doch eigenständig ihre Sporen verdienen. Wenn auch das Zwischenergebnis die Frage aufwirft, aufgrund welcher Qualifikationen Johnson bei der Polizei angestellt wurde.

Trick or Treat?

Grifftihs fasst in ihrem Aller Heiligen Fluch, der sich auf das christliche Fest "Allerheiligen" oder auf die heidnische Nacht vor diesem Fest "Helloween" bezieht, zwei Elemente der von den Kindern zu "Helloween" geforderten Gaben zusammen: Das "Süße" und das "Saure". Sicherlich gehört zum "Süßen" die Fortsetzung der Historie zwischen den handelnden Hauptpersonen, nämlich der Archäologin Ruth Galloway und dem leitenden Inspektor Harry Nelson. Plastisch dargestellt werden auch die ländliche Gegend, in der sich die Handlungen abspielt und der eher gemächliche Lebensrhythmus der Akteure. Dennoch lässt sich auch das "Saure" nicht von der Hand weisen. Da wäre die – zumindest – gewöhnungsbedürftige, wenn nicht sogar nervige Erzählweise im Dauer-Präsens, für die es keinen erkennbaren Grund gibt. Da wäre die sehr interessante Überraschung im Hinblick auf die Person des exhumierten Bischofs und deren vollkommenes Außerachtlassen im weiteren Verlauf des Buches. Da wäre Ruth's gelegentliche Neigung zur Propeller-Mutter und auch die "Wunderkind-Eigenschaften" der Tochter, die vermutlich auf Fehleinschätzungen der Autorin beruhten.

Leider ist aber eine gelungene süßsaure Mischung außerhalb chinesischer Restaurants selten gewünscht.

Aller Heiligen Fluch

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