"Relax" vs. "Extrem" -
Gegensätzlicher können Krimis nicht sein.

von Michael Drewniok

Ermittler mit Handicap, aber Köpfchen

Um einen genialen bzw. skrupellosen Verbrecher zu fassen, stellt der Ermittler sich ihm normalerweise geistig hellwach und körperlich topfit entgegen. Doch einige Krimi-Autoren schüren die Spannung, indem sie dem Polizisten (oder Detektiv) quasi einen Arm auf den Rücken binden, d. h. ihn körperlich versehrt auf einen umso überlegener wirkenden Gegner treffen lassen, wobei die Überlegenheit des Geistes auch und gerade in einem geschwächten Körper für zusätzliche Spannung sorgt.

  • Krimi "Relax"

    Baynard H. Kendrick

    Der pfeifende Henker

    Vom Tod gezeichnet reist der schwerreiche Dryden Winslow nach New York City. Für seine potenziellen Erben mietet er Apartments im vornehmen Hotel „Doncaster House“. Kurz vor dem Treffen lockt ihn ein seltsamer Pfiff auf die Dachterrasse, wo ihn eine unsichtbare Kraft über die Brüstung wirft.

    Neben der Polizei ermittelt Detektiv Duncan Maclain. Dass er blind ist, hat ihn bei seiner Arbeit nie behindert. Tatsächlich hilft es ihm, sich auf Indizien zu konzentrieren, die eben nicht ins Auge stechen, aber wichtige Hinweise liefern. Da festgestellt wird, dass Winslows Testament verschwunden ist, konzentriert sich der Detektiv auf die Familie des Ermordeten. Dies führt zum nächsten Auftritt des „pfeifenden Henkers“ …

    Autor Kendrick (1894-1977) konfrontiert seinen Detektiv (und die Leser) mit einem doppelten Rätsel. Wer steckt hinter den Schurkentaten, und wie wurden sie begangen? „Der pfeifende Henker“ ist nicht nur ein „Whodunit“, sondern auch ein „Howdunit“ - und der Ermittler ist blind!

    Ein Freund hatte Baynard Kendrick beeindruckt: Der Mann konnte den Verlust des Augenlichts durch die übrigen Sinne ausgleichen. Als Kendrick zu schreiben begann, griff er auf diese Erinnerung zurück. Duncan Maclain war im Ersten Weltkrieg als Aufklärungsoffizier erblindet. Nach einer Phase der Verzweiflung lernte er mit der Behinderung nicht nur zu leben, sondern sich ihrer zu bedienen: Er wurde Ermittler.

    Heute kennt man die Tricks, mit der ein blinder Mensch seine sehenden Zeitgenossen verblüffen kann, doch hier sind sie noch ‚frisch‘. Maclain hört wie eine Fledermaus und profitiert von der diesbezüglichen Ahnungslosigkeit von Strolchen, die sich quasi akustisch verraten. Als ‚Ersatz‘ für sehende Detektiv-Augen führt Kendrick die Hausdame Mrs. Sands ein. Sie hält sich stets ‚zufällig‘ dort auf, wo Wichtiges geschieht, und beobachtet stellvertretend für uns Leser den Detektiv bei der Arbeit. Notfalls greifen die Blindenhunde Schnucke und Dreist ein, die natürlich umgehend zu Leser-Lieblingen wurden. Der Tod ist eher ein Rätsel, Blut fließt nicht: Kendrick meidet den allzu intensiven Blick auf die Leiche

    zur Rezension auf Krimi-Couch.de

  • Krimi "Extrem"

    Jeffery Deaver

    Der talentierte Mörder

    Amelia Sachs untersucht für das Morddezernat des New York Police Departments den Fall eines Mordzeugen, der in das Getriebe einer Rolltreppe geriet und blutig zermalmt wurde. Während Sachs ihn vergebens zu retten versuchte, entkam der Mörder - ein Serienkiller, der seinen Mitmenschen ferngesteuert mit zweckentfremdeten Haushaltsgeräten und Werkzeugen zu Leibe rückt.

    Die Rolltreppe wird vom fast vollständig gelähmten Kriminologen Dr. Lincoln Rhyme untersucht, der dabei die Manipulation der Mechanik feststellt. Rhyme und Sachs sind Lebensgefährten, was den Mörder ebenso beunruhigt wie anspornt: Doppelt in die Zange genommen, setzt der Täter seine beachtlichen handwerklichen Fähigkeiten ein, was für einen Mann, dessen Leben von Maschinen und abhängt und unterstützt wird, verhängnisvoll ist …

    Informationen, aber auch Befehle werden heute global und drahtlos übermitteln. Es dauerte nicht lange, bis kriminelle Elemente erkannten, das Signale sich abfangen, verändern und  missbrauchen lassen. Die Schutzmaßnahmen hinken der Hightech hinterher - und hier klinkt sich Jeffery Deaver ein und lässt Mikrowellen, Küchenherde oder Automobil-Elektroniken mit liebevoll ausgemalten Splatter-Effekten à la „Saw“ Amok laufen.

    „Der talentierte Mörder“ ist bereits Band 12 eine Serie, in deren Zentrum der „quadriplegisch“, d. h. an sämtlichen Gliedmaßen gelähmte Lincoln Rhyme steht: Im 21. Jahrhundert ist nur eine Einschränkung nicht mehr spannend genug. Der Zwang zur effektgesteigerten Fortsetzung führt dazu, dass Rhyme nunmehr eine ‚Praktikantin‘ bekommt, die ebenfalls im Rollstuhl sitzt.

    Deaver treibt das Konzept des „armchair detective“ auf die Spitze: Rhyme kann seinen Rollstuhl nicht verlassen - eine Quelle der Frustration, die in den ersten Bänden für Selbstmordgedanken sorgte. Für jede Fortsetzung nachgeschärfte Hightech ersetzt Rhyme seinen Körper; dieses Mal wendet sie sich dramatisch gegen ihn. Wo Rhyme nicht präsent sein kann, springt Amelia Sachs ein, die auf die zusätzliche Hilfe weiterer Randfiguren zählen sowie dafür sorgen kann, dass sich der ohnehin beachtliche Blutzoll weiter erhöht.

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Fotos: istock.com / teekid

BEHIND THE DOOR
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