Traumhafte Aussichten mit perfekten Summer-Vibes, aber die Idylle trügt.
Wie jedes Jahr im August, kehrt das Paar Charlotte und Perry in ihr Ferienhaus auf den Klippen von Englands Südküste zurück. Es ist ihr perfektes Idyll: Das große Haus, die atemberaubende Aussicht auf das Meer und nicht zuletzt ihr Kleinod, die «Nook», ein romantisches kleines Holzhäuschen, im gleichen Stil des großen Hauses: Die perfekte Location für Sonnenuntergänge.
Charlottes Freundin Amy möchte so etwas auch. Leider reichen die finanziellen Mittel nicht ganz; so kaufen sie und ihr Mann einen schon ziemlich heruntergekommenen, aber trotz alledem überteuerten Bungalow in der Nachbarschaft. Amy eifert Charlotte in vielem nach und ihr Rat ist ihr stets der wichtigste. Schade nur, dass sich die beiden Ehemänner, Amys ehrgeiziger Ehemann Linus und der Privatier Perry, so gar nicht verstehen.
Eine Frage der Gerechtigkeit
Zu den ersten nachbarschaftlichen Misstönen kommt hinzu, dass den Urlaubern schon bei der Ankunft der Aufenthalt in dem malerischen Badeort vermiest wird. «NJFA», die «Not Just For August», ist eine Organisation der Einheimischen, die darauf aufmerksam machen will, dass die reichen Londoner nur einen Monat im Jahr ihre Ferienhäuser bewohnen, während sie selbst in Wohnwagen und anderen beengten Verhältnissen ihr Dasein fristen müssen. Perry schäumt vor Wut, doch Amy und Linus geben sich betont gelassen, selbst dann noch, als sich die «Aktionen» und der damit einhergehende Vandalismus häufen. Amy möchte keine der «HALS» (Horden aus London) sein und versucht sich bei den Einheimischen anzubiedern. Gleichzeitig aber möchte sie mit den gutsituierten Londonern befreundet sein. Ein unglücklicher Spagat.
Der Ärger im Sommerparadies ist absehbar
Das sorglose Leben der Londoner High-Society, ihr privilegierter Nachwuchs, die unvereinbaren Ansichten der «woken» Generation und die der «Performer»: Für Perry, der vor einiger Zeit in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist, sind die Ansichten der woken Community und die Vehemenz, mit der sie vorgetragen werden, eine Zumutung, die er nicht ertragen kann. Doch Louise Candlish gibt uns auch einen spannenden Einblick in seine nicht so moralische Seite. Ebenso wie die der wunderschönen siebzehnjährige Beattie, die allen Männern den Kopf verdreht. Oder der gutaussehende Barkeeper, der von ihr besessen ist und vollkommen vergisst, welche Verantwortung er trägt.
Es bleibt also nicht aus, dass die beiden Milieus miteinander in Berührung kommen; auf die eine oder andere, nicht so gute Weise.
Die Suche nach der Wahrheit
Louise Candlish beginnt ihren Thriller mit einem großen Knall. Das alljährliche Sommerfest ist in vollem Gange, als ein ganzes Haus von der Klippe stürzt. Mit Rückblenden räumt Louise Candlisch das Feld systematisch von hinten auf. Person für Person. Ereignis für Ereignis, bis wir zu dem Tag des Ereignisses kommen. Über allem die Frage: Wessen Haus hat es getroffen, wer hat diese Ungeheuerlichkeit begangen - und warum?
Der Anführer der Organisation, Robbie, berichtet aus eigener Perspektive (wie sich noch herausstellen soll, ein guter, erzählerischer Kniff) über Perry, Charlotte, Linus, oder beispielsweise auch Beattie, die siebzehnjährige Tochter von Amy und Linus, erhalten wir Einblicke aus einer erzählenden Perspektive. Dabei ist Candlish nie wertend, sondern legt ihre Motive auf eine neutrale Weise offen, so dass man als Leser/in seine eigenen Schlüsse ziehen kann und wird. Wer Sympathien oder Verständnis verdient hat, das überlässt sie ganz ihrer Leserschaft.
Als im weiteren Verlauf noch bekannt wird, dass ein Mensch bei dem Klippensturz zu Tode gekommen ist, steigt der Spannungsbogen abermals. Auch hier erfährt man zunächst nicht, wer überhaupt das Opfer ist – es kann jeder oder jede sein.
Welche Zufälle und Ränkespiele zu dem Finale führen, ist wunderbar unterhaltsam zu lesen. Pointiert und manchmal fast satirisch, werden wir von der Autorin in eine herrliche Sommer-Atmosphäre mit vielen Geheimnissen entführt. Ihre Dialoge sind ein weiterer Pluspunkt, die Schlagfertigkeit von Perry ebenso wie seine stummen Paraden, wenn er sich zusammenreißen muss. Die Doppelmoral zeigt sich in vielen Facetten und hört oft bei den Anklägern nicht auf.
Es fiel mir nicht schwer, bei diesem 576 Seiten starken Roman durchzuhalten. Er ist auf so intelligente Weise erzählt, dass man sich schnell unter der illustren Gesellschaft heimisch fühl. Die langersehnte Auflösung, die Belohnung am Schluss, ist Louise Candlish wirklich gelungen.
Fazit
Candlish versteht es meisterhaft, ihre Geschichte mit spannenden Details anzureichern - man muss nur etwas Geduld mitbringen, bis alle Fragen beantwortet werden. Das ist auf leichte und zugleich hintergründige Weise sehr unterhaltsam, weshalb ich das Buch (nicht nur) als Sommerlektüre empfehlen möchte. Wer gerne verschlungene, «tricky» Geschichten verfolgt, der dürfte hier bestens aufgehoben sein.

Louise Candlish, btb


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