Der pfeifende Henker

Erschienen: Januar 1977

Bibliographische Angaben

  • Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Whistling Hangman“

    - New York : Doubleday, Doran & Co. 1937

    - London :  Robert Hale 1959

    - Wien - Leipzig : Ibach Verlag. Übersetzt von Ellen Diner. [keine ISBN]. 223 S.

    - Rüschlikon-Zürich : Albert Müller Verlag 1956. Übersetzt von Ellen Diner. [keine ISBN]. 191 S.

    - Gütersloh : Signum Verlag 1963. Übersetzt von Ellen Diner. [keine ISBN]. 151 S.

    - München : Wilhelm Heyne Verlag 1977. Übersetzt von Ellen Diner. ISBN-13: 978-3-453-10358-0. 141 S.

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Michael Drewniok
Zu viele Erben und ein verschwundenes Testament

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2021

Ein Vierteljahrhundert hat Dryden Winslow die USA gemieden und in Australien ein gewaltiges Vermögen angehäuft. Vom Tode gezeichnet kehrt er nun heim und möchte seine Familienverhältnisse ordnen. In New York bucht er gleich sechs Apartments des vornehmen Hotels „Doncaster House“. Dorthin ruft Winslow Baxter und Gertrude, seine Kinder, die den Vater nie gesehen haben, die Schwestern Marcia und Purcella Forrest, von denen die Geschwister aufgezogen wurden, sowie Emmett und Rose Black, deren Onkel Winslow ist. Als siebter Gast stößt Gertrudes Verlobter, der Gesellschaftslöwe Paul Holden, zu der Gruppe.

Nur Gertrude kann sich noch mit dem Vater treffen, bevor dieser einem bizarren Mord zum Opfer bzw. viele Meter in die Tiefe fällt. Ein seltsamer Pfiff hatte ihn auf die Dachterrasse gelockt, wo ihn eine unsichtbare Kraft über die Brüstung hob. Hotelier Bleucher ist entsetzt, dass der makellose Ruf seines auf prominente und betuchte Kunden spezialisierten Hauses unter diesem Vorfall leidet. Glücklicherweise ist er ein Freund des Detektivs Duncan Maclain, der sich bereiterklärt, in diesem Fall zu ermitteln.

Dass Maclain blind ist, hat ihn bei seiner Arbeit nie behindert. Tatsächlich ist es ihm oft nützlich, sich auf Indizien zu konzentrieren, die nicht ins Auge stechen aber wichtige Hinweise liefern. Während Inspektor Larry Davis und Sergeant Aloysius Archer von der Mordkommission misstrauisch den zwielichtigen Dr. Lorenzo Ynez - er ist Psychiater und Ausländer - unter die Lupe nehmen, beschäftigt Maclain die Frage, wieso Winslow, der nachweislich kein frommer Mann war, sich kurz vor seinem Ende eine Bibel aufs Zimmer bringen ließ, die er anschließend aus ihrem Buchdeckel riss.

Als kurz darauf festgestellt wird, dass Winslows Testament verschwunden ist, konzentriert sich der Detektiv auf die Familie des Ermordeten. Dies führt zu erstaunlichen Ergebnissen - und zum nächsten Auftritt des „pfeifenden Henkers“ …

Ohne Augen mehr ‚sehen‘

Baynard Kendrick gehört zu jenen Autoren, die eine Idee - oder hier eine Erfahrung - zu einem Lebenswerk ausbauten. Ein Kamerad war als Soldat im I. Weltkrieg durch eine Verletzung erblindet. Kendrick besuchte ihn und war beeindruckt, wie dieser Mann den Verlust des Augenlichts durch den verstärkten Einsatz der übrigen Sinne ausgleichen konnte. Der spätere Autor beschäftigte sich intensiv mit dem Thema und arbeitete nach dem II. Weltkrieg selbst in einem Rehabilitierungszentrum für blinde Kriegsveteranen.

Als Kendrick in den 1930er Jahren Kriminalromane zu schreiben begann, bediente er sich seines einschlägigen Wissens und schuf eine der klassischen Figuren des Detektiv-Genres - dies auch aber nicht nur aufgrund der Tatsache, dass Duncan Maclain blind war. Vor allem Kendricks frühe Werke sind solide geplottete und einfallsreich geschriebene Rätselkrimis, die nicht grundlos gern und zahlreich gelesen wurden.

Kendrick war keineswegs der erste Autor, der einen blinden Detektiv ermitteln ließ. Vor ihm hatte beispielsweise Ernest Bramah (1868-1942) ab 1914 Max Carrados eine lange Reihe verwickelter Kriminalrätsel lüften lassen. Es gab sogar eine reale Person, auf die sich Bramah und Kendrick zweifellos stützten: 1754 wurde John Fielding (1721-1780), der im Alter von 19 Jahren erblindet war, Leiter der „Metropolitan Police“ von London. Gleichzeitig amtierte er als Friedensrichter. In beiden Positionen war er außerordentlich erfolgreich.

Das doppelte Rätsel

In Der pfeifende Henker konfrontiert Kendrick seine Leser mit einem doppelten Rätsel. Es geht nicht nur darum, wer hinter den Schurkentaten steckt. Bis zuletzt bleibt zusätzlich offen, wie die Morde begangen wurden. Kendrick gibt sich genregerecht große Mühe mit der Beschreibung eines Verbrechens, das eigentlich nicht begangen werden kann: Viele Seiten vergehen über vergeblichen Tatort-Rekonstruktionen der Polizei. Es will einfach nicht gelingen, jemanden so zu hängen, wie es mit Dryden Winslow geschehen ist.

Faktisch dürfte es wohl wirklich unmöglich sein. Kendricks Auflösung ist jedenfalls sehr exotisch und hinterlässt diverse Fragezeichen. Allerdings funktioniert sie im Kontext der Story ausgezeichnet: Kendrick hatte anders als viele „Whodunit“-Puristen kein Problem damit, seine Geschichten dramatisch ein wenig aufzupolstern: Der Mörder setzt seine Tat so theatralisch in Szene, dass selbst die notorisch vernagelte Polizei rasch erkennt: Hier wurde massiv nachgeholfen! Zu allem Überfluss gibt es für den Mord keinen zwingenden Grund. Der Täter hätte sich durch schnöden Diebstahl aneignen können, worauf er es grundsätzlich abgesehen hatte.

Die Logik gerät also ein wenig auf die Streckbank, übersteht diese Behandlung aber unbeschadet. Keine Kompromisse machte Kendrick in der Beschreibung der Tatumstände. Absolut genretypisch und somit sehr detailliert schildert er uns das Nobel-Hotel „Doncaster House“: vom Bauwerk und seine für die Handlung wichtigen architektonischen Besonderheiten über die Einrichtungen der Zimmer bis zum Alltag hinter den Kulissen, der den vornehmen Gästen tunlichst verborgen bleiben soll. Der Leser kann und soll sich buchstäblich ein Bild vom Schauplatz machen. Als ehemaliger Hotelmanager kannte Kendrick sich auch in diesem Umfeld aus.

Verdächtig sind sie alle!

Bevölkert wird „Doncaster House“ ausschließlich von denen, die auch als Verdächtige in Frage kommen. Kendrick hat die Zahl der Gäste und Bediensteten clever ausgedünnt, da das Haus über die Sommermonate nur dünn belegt ist. Eine erfrischende, die Zeitlosigkeit seines Werkes konservierende Ökonomie legt der Autor generell an den Tag: Der pfeifende Henker verzichtet auf die sich schon damals gern erstickend über den eigentliche Handlung ergießenden Seifenoper-Schaum. An einer detaillierten Figurenzeichnung lässt es Kendrick keineswegs fehlen. Er unterwirft sie dem Geschehen, das deshalb nach relativ wenigen aber aufregenden Seiten zu seinem Ende kommt.

Wie es sich im Rätselkrimi gehört, stellt uns der Verfasser sämtliche Verdächtige vor. Der Mörder ist unter ihnen, denn Kendrick, Mitglied Nummer 1 und erster Präsident der „Mystery Writers of America“ (MWA), liebte zwar Effekte, duldete aber keine faulen Tricks. Er versorgt uns zwischenzeitlich mit versteckten Hinweisen. Die Indizien ‚sichten‘ wir ohnehin zeitgleich mit dem Ermittler. Falsche Spuren werden gelegt, und Irrtümer kommen vor, was beides legitim ist: Selbst schuld, wer dem Verfasser auf diesen Leim geht!

Das Tatmotiv ist klassisch: Es geht um viel Geld, das ein steinreicher und vom modernen Erbschaftsrecht gänzlich freier Mann an jene Familienmitglieder verteilen will, die seiner Meinung dieses Erbes würdig sind. Da dabei einige Angehörige leer ausgehen werden, ist die Jagd auf das Testament und seinen Verursacher freigegeben.

Blinder Mann schaut hinter die Fassaden

Sehr intensiv entwickelt Kendrick die Figur des Duncan Maclain. Im zweiten Band der Serie ist noch nicht viel über diesen Mann bekannt. Kendrick gibt ihm eine Biografie, die das Rationale und das Mysteriöse dieser Person geschickt unterstreicht. Noch immer wird Maclain „Hauptmann“ genannt, denn dies war sein militärischer Rang im I. Weltkrieg. Als Aufklärungsoffizier verlor er im Feld das Augenlicht. Erst anschließend und nach einer Phase der Verzweiflung und Neuorientierung wurde Maclain zum Ermittler.

Wie er aus der Not eine Tugend machte, wird immer wieder thematisiert. Der Leser (und Zuschauer) kennt heute die Tricks, mit der ein blinder Detektiv seine sehenden Zeitgenossen in Verblüffung versetzt. Der Verlust eines Sinnes schärft die anderen: So lautet die Theorie, die aus dramaturgischen Gründen mit gewissen Übertreibungen zum Fakt stilisiert wird. Maclain hört also wie eine Fledermaus und profitiert von der Ahnungslosigkeit von Strolchen, die keine Ahnung haben, dass sie, die scharf blickende Polizisten täuschen konnten, sich quasi akustisch verraten, weil sie nie gelernt haben, entsprechende Signale zu kontrollieren.

Der Trick erfüllt seine Aufgabe immer noch, auch wenn er längst zum Klischee geronnen ist. Die Variationen jenes besonderen ‚Sehens‘, dessen der blinde Maclain fähig ist, sorgen zuverlässig für unterhaltsames Staunen. Dazu kommt der Charakter eines Mannes, der anders als der typische ‚geniale‘ Detektiv zurückhaltend auftritt und sogar die Polizei für sich einnimmt, statt sie dumm dastehen zu lassen.

Durch die Augen von Dritten

Kendrick schärft Maclains Figur durch ‚Accessoires‘. Vor allem sind es die Hunde Schnucke und Dreist, die sich dem Leser schnell einprägen und präsent bleiben. Schnucke ist der ‚gute Hund‘ und führt Maclain, während Dreist als Kampfhund auftritt. Sobald Schnucke verschwindet, weiß der Leser: Gleich fällt die Maske des Täters! Da Maclain eventuellen Fluchtversuchen oder Racheanschlägen ausgeliefert wäre, ersetzt ihm Dreist die Faust oder den Revolver.

Um seine Leser dem Geschehen näher zu bringen, bedient sich Kendrick einer ‚inoffiziellen‘ Hauptfigur. Stellvertretend beobachtet die Hausdame Mrs. Sands, die sich ‚zufällig‘ stets dort aufhält, wo Wichtiges geschieht, den Detektiv bei der Arbeit. Zwischenzeitlich übernimmt sie zusätzlich die Rolle der „Frau in Gefahr“, vor der sich diverse Verdächtige drohend aufbauen.

Natürlich ist Der pfeifende Henker auch sonst ein Sammelbecken zeitgenössischer Klischees. Die ‚Emanzipation‘ der Frau beschränkt sich auf die Akzeptanz öffentlichen Rauchens. Ausländer sind stets verdächtig; um dies zu betonen, trägt Dr. Ynez einen pechschwarzen Vollbart im Gesicht, dessen Züge dadurch erst recht verdeckt werden. Polizisten sind redlich aber grob in Gestalt, Auftreten und Rede, Zimmermädchen dumm, Reporter dreist.

In einem Punkt hatte Kendricks Figurenzeichnung unerwartete Folgen: „Doncaster House“ wird von Rudolph Bleucher, einem deutschen Einwanderer, geführt. Der Autor verkneift sich sämtliche Knackwurst-Klischees oder Seitenhiebe auf ein Land, in dem die Nazis 1937 uneingeschränkt herrschten. Diese Zurückhaltung dürfte mit Grund dafür gewesen sein, dass Der pfeifende Henker noch 1940 in Deutschland veröffentlicht werden konnte.

Fazit

Der zweite Band einer Serie um den blinden Kriminalisten Maclain bietet einerseits klassische „Whodunit“-Kost, die durch das (scheinbare) Handicap des Ermittlers interessant gewürzt ist.

Der pfeifende Henker

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