Mick Herron

12.2019 Michael Seitz sprach mit dem britischen Autor Mick Herron über sein aktuelles Buch, den Brexit und die Verfilmung der Slough House Romane.

Die politische Situation gerade in meiner Heimat ist furchtbar und wird beständig schlechter.

Krimi-Couch:
Mr. Herron, die Slough House Reihe, die bisher sechs Teile umfasst, war in Großbritannien enorm erfolgreich. Bisher wurden aber nur zwei Bände in’s Deutsche übersetzt, hier sind Sie also noch nicht so bekannt. Würden Sie Ihren zukünftigen deutschen Lesern einen kleinen Einblick geben, worum es in der Serie geht?

Mick Herron:
Die zentrale Idee ist, dass es eine Abteilung des britischen Geheimdienstes gibt, die aus Leuten besteht, die auf die eine oder andere Weise versagt haben, entweder weil sie sich in ihrem Job als inkompetent erwiesen haben, oder weil Sie persönliche Probleme mit sich herumtragen wie etwa Alkohol, Spielsucht, Drogen, fehlende Aggressionskontrolle usw., so dass sie nicht eben ideale Geheimdienstmitarbeiter sind. Aber anstatt sie zu feuern, versetzt man sie in‘s Slough House, die Sackgassen-Abteilung, wo man sie mit allerlei öden und überflüssigen Aufgaben befasst, in der Hoffnung, das sie irgendwann von selbst kündigen.

Besonders schwer macht ihnen das Leben dabei der Chef von Slough House, Jackson Lamb, eine ziemlich unerfreuliche Persönlichkeit, der seine Mitarbeiter gerne mit langweiligen und nutzlosen Aufgaben quält und sie zudem beleidigt, wann immer es geht. Aber obwohl sich die Akteure eigentlich in der beruflichen Sackgasse befinden, passieren einfach Dinge, und so finden sich die Figuren doch immer wieder inmitten der geheimdienstlichen „Action“ wieder.

Krimi-Couch:
Joanne Rowling hat mal gesagt, Harry Potter sei ganz plötzlich vor ihrem geistigen Auge erschienen, mit Zauberstab und allem. Wie kam Jackson Lamb in Ihr Leben?

Mick Herron:
Gar nicht viel anders. Obwohl ich eigentlich nicht erwartet hätte, dass er eine so bedeutende Rolle in den Büchern spielen würde. Zwar sollte er als die große Bedrohung an der Spitze von Slough House immer präsent sein, also eine Figur, über die seine Untergebenen reden und sich Sorgen machen, aber das er so eine wichtige Figur innerhalb der Handlung werden würde, das war nicht geplant.

Aber als ich ihn erstmal zu Papier gebracht hatte, habe ich gemerkt, welchen Riesenspaß es macht, einen Charakter handeln zu lassen, der keinerlei Filter hat, der völlig rücksichtslos ist in seiner Boshaftigkeit und seinem Bestreben, auf Kosten anderer auf fiese Weise Spaß zu haben. Also habe ich ihm viel mehr Raum gegeben, als ich ursprünglich geplant hatte.

Krimi-Couch:
Man hat den Eindruck, dass Sie durch die Figur Jackson Lamb in Ihren Büchern auch Dinge sagen können, die alles andere als politisch korrekt sind.

Mick Herron:
Absolut! Wie gesagt, Lamb hat keine Filter. Deshalb kann ich durch ihn allerlei böse Witze und Beobachtungen machen, die ich nicht wagen würde, gäbe es ihn nicht. Aber das heißt natürlich nicht, daß ich etwa gutheißen würde, was er sagt und tut.

Für mich persönlich ist die sogenannte politische Korrektheit durchaus eine gute Sache, bedeutet sie doch, daß man sich der Verletzlichkeit des anderen bewusst ist und ihn höflich und vernünftig, eben human behandelt. Wenn es aber um´s Schreiben geht, macht es viel mehr Spaß, auf der Seite des Teufels zu stehen. Durch Jackson Lamb spricht also sozusagen das Teuflische aus mir.

Krimi-Couch:
Zwischen der früher entstandenen Zoe Boehm Serie und den Slough House Romanen gibt es einen deutlichen stilistischen Bruch. Die Bücher um Zoe Boehm sind viel detaillierter, die Slough House Romane hingegen sind viel humorvoller, haben aber sozusagen auch einen breiteren Pinselstrich, was die Charaktere wie auch die Situationen angeht. Woran liegt das?

Mick Herron:
Einer der Gründe, warum ich mit der Slough House Serie begonnen habe, war, dass ich sozusagen auf einer breiteren Leinwand arbeiten wollte. Ich wollte über eine Gruppe von Leuten schreiben und nicht mehr so sehr ein bestimmtes Individuum in den Vordergrund stellen. Die früheren Bücher fokussierten sich stärker auf eine Person, also war ich während des gesamten Buches sozusagen im Kopf dieser einen Figur. So erfährt man automatisch viel mehr Details darüber, wie diese Person sich in den verschiedenen Szenen fühlt, was sie denkt. Wenn man aber über eine Gruppe von acht oder neun Personen schreibt, aus deren jeweiligem Blickwinkel in bestimmten Situationen, dann ist dafür keine Zeit. Also habe ich hier mehr einen Panoramablick gewählt.

Was den Humor angeht, so kommt dieser in den Slough House Büchern deshalb deutlicher zum Vorschein, weil ich hier über frustrierte und in vielerlei Weise von sich selbst und den Umständen enttäuschte Menschen schreibe, die sich manchmal schon am Rande der Verzweiflung befinden. Vielleicht ist das auch so eine typisch britische Sache, aber ich glaube, es ist zutiefst menschlich, daß diese Charaktere den Situationen, denen sie ausgesetzt sind, mit sarkastischem Humor begegnen, anstatt ständig anderen ihr Leid zu klagen. Deshalb spielt der Humor in diesen Geschichten eine größere Rolle.

"Ich neige mehr zur Satire als zur Tragödie, vielleicht weil ich es leichter finde, damit umzugehen."

Krimi-Couch:
Sie werden oft mit John le Carré verglichen. Wo aber seine Bücher ob der Schlechtigkeit dieser Welt sehr ernst und zuweilen tragisch daherkommen, werden Ihre Bücher witziger, satirischer und manchmal sogar in einer Weise sarkastisch, die schon ans zynische grenzt. Ist das Ihr „Trick“, dass man diese Welt, die jeden Tag lächerlicher zu werden scheint, nur noch mit einer großen Dosis Humor ertragen kann?

Mick Herron:
Das ist bestimmt ein Teil der Wahrheit. Der zynische Blick, den ich gewählt habe, ist für die Bücher als solche charakteristisch, nicht nur für einzelne Figuren der Romane. Trotzdem heißt das nicht, daß ich das alles selbst so sehe, jedenfalls nicht die ganze Zeit. Aber es ist eine Möglichkeit, mit einer aus meiner Sicht zunehmend übler werdenden politischen Situation umzugehen, die man nicht nur in Großbritannien, sondern auf der ganzen Welt beobachten kann.

Also ja, ich neige mehr zur Satire als zur Tragödie, vielleicht weil ich es leichter finde, damit umzugehen. Was den Vergleich mit le Carré angeht, ist der Grund natürlich vor allem, dass für jeden, der Spionageliteratur schreibt, le Carré der Maßstab ist, an dem er sich messen lassen muss. Le Carré ist ein wunderbarer Autor, dessen Bücher ich sehr schätze und den ich verehre. Trotzdem glaube ich nicht, das wir in unserer Art zu erzählen viel gemeinsam haben, abgesehen natürlich von dem Genre, dem Thema, über das wir beide schreiben. Klar, wenn ich „Dame, König, Ass, Spion“ hätte schreiben können, hätte ich es ganz bestimmt getan (lacht). Aber so tut halt jeder, was er kann.

Krimi-Couch:
In einem früheren Interview haben sie gesagt, daß sie gern Dinge frei erfinden, also offenbar nicht soviel Recherche betreiben. Wie kommt es dann, daß Ihre Bücher gleichwohl so erschreckend plausibel sind?

Mick Herron:
Plausibilität und Realismus sind ja nicht dasselbe. Ich glaube, die Plausibilität kommt daher, dass ich mich auf meine Protagonisten und ihre menschlichen Reaktionen auf bestimmte Situationen konzentriere. Wenn die Leute dann sagen, so würde ich in der Situation auch reagieren, dann finden sie das plausibel. Das ist mir viel wichtiger, als technische Details zu recherchieren. Zwar erfinde ich Sachen, aber trotzdem achte ich auch auf das, was um mich herum in der Welt passiert und ziehe meine eigenen Schlüsse aus den politischen Ereignissen. Diese Schlüsse könnte auch jeder meiner Leser ziehen und so zu den gleichen Plausibiliäten kommen, wenn er das, was ist, mit dem vergleicht, was vielleicht sein könnte. Das ist nicht wirklich so ein großer Schritt.

Krimi-Couch:
In ihren Büchern ist die Welt in vielerlei Hinsicht aus den Angeln geraten, und jeden Tag scheint es schlimmer zu werden, so wie scheinbar in der Wirklichkeit auch. Sind sie ein Pessimist, wenn es um das Fortbestehen der Menschheit auf diesem Planeten geht?

Mick Herron:
Ich glaube nicht, daß ich ein Pessimist bin, wenngleich ich Menschen gut verstehen kann, die pessimistisch sind. Es gibt gute Gründe, sich Sorgen um die Dinge zu machen, die um uns herum vorgehen. Die politische Situation gerade in meiner Heimat ist furchtbar und wird beständig schlechter. Andererseits: Schaut man in der Geschichte zurück, so haben wir schon viele ähnlich schlimme Situationen überstanden, und deshalb glaube ich, daß wir auch diese Krise letztendlich meistern werden. Allerdings ist die Situation heute verzweifelter den je, vor allem wegen der Umweltprobleme, denen die Menschheit sich gegenüber sieht, und tatsächlich sind wir momentan besonders gut darin, diese Herausforderungen zu ignorieren anstatt sie anzunehmen.

Vor allem für die jungen Leute auf dieser Welt ist das eine schwere Last. Ich bin vielleicht nicht optimistisch, aber ich habe Hoffnung, insbesondere wenn ich sehe, wie die junge Generation auf diese Herausforderungen viel engagierter reagiert als meine Generation, mit der klaren Intention, die Dinge besser zu machen. Auch wenn es viele Ältere gibt, die offenbar daran arbeiten, die Dinge noch schlechter zu machen und auch wenn die jungen Leute heute vor riesigen Herausforderungen stehen, so glaube ich doch daran, dass sie am Ende gewinnen werden.

Krimi-Couch:
Die Deutschen haben lange die Engländer für ihren „Way of Live“ bewundert. In den letzten Jahren haben wir allerdings erhebliche Schwierigkeiten, unsere westlichen Nachbarn noch zu verstehen. Was würden sie Ihren deutschen Lesern insbesondere in Bezug auf den Brexit sagen wollen?

Mick Herron:
Ich denke, der Brexit ist eine Abscheulichkeit und ich hoffe, daß er nicht von Dauer sein wird. Natürlich kann ich das nicht wissen, besonders, weil man im Moment ja noch nicht einmal sicher sagen kann, was in der nächsten Woche passiert, geschweige denn, was in einigen Jahren sein wird. Ich sage ihnen, viele Briten haben die gleichen Schwierigkeiten wie die Deutschen, zu verstehen, was da vor sich geht.

Beim Referendum wurden die Menschen belogen und sie wurden ermutigt, Ihrem Zorn auf andere, auf Immigranten, auf die Arbeitslosigkeit usw. freien Lauf zu lassen, obwohl die meisten Probleme von Leuten übertrieben oder gar erfunden wurden, die damit in Wahrheit eigene Interessen verfolgten. Großbritannien ist gegenwärtig in einer schlimmen Lage, aber das wird hoffentlich nicht für immer so bleiben.

Krimi-Couch:
Ihre Bücher beschäftigen sich intensiv mit dieser Realität und ihren Akteuren. In Ihrem letzten Buch bekommt beispielsweise Boris Johnson sein Fett weg.

Mick Herron:
Sicher habe ich mich in meinen Büchern mit unterschiedlichen Politikern und Ihren Sichtweisen angelegt. Aber ich entwerfe meist Figuren, die sich aus vielen verschiedenen realen Personen zusammensetzen oder bestimmte, typische Auffassungen repräsentieren. Allerdings hege ich sicher keinerlei Sympathie für unseren gegenwärtigen Premierminister und hoffe, daß er nicht lange im Amt bleibt, aber wer weiß das schon.

Krimi-Couch:
Sie haben Ihren neuesten, dieses Jahr auf Englisch erschienenen Roman „Joe Country“ mit einem riesigen „Cliffhanger“ beendet. Slough House existiert nicht mehr! Dürfen wir trotzdem mehr erwarten?

Mick Herron:
Ich schreibe gerade an dem siebten Slough House Roman und habe großen Spaß dabei. Also definitiv: Ja!

Krimi-Couch:
Es gibt ein hartnäckiges Gerücht, das die Slough House Reihe für´s Fernsehen adaptiert werden soll. Viele Ihrer Leser würde das sicher sehr freuen. Was also ist dran an diesem Gerücht?

Mick Herron:
Ich darf natürlich nicht zu viel verraten, aber ja, es stimmt, es wird eine Fernsehserie rund um´s Slough House geben. Es ist geplant, die ersten beiden Bücher, „Slow Horses“ und „Dead Lions“ in einer Miniserie von je sechs Folgen zu verfilmen. Die Dreharbeiten werden im kommenden Frühjahr beginnen und die Serie wird dann voraussichtlich ab 2021 ausgestrahlt werden. Leider darf ich aber noch nichts über die Darsteller und andere Einzelheiten verraten, ich wurde zum Stillschweigen vergattert.

Krimi-Couch:
Gibt es zum Abschluss noch etwas, das Sie Ihren deutschen Lesern mit auf den Weg geben möchten?

Mick Herron:
Gerade genieße ich eine Art Mini-Lesetour durch Deutschland. Ich freue mich immer, Leser zu treffen, und bin ehrlich überrascht, wie interessiert gerade die deutschen Leser an meinen Geschichten sind. Ich hätte nie erwartet, dass sich Menschen außerhalb meines kleinen Landes in Deutschland und in ganz Europa für das interessieren würden, was ich schreibe und wie ich es schreibe.

Das Interview führte Michael Seitz im Dezember 2019.
Übersetzt aus dem Englischen von Michael Seitz.
Foto: © Alberto Venzago / Diogenes Verlag

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