Dead Lions

Erschienen: August 2019

Bibliographische Angaben

Übersetzt von Stefanie Schäfer

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Almut Oetjen
Lahme Gäule jagen schlafende Hunde

Buch-Rezension von Almut Oetjen Sep 2019

Als ein ehemaliger Spion nach einem Herzinfarkt tot im Bus von Reading nach Oxford aufgefunden wird, geht Jackson Lamb, Chef der MI5-Sektion der Slow Horses, der Sache nach. Lamb kannte Bow noch aus Berlin zur Zeit des Kalten Krieges.

Lamb findet auf Bows Handy eine ungesendete SMS mit dem Wort Cicadas. Zikaden sind Insekten, die mehr als zehn Jahre in der Erde leben, bevor sie vollständig entwickelt sind. Es ist das gleiche Wort, dass der vom MI5 debriefte Sowjet-Spion Katinsky in Bezug auf eine von Alexander Popow ausgeheckte Verschwörung gehört hat. Das könnte bedeuten, dass Popow, mächtiger Chef eines Spionagerings, zwanzig Jahre nach dem Zerfall der UdSSR wieder aktiv ist. Niemand weiß, ob Popow wirklich existiert oder nur eine Legende ist, erfunden vom KGB, um den MI5 auf eine falsche Fährte zu locken.

Anscheinend war Bow einem Schläfernetzwerk aus Sowjetzeiten auf der Spur, doch Lamb findet auch Hinweise, dass er Opfer einer Schleppjagd wurde. Seine Leute verfolgen die Spur von Bows Mörder bis ins beschauliche Upshott in den Cotswolds, einstige US-Militärbasis, nunmehr Truppenübungsplatz und Heimat eines privaten Fliegerclubs. Dort schleust sich Agent River Cartwright als Schriftsteller ein, um den Schläfer zu enttarnen.

Zur gleichen Zeit werden die Horses Min Harper und Louisa Guy vom ebenso ambitionierten wie misstrauenswürdigen MI5-Mitarbeiter James Webb beauftragt, den russischen Ölmagnaten Arkadi Paschkin zu beschützen, den Energiegeschäfte nach London führen. Webb will den möglicherweise künftigen Präsidenten Russlands als Informanten anwerben. Min und Louisa werden misstrauisch, als sie Arkadis Bodyguards Kyril und Piotr kennenlernen, zwei russische Killertypen.

Die Horses fragen sich, ob es einen Zusammenhang zwischen Dickie Bows Tod und dem Besuch Arkadis gibt, den Vertretern der alten Sowjetunion und denen des neuen Russlands. 

… soll man nicht wecken 

„Dead Lions“ ist der zweite Roman in einer Serie über die Leute von Slough House an der Aldersgate Street im Londoner Stadtteil Finsbury. Das Slough House ist das Abstellgleis des britischen Geheimdienstes MI5 am Regent’s Park. Dort landen diejenigen, die sich einen Fehltritt erlaubt haben - oder nur einem ambitionierteren Kollegen vom Secret Service in die Quere gekommen sind. Nach einem Wortspiel werden sie auch Slow Horses genannt. Die Lahmen Gäule werden von ihren Service-Kollegen vom Regent’s Park mit langweiligen Routinejobs beauftragt in der Absicht, sie zur Kündigung zu treiben.

Min Harper hat eine CD mit Geheiminformationen in der U-Bahn liegengelassen und davon aus der Zeitung erfahren, Louisa Guy eine Zielperson verloren und dadurch eine Schießerei verursacht. Catherine Standish hat ihre Karriere durch Alkoholismus ruiniert. River Cartwright, dessen Großvater eine Service-Legende im Kalten Krieg war, hat eine Prüfungsaufgabe versiebt, was eine Panik am King’s Cross ausgelöst hätte. In seinem neuen Fall beweist er, dass er das noch überbieten kann.

IT-Experte Roderick Hos Degradierungsgrund kann man nur erraten. Er ist sozial depriviert und stalkt Frauen im Internet, während eine von ihm geschrieben Software-Routine seine Arbeit simuliert. Shirley Dander hat einen Kollegen verprügelt und kokst. Sie und Marcus Longridge sind die neuesten Zugänge und verdächtigen sich gegenseitig, für die Vizechefin des MI5 zu spionieren.

Chef der Slow Horses ist der legendäre, furchteinflößende Jackson Lamb, mit einem monströsen Appetit auf Takeaway-Currys und Zigaretten und dem Benehmen eines Sechsjährigen. Mit seinen ständigen Beleidigungen, Schikanen und Demütigungen macht er seinen Mitarbeitern das Leben noch unangenehmer. Doch hinter seinem schlampigen, sarkastischen Äußeren stecken ein messerscharfer Verstand und das Misstrauen eines geborenen Spions. Herron lässt den Leser und die anderen Slow Horses lange im Unklaren über Lambs Gedanken und Motive, enthüllt jedoch immer gerade genug, um das Leserinteresse aufrechtzuerhalten. Als Vorbild für seinen Protagonisten diente Herron nach eigener Aussage Reginald Hills Serienfigur Andy Dalziel.

Humor macht das deprimierende Leben der Antihelden erträglicher

Herron stattet seine Figuren mit Defiziten und seltsamen, unangenehmen Eigenarten aus und lässt sie dadurch umso lebensechter wirken. Auch sein lockerer Witz und der Humor passen sich nahtlos in die Geschichte ein und machen die düsteren und deprimierenden Elemente des Lebens seiner Antihelden erträglicher. So erfährt man über Catherine Standish, dass sie Katzen ignoriert, denn vom Besitz einer Katze sei es nicht weit bis zum Besitz zweier Katzen, was bei einer fast fünfzigjährigen Single-Frau darauf hinauslaufe, das Leben für beendet zu erklären. 

Die beiden Erzählstränge von „Dead Lions“ verlaufen parallel, Herron dreht und wendet sie geschickt und lässt sie aufeinander zulaufen. Dabei bedient er sich der typischen Ingredienzien eines klassischen Kriminal-Spionage-Thrillers, baut ein komplexes Spiegelspiel der Spione mit falschen Identitäten und diversen Narrativen auf, Verfolgungsjagden,  mysteriösen Todesfällen, einer Geschichte aus vergangenen Zeiten und der Gegenwart, alten und neuen Rivalitäten.

Er treibt die Geschichte schnell voran und wechselt ständig die Perspektive. Den Drehungen und Wendungen zu folgen erfordert Aufmerksamkeit, auch wenn die Geschichte klar und strukturiert erzählt ist. 

Zur Einführung der Figuren verwendet Herron einen „animalischen“ Kunstgriff. Er lässt eine imaginäre Katze das Slow House betreten. Sie streift durch das Gebäude, von einem Büro ins nächste bis ins oberste Stockwerk. Dabei trifft sie auf die Beschäftigten, beginnend bei IT-Mann Roderick Ho in der untersten und bis zu Jackson Lamb in der dritten Etage. Am Romanende wiederholt er den Vorgang, jedoch mit einer imaginären Maus. Diesmal bleibt ein Stuhl leer, wegen des Katz-und-Maus-Spiels, das für einigen Abrieb gesorgt hat.

„Dead Lions“ erschien 2013, drei Jahre nach dem ersten Band, „Slow Horses“.

Fazit:

Intelligenter, fesselnder Kriminal-Spionage-Roman über die Außenseiter des MI5, die es schaffen, ihr Land an den Rand einer Katastrophe zu treiben. Meisterhaft aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, mit lebendigen Figuren und trockenem Humor. Herron wirft einen kritischen, patriotismusfreien Blick auf Großbritannien, dessen Institutionen und gesellschaftliche Probleme ein düsteres Bild abgäben, wenn der Humor nicht wäre.

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