Jürgen Kehrer

04.2020 Jürgen Kehrer begeistert seit Jahrzehnten seine Leser mit der Reihe um den Münsteraner Privatermittler Georg Wilsberg. Auch die TV-Adaption im ZDF sorgt regelmäßig für hohe Einschaltquoten. Nun gilt es ein Jubiläum zu feiern: 30 Jahre Wilsberg. Pünktlich dazu veröffentlicht der Grafit Verlag den zwanzigsten Roman der Reihe. Krimi-Couch-Redakteur Thomas Gisbertz sprach mit Autor Jürgen Kehrer.

"Auch wenn ich nicht damit hadere, als „Wilsberg-Autor“ in die Geschichte der Kriminalliteratur einzugehen, in meinem Schriftstellergehirn schlummern doch noch ein paar andere Ideen."

Krimi-Couch:
Herr Kehrer, zunächst einmal gratuliere ich Ihnen im Namen der Krimi-Couch ganz herzlich: 30 Jahre Wilsberg, 20 Romane, 25 Jahre erfolgreich im TV. Was freut Sie am meisten?

Jürgen Kehrer:
Dass Wilsberg immer noch so lebendig ist und sich gleichbleibender, wenn nicht sogar zunehmender Beliebtheit erfreut. Neben den Romanen und Filmen darf man auch die zwei Wilsberg-Comicbände von Jörg Hartmann nicht vergessen. Ich hoffe, für Wilsberg wird’s weiter gut laufen.

Krimi-Couch:
1990 erschien mit „Und die Toten lässt man ruhen“ ihr erster Wilsberg-Krimi. Hatten Sie schon damals das Gefühl, eine ganz besondere Figur erschaffen zu haben?

Jürgen Kehrer:
Ja. Obwohl das nicht viel heißt, da es ja mein erstes Buch überhaupt war und ich keine Erfahrung mit dem Buchgeschäft hatte. Ich war auf einen Flop genauso eingestellt wie auf einen Erfolg. Ich wusste aber: Das ist das, was ich schreiben will – und kann.

Krimi-Couch:
Wilsberg verkörpert keinen knallharten, gefühlskalten Typen, sondern einen cleveren, wenn auch etwas schnoddrigen Ermittler, mit dem der Leser sympathisiert. Besonders seine eigene, tiefsinnige, oftmals lakonische Art, über Gott und die Welt nachzudenken ist ein besonderer Charakterzug von ihm. Ist dies auch ein Wesenszug, mit dem man Jürgen Kehrer beschreiben könnte?

Jürgen Kehrer:
(lacht) Fragen Sie meine Frau. Ich weiß es nicht. Aber natürlich hat Wilsberg einiges von mir übernommen, im Guten wie im Schlechten. Außerdem macht er Dinge, die ich mich nicht trauen würde, z.B. in eine verdammt gefährliche Situation hineinstolpern. Da bin ich froh, dass er das für mich erledigt.

Krimi-Couch:
Sie schicken Ihren Münsteraner Privatermittler im aktuellen Roman sogar bis in den Nahen Osten nach Beirut? Wie sind Sie auf die Idee hierzu gekommen?

Jürgen Kehrer:
Das Thema Kriegs- oder Krisenreportagen beschäftigt mich schon länger. Ich habe mich gefragt, warum sich Reporter in Lebensgefahr begeben. Ist es die Jagd nach einer guten Story, pure Abenteuerlust oder gesellschaftliche Verantwortung, nämlich über menschliche Schicksale und katastrophale Zustände zu berichten, über die sonst niemand schreiben würde. Ich habe mit einem alten Freund und Kollegen aus meinen eigenen journalistischen Zeiten, der seit Jahren als Korrespondent für den Nahen und Mittleren Osten arbeitet, ausführlich über diese Fragen diskutiert. Daraus ist die Idee für den Roman entstanden.

Krimi-Couch:
Sie haben eine weitere Münsterland-Krimireihe veröffentlicht, historische Romane und auch Sachbücher geschrieben. Darüber hinaus bieten Sie häufig Schreibworkshops an. Dennoch verbindet man mit Jürgen Kehrer in erster Linie die Wilsberg-Krimis. Enttäuscht?

Jürgen Kehrer:
Nein. Wilsberg ernährt mich seit rund 30 Jahren. Dafür bin ich ihm dankbar.

Krimi-Couch:
Die TV-Adaption der Wilsberg-Reihe läuft seit vielen Jahren erfolgreich im ZDF. Anfänglich wurden Ihre Romanvorlagen verwendet. Mit der Zeit haben Sie auch immer wieder an den Drehbüchern mitgearbeitet. Seit dem vorletzten Band „Ein bisschen Mord muss sein“ (2015) hat man das Gefühl, Ihre Romane  - insbesondere auf die Figurendarstellung bezogen - rücken näher an die Serie. Teilen Sie diese Einschätzung?

Jürgen Kehrer:
Ja. Bei meinen Lesungen wurde ich immer wieder gefragt, warum es in meinen Romanen andere Figuren gibt als in den Filmen und umgekehrt. Deshalb habe ich mich mit „Ein bisschen Mord muss sein“ auf die Filme zubewegt. Es gibt also eine Kommissarin und ihren Assistenten. In „Sag niemals Nein“ bahnt sich zwischen Wilsberg und der Kommissarin sogar eine Art Beziehung an.

Krimi-Couch:
Wenn man Ihre Wilsberg-Romane liest, wird es vielen wie mir ergehen, dass man Leonard Lansink regelrecht ermitteln sieht. Wie ich finde, ist er die ideale Besetzung für die Rolle des kauzigen Ermittlers. Wie nah kommt Lansink aber Ihrer ursprünglichen Vorstellung des Privatermittlers?

Jürgen Kehrer:
Schon sehr nahe. Leonard Lansink spielt den Wilsberg, als wäre die Figur für ihn erfunden worden.

Krimi-Couch:
In den letzten Jahren mussten Wilsberg-Fans oftmals lange warten, bis Sie einen neuen Roman veröffentlichten. Müssen Sie zu Ihrer Figur auf Distanz gehen oder fehlt ganz einfach die Zeit, da Sie mit anderen Projekten beschäftigt sind?

Jürgen Kehrer:
Als Drehbuchautor bin ich Wilsberg ja treu geblieben und habe jedes Jahr eine Folge der Reihe geschrieben – in den letzten Jahren zusammen mit meiner Frau Sandra Lüpkes. Daneben möchte ich auch mal was machen, das nichts mit Wilsberg zu tun hat. Auch wenn ich nicht damit hadere, als „Wilsberg-Autor“ in die Geschichte der Kriminalliteratur einzugehen, in meinem Schriftstellergehirn schlummern doch noch ein paar andere Ideen.

Krimi-Couch:
Können Sie sich vorstellen, Georg Wilsberg irgendwann einmal in den Ruhestand zu schicken? Oder würden Sie dann in Münster Stadtverbot bekommen?

Jürgen Kehrer:
Wilsberg hat als freischaffender Privatdetektiv so wenig in die Rentenkasse eingezahlt, dass er es sich gar nicht leisten kann, sich irgendwann auf die faule Haut zu legen. Es sei denn ... Aber darüber will ich jetzt nicht spekulieren.

Krimi-Couch:
Was ist Ihrer Meinung nach das Erfolgsgeheimnis der Wilsberg-Reihe?

Jürgen Kehrer:
Der Romane? Oder der Filme? Das muss man wohl unterschiedlich beantworten. Den Wilsbergs beider Reihen nimmt man allerdings ab, dass sie glaubwürdig sind, dass sie tatsächlich so ticken wie es den Anschein hat. Und dass unter der manchmal schroffen Schale ein ganz sympathischer Kerl steckt, der mit seinem Leben – obwohl er oft etwas Anderes behauptet – ziemlich zufrieden ist. Vielleicht ist hier das Erfolgsgeheimnis zu finden.

Das Interview führte Thomas Gisbertz im April 2020.
Foto: © Sarah Koska