Das Blut der Sünder
- Goldmann
- Erschienen: März 2026
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Opfer des Irrsinns, aber diesem auf der Spur.
Im Alter von 24 Jahren hat Angus MacVicar, Polizist in der schottischen Stadt Oldcastle, den normalen Streifeneinsatz hinter sich gelassen. Gerade konnte er als Detective Constable ins Criminal Investigation Department wechseln und wird nunmehr das Verbrechen an vorderster Front bekämpfen! So glaubt er zumindest, doch die Realität ernüchtert ihn: Niemand hat auf ihn, den ‚Frischling‘, gewartet, der seine Mitmenschen zudem deutlich an Größe übertrifft und erst recht auffällt, wenn er allzu übereifrig (oder schwerfällig) zwischen die Ermittlerprofis poltert oder gar Fehler begeht.
Außerdem wird MacVicar ins eiskalte Wasser geworfen: Seit einigen Wochen treibt in Oldcastle der „Fortnight Killer“ sein Unwesen. Er überfällt Paare in ihren Heimen, foltert den einen Partner vor den Augen des anderen, ermordet ihn (oder sie) und entführt den (oder die) Überlebende. Zwischen den Taten vergehen jeweils 14 Tage, und bisher gibt es keine Hinweise auf die Identität des Mörders oder den Verbleib der verschleppten Opfer.
In seiner Not hat sich das CID hilfesuchend an einen Profiler-Spezialisten des FBI gewandt. Dr. Jonathan Fife ist allerdings ebenso fähig wie unberechenbar. Es liegt nahe, dass MacVicars Vorgesetzte beschließen, ihn, den korrekten, die Vorschriften auswendig beherrschenden und vor allem dienstjüngsten Untergebenen, zu zwingen, ein Auge auf Fife zu halten - ein Auftrag, der nicht nur von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist, sondern eine Kette unerwarteter, grotesker und blutiger Ereignisse in Gang setzt ...
Wieder Schottland - rabenschwarz und absurd
Stuart MacBride hat längst gleichgezogen mit ebenfalls in Schottland beheimateten Autorenkollegen, die sich literarisch erfolgreich dem kriminellen Geschehen der lokalen Gegenwart widmen. Ian Rankin fällt den am Genre interessierten Lesern da umgehend ein, aber natürlich gibt es weitere Schriftsteller, die damit beschäftigt sind, den „tartan noir“ über die Krimiwelt zu verbreiten.
Die Ereignisse spielen sich im Norden der englischen Insel ab. Irgendwie ist es ständig dunkel, kalt und windig, und in der Regel regnet es nicht nur - es gießt; ein Klima, das ein wenig zu nieder(schlags)trächtig und deshalb als Symbol zu betrachten ist: Es spiegelt eine Welt wider, in der sich die politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Ideale in Nichts aufgelöst bzw. ins Gegenteil verkehrt haben.
Brutalkapitalismus und Gleichgültigkeit gegenüber denen, die nicht mithalten können im globalen Hamsterrad, prägen MacBrides Welt. Das soziale Netz wird Stück für Stück zerschlagen. Die Fetzen müssen u. a. Polizisten aufsammeln, die mehr und mehr zu Handlangern selbst ernannter Eliten herabsinken. Missstände werden nicht behoben, sondern durch Gewalt und Gefängnis dorthin verdrängt, wo sich hoffentlich niemand dafür interessieren wird.
Idealist mit Schlagseite
Angus MacVicar ist ein Produkt seiner Ära, dabei aber eigentlich ein Idealist; jung, eifrig - und der ideale Blitzableiter, auf den sich der Frust desillusionierter Vorgesetzter richtet. Mit jenem schwarzen Humor, der für MacBride typisch ist, schildert er den Polizeialltag als permanenten Ausnahmezustand. Unterbesetzt, überarbeitet, schlecht ausgerüstet, von karrieresüchtigen Politikern und den Medien unter Druck gesetzt, von der Bevölkerung, die geschützt werden soll, abgelehnt, verachtet und gern auch verprügelt, eilen die Beamten von Krise und Krise. Sie verwalten den Notstand, da ihnen obrigkeitlich die Möglichkeiten verwehrt werden, durchaus erkannte Übel an der Wurzel zu packen: Dies würde Zeit und Geld erfordern, die und das man der Polizei nicht zubilligen will.
Das Ergebnis spricht Bände: Abgestumpfte, ausgebrannte Ordnungshüter flüchten sich in Exzentrik und Sarkasmus. Einmal mehr sorgt MacBride mit der Beschreibung entsprechenden Denkens und Handelns dafür, dass sich eine Atmosphäre hektischer Heiterkeit einstellt. Doch hinter der Komik versteckt sich Wahnwitz. MacBride lullt uns ein, um dann in besonders kruden Szenen die Stimmung umschlagen zu lassen. Unvermittelt werden die Leser mit der menschlichen Grausamkeit konfrontiert - und der „tartan noir“ ist eine Nische, in der sich Krimi und Horror treffen. Schottland gilt noch heute als Heimat nicht nur trinkfester und prügelfreudiger, sondern auch (à la „Braveheart“) besonders berserkerhaft agierender Landsleute.
Anders als Logan McRae und Ash Henderson, die in eigenen MacBride-Reihen auftreten, steht Angus MacVicar noch am Anfang seiner Polizeiarbeit. Schon dadurch ist er verletzlich, denn er glaubt an das Gesetz und drängt an die ‚Front‘. Dies sorgt ständig für Konflikte, weil MacVicar die ungeschriebenen CID-Regeln nicht kennt, aber auch privat ein naiver, unsicherer Mensch ist, den man (und vor allem frau) leicht in die Irre führen kann.
Das unmögliche Duo
Zusätzlich buckelt MacBride seinem ‚Helden‘ eine Vielzahl persönlicher Probleme auf, die manchmal zu viel Papier in diesem ohnehin seitenstarken Buch beanspruchen. Immerhin sorgt der Autor für genug Gravitas, um MacVicar gegen seinen ‚Partner‘ bestehen zu lassen: Jonathan Fife vertritt in gewisser Weise Roberta Steele, jene unflätige, karikaturesk überzeichnete Anti-Polizistin, die Logan McRae von einer Bredouille in die nächste reitet.
Fife verstößt als unkontrollierbarer, eingebildeter „Kolonist“ aus den USA absichtlich und voller Wonne gegen lokale Gesetze und Regeln. Zudem ist er kleinwüchsig, weshalb die Angst, gegen eine der neuen, schwammigen Woke-Vorgaben zu verstoßen, niemand aufbegehren lässt. Auch MacVicar muss leiden, bevor die genretypische Partner- und Freundschaft aufkeimt - dies glücklicherweise nach MacBride-Art, weshalb sich die Momente gefühlsduseliger Verbrüderung in Grenzen halten.
Die Scharmützel des Duos weiß der Autor mit Leben zu füllen, was davon ablenkt, dass der eigentliche Kriminalfall ungeachtet oft detailfreudig beschriebener Metzeleien wenig aufregt oder überzeugt. Ohne an dieser Stelle allzu deutlich zu werden, gilt es festzustellen, dass Fanatiker sich nicht wirklich als Bösewichte eignen: Wenn sie sich endlich als Täter outen, muss man sich allzu intensiv fragen, wieso solche verstrahlten Hohlköpfe ihre Verfolger so lange zum Narren halten konnten.
Schwachstellen im Handlungsbogen
Dazu ‚passen‘ (eben nicht) die ‚zufälligen‘ Wurzeln des Dr. Fife in einem ähnlich toxischen Beet. Religiöser Wahn hat ihn geprägt, was MacBride die Gelegenheit gibt, den Profiler zwischenzeitlich in ein düsteres Licht zu tauchen: Ist Fife überhaupt der, der zu sein er vorgibt? Solche Wendungen machen deutlich, dass der Plot nicht nur knarrt, sondern auch auf bekannten Krimi-Mustern nicht nur basiert, sondern ruht.
Dies prägt leider auch das Finale. Über mangelndes Handlungstempo wird sich sicher niemand beschweren. Tatsächlich überschlagen sich die Ereignisse, werden mit stumpfen Gegenschlägen Knochen zertrümmert, mit spitzen Messern tiefe Wunden geschlagen, mit Feuerwaffen Köpfe und Körper perforiert. Der Bodycount ist beachtlich und unterstreicht abermals die unverdrossenen Gewaltspitzen des „tartan noir“.
Nur plausibel wirkt dieses tarantinoeske Gemetzel nicht. Wie schon angedeutet, kann die Auflösung nicht mit der komplexen Vorgeschichte mithalten. Die Logik muss sich der farbenfrohen Figurenzeichnung geschlagen geben, der Tonfall trägt über flache Passagen hinweg - und sollte den Lesern das Duo MacVicar/Fife gefallen, blendet MacBride in einem Epilog auf deren nächsten Fall = eine Fortsetzung über; dieses Mal würde man in den USA ermitteln.
Fazit
Sehr seitenstarker, aber vergleichsweise plotschwacher Krimi, der seinen beachtlichen Unterhaltungswert aus absurder Situationskomik, gallebitterer Sozialkritik und mehr als schrägen Figuren zieht: kein Meisterwerk, aber Lesefutter der rasant verschlungenen Art.

Stuart MacBride, Goldmann

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