Bernhard Aichner

01.2020 Bernhard Aichner beantwortet Fragen zu seinem neuen Thriller "Der Fund" und erzählt auch, warum "Der Graf von Monte Christo" seit Jahrzehnten einer seiner Helden ist.

"Leidenschaftlich erzählt, mit Herz und Feuer. So will ich meine Geschichten auch erzählen. Aus dem Bauch heraus, mit Vollgas auf den Abgrund zu und wieder zurück."

Krimi-Couch:
Herr Aichner, in Ihrem neuen Thriller „Der Fund“ geht es um eine Supermarkt-Verkäuferin, die fast dreizehn Kilo Kokain in einer Bananenkiste findet und sich entscheidet, diese mit nach Hause zu nehmen. Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?

Bernhard Aichner:
Ich wollte meiner Heldin diesen Moment schenken, in dem sie selbst entscheiden kann, ob sich ihr Leben noch einmal komplett dreht. Ich lasse sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Die 53-jährige Supermarktverkäuferin Rita Dalek stößt im Warenlager auf einen Bananenkarton voll mit Kokain. Mehrere Stunden lang überlegt sie, ob sie den Fund melden soll oder nicht. Aus einem Bauchgefühl heraus beschließt sie, den Karton mit nach Hause zu nehmen, sie sieht plötzlich einen Ausweg aus ihrem tristen Alltag, sie will daran glauben, dass es das Schicksal einmal in ihrem Leben gut mit ihr meint. Doch natürlich kommt es anders. Statt ins Glück zu reiten, stürzt sie in einen Abgrund. In dem Moment, in dem Rita mit den Drogen aus dem Supermarkt spaziert, unterschreibt sie gleichzeitig ihr Todesurteil.

Krimi-Couch:
Rita Dalek, Ihre Hauptfigur, ist keine Superfrau, die es plötzlich mit Verbrechern aufnimmt, sondern eine Person, der man aufgrund ihrer Vergangenheit und den erlittenen Schicksalsschläge als Leser wünscht, dass sich das Leben für sie nun endlich ins Positive wendet. Auch wenn man bereits auf Seite 1 erfährt, dass die Heldin sterben wird, nimmt der Thriller insgesamt ein positives Ende. Wie wichtig ist Ihnen grundsätzlich ein Happyend in Ihren Romanen?

Bernhard Aichner:
Ich mute meinen Figuren so viel zu, dass es nur fair ist, wenn ich am Ende jedes Romans versuche, das Ganze wieder halbwegs gerade zu biegen. Karma und Schicksal. Beides spielt in meinen Büchern eine große Rolle. Man hat schließlich Verantwortung, wenn man als Autor Gott spielt.

Krimi-Couch:
Es fällt auf, dass sämtliche „Vertreter des Rechts“, wie zum Beispiel Ritas Freundin Gerda oder der Staatsanwalt Martinek, genau wissen, welche Verfehlungen sich Rita leistet. Trotzdem decken diese Figuren Rita nicht nur, sondern unterstützen sie sogar bei allem. Das ist sicherlich kein Zufall. Warum haben Sie sich für diese Darstellung entschieden?

Bernhard Aichner:
Ich liebe es, Schicksal zu spielen, den Figuren, die ich liebe, ordentlich unter die Arme zu greifen. So unternehme ich als Autor natürlich alles, um meiner Heldin Rita Dalek zum Glück zu verhelfen. Meine Co-Helden folgen mir dabei. Mit Lust und Leidenschaft gehen sie die Sache an. Genauso wie ich.

Krimi-Couch:
Mehr als außergewöhnlich ist die Darstellung des ermittelnden Kommissars, über den der Leser nur sehr wenig erfährt. Warum war Ihnen das wichtig?

Bernhard Aichner:
Ein Polizeibeamter führt Interviews mit allen Personen, die Rita Dalek kannten oder verdächtigt werden, mit ihrem Tod zu tun zu haben. Um jeden Preis will er herausfinden, was passiert ist, er will den Mord an Rita aufklären. Und er tut das auf seine ganz eigene unaufgeregte Weise. Man erfährt nichts über diesen Mann, aber er lenkt die Geschichte, bis kurz vor dem Ende bleibt seine Motivation im Dunklen.

Ich habe versucht, etwas anders zu machen. Der klassische Ermittlerkrimi hat mich nämlich nie gereizt. Ich habe mich bisher immer lieber auf der Täterseite aufgehalten, das Warum hat mich interessiert. Was macht mich zum Mörder? Was muss passieren, dass es soweit kommt? Wie verändert so eine Tat mein Leben? Diese eine falsche Entscheidung, die man trifft. Was macht es mit mir und den anderen? Mein Fokus liegt auf dem Zwischenmenschlichen. Eine Achterbahnfahrt muss es sein, man soll den Figuren, so nahe kommen wie möglich. Man soll ihnen gerne folgen. Und das wichtigste für mich: Man muss sie mögen. Auch den Bullen in der Geschichte.

"Ich lasse meine Helden alles ausleben, wofür ich im wirklichen Leben vielleicht zu feige bin."

Krimi-Couch:
„Der Fund“ ist weitaus mehr als nur ein spannender Thriller: Es geht um eine spezielle Freundschaft, Glück und um Liebe. Diese Themen haben sie schon oftmals in Ihren Romanen (u.a. „Kaschmirgefühl - Ein kleiner Roman über die Liebe“, „Das Nötigste über das Glück“) verarbeitet, bisher aber noch nicht in dieser Deutlichkeit in den Thrillern. Nimmt Ihr aktueller Roman daher für Sie eine besondere Stellung ein?

Bernhard Aichner:
Liebe ist das Wichtigste in meinem Leben. Glück und Freundschaft. Ja, diese Themen begleiten mich, ich strebe danach. Und auch meine Figuren tun das. Ob es dann ein Liebesroman oder ein Thriller ist, den ich schreibe, macht am Ende keinen Unterschied, diese Themen machen nicht auf einem Genre Halt. Dem Himmel sei Dank.

Krimi-Couch:
Ihnen gelingt es immer wieder, Ihre Hauptfiguren so anzulegen, dass der Leser sofort auf deren Seite steht und Verständnis für ihr Handeln entwickelt. Sie sind sehr nah dran an Ihren Figuren. Ist das ein Schlüssel Ihres Erfolges?

Bernhard Aichner:
Unbedingt. Ich liebe meine Figuren. Und ich liebe es mit dem Herz in der Hand durch die Welt zu rennen. Ich möchte so viel wie möglich spüren, ich will die Welt fühlen. Oft helfen mir meine Helden dabei. Durch sie kann ich durch die Hölle gehen und im Paradies eintauchen. Lieben, hassen, leiden, neiden, vergelten, hoffen, verzweifeln, Mut fassen, glücklich sein.

Ich lasse meine Helden alles ausleben, wofür ich im wirklichen Leben vielleicht zu feige bin. Das, und noch viel mehr. All meine kriminelle Energie fließt da rein, mein Übermut, mein Hang zum Spielen, mein Durst nach Liebe und Abenteuer. Ich begegne aber auch meinen Ängsten, versuche literarisch damit umzugehen. Ich habe mit diesem Beruf den Jackpot gezogen, ich darf mich hemmungslos ausleben und mich beim Schreiben selbst erfahren.

Krimi-Couch:
Mit der Bestatterin Brünhilde Blum aus der Totenfrau-Trilogie gibt es eine weitere weibliche Hauptfigur in Ihren Thrillern. Was ist für Sie das Besondere daran, als Autor aus der Sicht einer Frau zu schreiben?

Bernhard Aichner:
Ich liebe es, starke Frauenfiguren in meinen Romanen zu etablieren. Viel zu lange haben männliche Helden die Literatur dominiert, Figuren wie Rita Dalek gehören vor den Vorhang, nicht dahinter.

Rita scheint scheint nämlich nicht nur diese brave, desillusionierte Supermarktverkäuferin und Hausfrau zu sein, die ihren Alkoholikerehemann und die krebskranke Nachbarin umsorgt, sondern da gibt es Facetten ihrer Persönlichkeit, die auch den Ermittler bei fortschreitender Recherche mit immer noch mehr ungelösten Rätseln konfrontiert. Von Seite zu Seite werden mehr Geheimnisse gelüftet, aus einer scheinbar farblosen Figur wird mit Fortschreiten der Handlung ein bunter Schmetterling. Die Ermordung dieser Frau steht zwar im Zentrum des Romans, zeitgleich wird aber von allen Beteiligten ihre Lebensgeschichte erzählt. Und die ist berührend und äußerst spannend. Die Herausforderung beim Schreiben war es, diese Spannung bis zur letzten Seite zu halten, obwohl die Hauptfigur des Romans bereits von Beginn an tot ist.

Krimi-Couch:
Das Motiv der Gerechtigkeit durch Rache spielt in sehr vielen Ihrer Thriller eine zentrale Rolle. Was fasziniert Sie daran?

Bernhard Aichner:
Ich wollte immer schon eine Rachegeschichte schreiben. Wenn am Ende nämlich die Gerechtigkeit siegt, bin ich glücklich. „Der Graf von Monte Christo“ ist seit Jahrzehnten ein Held von mir. Diese wunderbare Rachegeschichte von Alexandre Dumas. Das Leid, das die Hauptfigur in diesem Roman empfunden hat, diese tiefe, nackte Emotion, ist eine enorme Triebfeder, es fasziniert. Dem Helden wird seine Liebe genommen, sein Beruf, sein Leben. Er wird 20 Jahre lang eingesperrt, dann flieht er. Und rächt sich. Ein grandioses Schauspiel, eine Wohltat für ihn, aber auch die Leser. Leidenschaftlich erzählt, mit Herz und Feuer. So will ich meine Geschichten auch erzählen. Aus dem Bauch heraus, mit Vollgas auf den Abgrund zu und wieder zurück.

Krimi-Couch:
Ihr Schreibstil ist sicherlich außergewöhnlich, sehr szenisch, dicht, teilweise schon poetisch. Wenn man Ihre Romane in Händen hält, erkennt man schnell den speziellen Aichner-Stil. Ihnen gelingt es in beeindruckender Weise, Momente zu visualisieren. Inwieweit hilft Ihnen beim Schreiben ihr zweiter Beruf als Fotograf?

Bernhard Aichner:
Durch die Fotografie bin ich zu einem leidenschaftlichen Beobachter geworden. Das hilft mir sehr meine Plots zu entwickeln, kurz und prägnant zu erzählen. Die Sprache aber hat sich anders entwickelt. Ich schreibe aus dem Bauch heraus, ich höre die Sätze im Kopf, wenn ich sie zu Papier bringe, da ist ein Rhythmus, dem ich folge, der Text nimmt Tempo auf, ein Wort bedingt das andere. Es ist Sound, den ich da produziere. Mein Sound.

Es gibt für mich kaum etwas Schöneres, als beim Schreiben zu spüren, dass meine Sätze mehr sind, als nur Sätze. Wenn sie nicht nur erzählen, sondern auch Seele haben. Emotionen wecken. Berühren. Die Leserin und den Leser irgendwohin mitnehmen, wo sie vielleicht sonst nicht hingehen würden. In die Dunkelheit. Und aus der Dunkelheit heraus.

Krimi-Couch:
Bereits bei der Totenfrau-Trilogie hieß es, dass die Reihe verfilmt werden soll. Wie weit sind mittlerweile die Pläne hierzu?

Bernhard Aichner:
Im Filmgeschäft mahlen die Mühlen sehr langsam. Aber bald gibt es Grund zu jubeln. Totenfrau, Der Fund, Bösland und der zweite Max-Broll-Krimi Für immer tot sind in Vorbereitung. Zwei der Bücher werden wohl in diesem Jahr noch verfilmt. Details darf ich leider noch keine verraten, nur soviel: Es wird ziemlich fett.

Krimi-Couch:
Darf man sich zukünftig wieder auf eine Reihe mit einer festen Hauptfigur wie bei der Totenfrau-Trilogie oder den Max-Broll-Krimis freuen oder wird es vorerst bei Einzeltiteln bleiben?

Bernhard Aichner:
Volltreffer. Ich schreibe gerade am Auftakt einer neuen Reihe. Ein großartiges Team wird 2021 an den Start gehen. Figuren, die mir bereits jetzt sehr ans Herz gewachsen sind. Schön wird das!

Das Interview führte Thomas Gisbertz im Januar 2020.
Foto: © Ursula Aichner

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