Bösland

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • München: btb, 2018, Seiten: 445, Originalsprache

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Jochen König
Das Grauen wohnt unterm Dach

Buch-Rezension von Jochen König Okt 2018

"Bösland" ist der Dachboden von Bens Elternhaus, auf dem der alkoholkranke Vater seinen Sohn misshandelt - und vermutlich auch missbraucht. Da bleibt der Erzähler Ben dreißig Jahre später gegenüber seiner Psychotherapeutin vage. "Bösland" ist aber auch der Ort, an dem Ben, nach dem Selbstmord seines Vaters, mit Freund Kux seine dunklen Fantasien bis hin zur tödlichen Tierquälerei auslebt. Filmisch festgehalten auf Super 8, mit einer Kamera, die Kux" Arztvater gehört.

Der Tod und das Mädchen

Dann kommt Matilda neu in die Stadt. Gesellt sich zum Duo, beide Jungs verlieben sich. Ben sieht sein Leben lichter dank Matilda, bis etwas völlig schiefläuft. Ben erschlägt Matilda. "Mörderjunge" wird der Dreizehnjährige nun genannt und landet in der Psychiatrie.

Dreißig Jahre später hat er sich leidlich arrangiert, besucht immer noch seine Psychotherapeutin Vanek und versucht Erinnerungslücken zu schließen. Was gelingt, als er sein Elternhaus, in dem die demente Mutter immer noch lebt, aufsucht. Der Fund eines unbelichteten Films und eine zufällige Begegnung mit dem mittlerweile erfolgreichen Unternehmer Kux führt dazu, dass sich Ben bei ihm und seiner thailändischen Frau Soy einnistet. Und damit eine Kette unerwarteter Ereignisse auslöst. Psycho Thrill und Psycho Kill.

Nach Blum ins Land des Bösen

Die "Totenfrau"-Trilogie um Brünhilde Blum ist abgeschlossen und Ermittler Max Broll hat Urlaub. So begibt sich Bernhard Aichner einmalig ins "Bösland". Stilistisch zeigt er sich dabei wieder vielen mäßig- und minderbegabten Kolleg*innen locker überlegen. Sein Roman switcht gekonnt zwischen kurzen Dialogpassagen und der ausführlichen Erzählung Bens. Dabei gelingen Aichner zahlreiche Sequenzen, in denen durch die Beschreibung der äußeren Umstände die Innenwelten seiner Protagonisten - soweit der zwischen Klarsicht und Verwirrung pendelnde Ben dies entschlüsseln kann - gespiegelt werden.

Von Könnern und Stolpersteinen

Er entwirft eindrückliche Szenarien mit nachhaltiger Wirkung. Wie den Selbstmord von Bens Vater, der von Kux und Ben kurzerhand zu einer Kuriositätenshow umfunktioniert wird. Mit Eintrittsgeld und kotzenden Kindern. In solchen Passagen bringt Aichner die Erzählung zum Leuchten, wie später auch in Thailand, dessen Besuch für Ben zu einem höllischen Trip mit Nahtoderfahrung wird.

Gelegentlich verhaspelt sich die Erzählung, tritt auf der Stelle, um Sachverhalte zu erläutern, die der Leser längst weiß, zumindest aber ahnt. Das richtet er sich an Menschen, die erfreut sind, wenn das Erwartbare eintritt. Wie jene Pointe, die man bereits auf den ersten Seiten erahnt und die genau wie gemutmaßt ausgebreitet wird. Ein unbegabterer Autor hätte damit bis zum Schluss gewartet, doch Aichner macht bereits nach 140 Seiten reinen Tisch, um "Bösland" in seine eigentliche Richtung zu drehen, die weg führt vom Totschlag an Matilda. Deren Ermordung einer der größten Schwachpunkte des Buches darstellt. Matilda bleibt als Figur blass, eine bloße Behauptung. Die Aktion, die zur brutalen Tötung führt, passt dennoch kaum zur dargestellten Persönlichkeit. Ein schäbiger Witz aus der Mottenkiste, ergänzt um hämisches Gelächter, führen zum besinnungslosen Blutrausch. Den der von Bildern besessene Ben verdrängt, bis es dreißig Jahre später auf sehr zufällige Weise zur Rekonstruktion kommt. Dass die Filmkiste, die Licht ins Erinnerungsdunkel bringt, nicht beschlagnahmt, von zahlreichen Polizisten, Gutachtern und Psychiatern als Beweismittel oder therapeutische Ergänzung begutachtet wurde, ist der Dramaturgie und nicht einer erfolgsorientierten Ermittlung geschuldet.

Ein Freund, ein guter Freund...

Der eher halluzinierte als tatsächlich stattgefundene Tod Matildas rückt dann auch in den Hintergrund, um eine Geschichte von Sehnsucht, Hoffnung und einer Freundschaft zu erzählen, die erst Stütze ist, dann verblasst, mit Macht wieder aufkeimt, um unter lebensbedrohenden Umständen zu enden. Bernhard Aichner erzählt in »Bösland« gekonnt von jener Hölle, die die anderen sind. Nur ist man bisweilen selbst ein anderer. Das Finale des Romans ist von einem erfrischenden, sarkastischen Understatement geprägt, dass Freunde eines großangelegten, bluttriefenden Showdowns enttäuschen dürfte. Recht so.

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