Totenfrau

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2014, Seiten: 1, Übersetzt: Christian Berkel, Bemerkung: ungekürzte Lesung
  • München: btb, 2015, Seiten: 464, Originalsprache

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Jürgen Priester
Ein Fotograf, ein Priester, ein Jäger, ein Koch, ein Clown...

Buch-Rezension von Jürgen Priester Feb 2014

.... und Blum

Blum ist Blum. Kann nicht anders. Blum ist weiblich. Blum hasst ihren Vornamen, wie sie auch ihre Adoptiveltern gehasst hat. Allem hat sie sich zur rechten Zeit entledigt. Konsequent. Kompromisslos. Blum ist Ehefrau und Mutter. Glücklich, stolz, kompetent. Blum fühlt sich sicher, bis eines Morgens ihre heile Welt zusammenbricht.

Der österreichische Autor Bernhard Aichner ist ein Mann des klaren Wortes, des prägnanten Satzes, der einfachen Beschreibung. Sein stilistischer Minimalismus wird besonders in den Dialogen deutlich, die oft nur aus ein, zwei Worten im Wechsel bestehen, aber es bedarf auch nicht vieler Worte, wenn man die richtigen findet. Aichners Prosa fordert die Fantasie des Lesers und die provozierten Bilder stellen sich wie von selbst ein.

Der Rezensent kannte Bernhard Aichner bislang nicht, hatte aber über dessen Max-Broll-Reihe gelesen. Der bekannte Krimi-Kritiker Tobias Gohlis schrieb dazu: "Bei Bernhard Aichner balanciert das Lachen so nahe am Tod, dass es wie ein Heulen klingt, das gleich in Kichern umschlagen wird." Noch ein Autor mit dem in den meisten Fällen polarisierenden, alpenländischen Humor? - fragte sich der Rezensent skeptisch. Totenfrau jedenfalls ist frei von irgendwelchen humoristischen Einlagen, doch in manchen Szenen kann Humor ein Rettungsanker für den geschockten Leser sein. Erinnerungen an Jeff Lindsays "Dexter-Morgan-Reihe" werden wach.

Der Klappentext verspricht eine außergewöhnliche Protagonistin in einem nicht alltäglichen Beruf, die, aus dem Kokon der familiären Sicherheit gerissen, ihren Rachegelüsten frönt. Nach der atemraubenden Lektüre kann man nur feststellen, mit Totenfrau ist Aichner ein Thriller-Highlight gelungen.

Blum (ihr Vorname ist Brünhilde – der Leidenschaft ihres Stiefvaters für deutsche Sagengestalten geschuldet) hat das Bestattungsinstitut ihrer verstorbenen Adoptiveltern übernommen und führt es zusammen mit einem Assistenten. Von Kindesbeinen an ist Blum mit diesem anspruchsvollen Gewerbe konfrontiert worden, was deutliche Spuren bei ihr hinterlassen hat. Blums Ehemann Mark arbeitet bei der Kripo in Innsbruck. Als er sich eines Morgens auf seinem Motorrad auf den Weg zur Arbeit begibt, wird er frontal von einem Jeep gerammt und erliegt seinen schweren Verletzungen. Der Fahrer des Wagens kann sich unerkannt aus dem Staub machen. Da die eingeschaltete Polizei keine anderen Hinweise hat, geht sie von einem Unfall mit Fahrerflucht aus. Das Fluchtfahrzeug kann nicht näher identifiziert werden.

Mit Marks Tod gerät Blums Leben völlig aus den Fugen. Allein die Existenz ihrer Töchter rettet sie vor einem finalen Absturz. Erst Wochen später fühlt sie sich in der Lage, die Sachen ihres Mannes in seinem Arbeitszimmer durchzugehen. Dabei stößt sie auf Gesprächsaufzeichnungen zwischen ihm und einer unbekannten Dunja, in denen diese ihre Leidensgeschichte erzählt. Unfähig, die Bedeutung dieser Gespräche zu erfassen, versucht Blum, mit Dunja Kontakt aufzunehmen. Als es ihr gelingt und Dunja ihre Anschuldigungen glaubhaft untermauern kann, ahnt Blum, dass Marks Tod alles andere als ein Unfall war. Männer mit Masken trieben ihre perversen Spiele und fürchten sich vor einer Bloßstellung.

Die besten und spannendsten Thriller sind doch die, die man wie einen Zug besteigt, ohne zu wissen, in welche Richtung die Reise geht. Aichners Totenfrau gleicht einem Höchstgeschwindigkeitszug, der den Reisenden in einen rauschähnlichen Zustand versetzt, ausgelöst durch ein Wechselbad der Gefühle. Zuerst bangt man um die körperliche Unversehrtheit der Protagonistin. Dazu gesellt sich bald die Furcht vor ihren unkalkulierbaren Energien, und am Ende findet man sich an einem Zielpunkt wieder, der einerseits Befriedigung verschafft, andererseits jedoch die eigene moralische Kompetenz in Frage stellt. Aichner hat die Handlung virtuos komponiert, mit kurzen Vor- und Rückblenden, mit traumartigen Sequenzen und Szenen, deren Harmlosigkeit nur in den Abgrund führen kann (Tarantino lässt grüßen). "Tit for Tat" kann zu einem grausamen Spiel ausarten.

In seiner Max-Broll-Reihe ist es ein Totengräber, in Totenfrau spielt eine Bestattungsunternehmerin die Hauptrolle. Man kann dem Autor einen Hang zum Morbiden nicht absprechen. Für den Hintergrund des vorliegenden Romans hat Bernhard Aichner ein halbes Jahr als Aushilfe in einem Beerdigungsinstitut gearbeitet. Die gewonnenen Erkenntnisse zeigen sich in der Schilderung der atmosphärischen Kühle des sogenannten Vorbereitungsraums oder der diversen Techniken der Reinigung und Präparation von Leichen. Da ist manche Tätigkeit dabei, deren Ablauf man gar nicht so detailliert beschrieben haben möchte. Man kann gut nachempfinden, mit welchen Problemen Blum als Kind zu kämpfen hatte.

Wie der btb-Verlag mitteilt, sind die Rechte an Aichners Roman schon in mehrere Länder verkauft worden, was durchaus nachvollziehbar ist, kann man ihn doch zu den ersten Thriller-Highlights des noch jungen Jahres zählen. Mit dem Express-Fahrstuhl geht es in die Abgründe des Lebens. Die Dynamik, die durch Aichners präzisen Schreibstil entsteht, sucht ihresgleichen. Eine Empfehlung an alle Thriller-Fans, die auf Tempo und Spannung stehen und nicht allzu zartbesaitet sind.

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