Totenrausch

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2017, Übersetzt: Wolfram Koch, Bemerkung: ungekürzte Ausgabe

Couch-Wertung:

98°
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Jürgen Priester
Ein letztes Gefecht

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jan 2017

Blum ist zurück. Und wie. Zum Schlussakt seiner Trilogie zieht Autor Bernhard Aichner erneut alle Register der Spannungserzeugung. Ein furioses Finale, in dem es Schlag auf Schlag geht, das die Nerven des Lesers bis aufs Äußerste strapaziert. "Alles wird gut" - Blums Lebensmotto, das sie tagtäglich wie ein Mantra vor sich her betet, ist in großen Lettern der Handlung vorangestellt. Alle, die Blum ins Herz geschlossen haben, möchten gerne mit ihr fest daran glauben, dass es auch in Erfüllung ginge. Doch schnell kommen berechtigte Zweifel auf, denn Blum hat sich auf eine lebensgefährliche Beziehung eingelassen.

Blum ist Blum. Doch Blum heißt jetzt Marie Müller und lebt in Hamburg. Ihre Töchter heißen nicht mehr Nela und Uma, sondern Emma und Katrin. Neue Namen, ein neues Leben. Die Blums wohnen in einem schönen Haus, die Kinder gehen zur Schule, Blum arbeitet halbtags in einem örtlichen Bestattungsunternehmen. Alles wäre gut, wenn sich Blum nicht auf einen verhängnisvollen Deal eingelassen hätte.

Nach den turbulenten Tagen in Deutschlands Süden waren die Blums gen Norden geflüchtet und verbrachten den Sommer in einer Fischerhütte auf einer dünnbesiedelten Insel. Wie vormals in Griechenland brauchte Blum dringend eine Auszeit. Zeit, die Gedanken neu zu ordnen, einen Lebensweg zu planen. Die Kinder genießen die unbeschwerten Tage mit ihrer Mutter, aber sie spüren, dass dieses Leben nicht die Normalität sein kann. Als die Tage kürzer, die Nächte kälter und Blums Geldreserven knapper wurden, machten sie sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft.

Der nette türkische Fernfahrer, der sie bis nach Hamburg mitgenommen hatte, gab ihnen einen Tipp, wo sie an gefälschte Papiere kommen könnten. So kommt Blum in Kontakt mit der Hamburger Kiezgröße Egon Schiele. Für einen Boss im Rotlichtmilieu ist dieser noch relativ jung; er sieht gut aus, gibt sich Blum gegenüber freundlich und hilfsbereit, macht aber auch deutlich, dass er Blum nicht von der Bettkante stoßen würde. Bevor er seine Gedanken in diese Richtung weiterspinnen kann, macht Blum ihm den Vorschlag, gegen die Beschaffung von Ausweispapieren jemanden für ihn umbringen zu wollen. Schiele ist perplex, aber er willigt auf den Deal ein. In der Folge kümmert sich Schiele sehr fürsorglich um Blum und die Kinder. Man könnte meinen, er habe einen Narren an ihr gefressen. Oder ist er ein Wolf im Schafspelz?

Das zeigt sich in den Tagen, in denen Schiele Blum zur Begleichung ihrer Schuld auffordert. Ein lästiger Zeuge muss aus dem Weg geräumt werden und Blum soll das machen. Blum ist geschockt. Obwohl es ihr immer bewusst war, dass der Tag der Abrechnung kommen könnte, wollte sie nicht so recht daran glauben. Insgeheim hatte sie gehofft, dass das Morden der Vergangenheit angehören würde, dass sie nichts anderes sein dürfte als eine gute Mutter.

Scheinbar erbarmungslos treibt Bernhard Aichner seine Protagonistin von einem Konflikt in den nächsten, mutet ihr unmenschliche Entscheidungen zu - Leben gegen Leben oder Tod gegen Tod. Ein Mensch in einer Zwickmühle, aus der er nicht ohne Schuld entrinnen kann. Ganz abgesehen von der schier unerträglichen Spannung ist das auch für den Leser eine sehr intensive Erfahrung, denn der Autor versteht es wie kein Zweiter, dem Leser seine Protagonistin nahe zu bringen. Aus der Perspektive des Beobachters, der Blum in- und auswendig kennt, verführt Aigner den Leser immer dazu, seine kritische Distanz aufzugeben. Wer sich auf Blum einlässt, wird damit leben können, dass dieser Thriller nicht so endet wie (fast) alle anderen. In der Fiktion ist vieles erlaubt, was im richtigen Leben verwerflich wäre. Obwohl - wer klagt eigentlich den sympathisch daherkommenden Zeitgenossen an, der tagtäglich Todeslisten paraphierte, die Grundlage für die Ermordung unschuldiger Menschen in aller Welt waren.

Totenrausch ist der krönende Abschluss der "Totenfrau-Trilogie". Wer den Lebens- und Leidensweg der Blum bisher begleitet hat, stellte sich die Frage, wie kann sie ihrer Zwangslage entrinnen. Diese Frage stellt sich zum Finale hin Seite um Seite immer wieder neu und anders und Bernhard Aichner hat auf alle Teilaspekte eine passende und phantasievolle Antwort. Aber die übergeordnete Frage lautet: Darf es sein, dass sich eine Mörderin der weltlichen Gerichtsbarkeit entziehen kann. Man könnte tagelang darüber diskutieren, über Schuld und Sühne, über Recht und Gerechtigkeit, Rache und Selbstjustiz, Moral und Gewissen, über Notwehr und Totschlag. Eine Diskussion, die selten geführt wird und schwer zu führen ist in einer Welt mit soviel Unrecht und falscher Moral. Man kann über Blum urteilen und sie gleichzeitig lieben.

Der Rezensent spricht der gesamten Trilogie seine uneingeschränkte Empfehlung aus. Bernhard Aichner hat sein Versprechen, das er im September 2015 im Interview mit der Krimi-Couch gegeben hat, gehalten:

 

Es gibt einen Stehsatz in den Büchern. "Alles wird gut", hat Blums verstorbener Mann immer zu ihr gesagt. Ich würde wahrscheinlich von meinen LeserInnen gesteinigt werden, würde ich dieses Versprechen am Ende der Trilogie nicht einlösen. Bis es aber soweit ist, muss Blum noch einmal durch die Hölle gehen. Und das wird wild, ein knallharter Western, der Ende 2016 (Januar 2017) ins Kopfkino kommt.

 

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