... und raus bist du

Erschienen: Januar 1953

Bibliographische Angaben

  • Boston: Little, Brown, 1950, Titel: 'Double, Double', Seiten: 215, Originalsprache
  • Bern: Scherz, 1953, Titel: 'Wer ist der Nächste?', Seiten: 191, Übersetzt: Lola Humm-Sernau
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1975, Titel: 'Der Kreis schließt sich', Seiten: 124, Übersetzt: ?
  • Köln: DuMont, 0, Seiten: 301, Übersetzt: Monika Schurr
  • Köln: DuMont, 1999, Übersetzt: Monika Schurr

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Michael Drewniok
An den Fingern abzuzählende Mordserie

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2021

Fast schon vergessen hat Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv Ellery Queen seine Zeit in der Kleinstadt Wrightsville, wo die Zeit irgendwann vor dem Ersten Weltkrieg stehengeblieben zu sein scheint. Nun schickt man ihm anonym Zeitungsartikel, die ihn auf interessante Ereignisse im ländlichen Norden des US-Staates New York hinweisen: Ein alter Sonderling ist gestorben und hat sein Vermögen einem mildtätigen Doktor vermacht; ein reicher Fabrikant wurde als Betrüger entlarvt und hat sich erschossen; ein stadtbekannter Säufer ist am Rande eines Sumpfes verschwunden.

Letzteren - Tom Anderson mit Namen - hat Queen gekannt und gemocht. Als Rima, die elfenhafte Tochter, in New York auftaucht und ihn um Hilfe und Klärung des Verbrechens angeht, lässt er sich nicht lange bitten. In Wrightsville ermittelt Queen rasch, dass die genannten seltsamen Vorfälle einen Faktor gemeinsam haben: Dr. Sebastian Dodd, der selbstlos die Armen behandelt und als wahrer Stadtheiliger gilt.

Rimas Vater hat er direkt vor dessen Verschwinden ein Darlehen von 5.000 Dollar als Starthilfe für ein neues Leben gewährt. Das Geld ist fort, Andersons skurrile Freunde verneinen jegliches Wissen. Queen irrt kriminalistisch im Kreis, bis ihn die wenigen Spuren auf eine irrwitzige Theorie bringen: Hier sterben Menschen nach dem Muster eines alten Abzählreims für Kinder! Niemand will ihm das glauben, selbst als der Tod Queens Hauptverdächtigen dahinrafft, wie er es vorausgesagt hatte - und besagter Reim geht noch weiter ...

Kleine, nur bedingt feine Stadt - die 4te

In The Devil to Pay (1938, dt. Des Teufels Rechnung) hatte der Detektiv und Autor New York verlassen und war nach Hollywood umgesiedelt. Dies ging einher mit einer in der Kriminalliteratur seltenen, weil konsequenten (= riskanten) Veränderungen der Figur. Queen wurde ‚erwachsen‘; er ließ seinen knorrigen Vater zurück und arbeitete nicht mehr als Berater für die Polizei. Seine Fälle als Privatdetektiv wurden komplizierter und vielschichtiger, psychologische Untertöne schlichen sich ein, aus der spielerischen Suche nach dem Mörder wurde nicht selten ein Drama, das unbarmherzig seinem tödlichen Finale entgegenstrebte und Queen als wissenden, aber hilflosen und überforderten Zuschauer zurückließ.

1942 erfolgte ein weiterer Sprung. Ellery Queen wurde in Calamity Town (dt. Schatten über Wrightsville) erstmals nach Wrightsville gerufen. Noch dreimal reiste er in Sachen Mord dorthin (The Murderer Is a Fox, 1945, dt. Der Mörder ist ein Fuchs/Willkommen, Mr. Fox!; Ten Days Wonder, 1948, dt. Der zehnte Tag; Double, Double!, 1950). Obwohl er auch später sporadisch zurückkehrte, stellte … und raus bis du! der Abschluss des ‚klassischen‘ Wrightsville-Quartetts dar.

Wrightsville ist das scheinbar gute, alte, intakte US-Amerika, gelegen idyllisch auf dem Land, bevölkert von einfachen, freundlichen Menschen, die der Dekadenz der Großstadt noch nicht erlegen sind. Doch schon der zweite Blick lässt unerfreuliche Wahrheiten zu Tage treten. Die scheinbare Idylle wird durch einen von Abwässern verseuchten Fluss in eine strahlende Musterstadt und in einen Slum geteilt. Auch auf der ‚richtigen‘ Seite sind Anständigkeit und Reputation oft nur Fassade, hinter der das Verbrechen wohnt. Mit der traulichen Verschlafenheit ist es vorbei, denn seit Queens letztem Aufenthalt ist die Moderne in Gestalt der Zeitungs-Zarin Malvina Prentiss über Wrightsville hereingebrochen.

Aus Spiel ist Ernst geworden

... und raus bist du! demonstriert den Unterschied zwischen Schein und Sein auf manchmal deprimierende Weise. Ist man die auf den Plot konzentrierte bzw. konstruierte Handlung der frühen Queen-Romane mit ihren eindimensionalen Charakteren oder besser Archetypen gewohnt, überrascht dieser Unterton. Der Plot ist darüber keineswegs unkomplizierter geworden. Ellerys Fähigkeit, aus einer Reihe unzusammenhängender Todesfälle auf eine Mordserie nach Abzählreim zu schließen, lässt uns dieses Mal allerdings skeptisch zurück. Selbst für einen Ermittler seines Kalibers ist das ein bisschen zu viel der genialen Deduktion.

Vergnügen bereitet der ‚erneuerte‘ Ellery Queen aber doch, denn es ist reizvoll, ihn bei seiner Weiterentwicklung zu beobachten. Das Goldene Zeitalter des klassischen Rätselkrimis war 1950 ohnehin vorbei; ein Held, der im Geschäft bleiben wollte, musste mit der Zeit gehen oder sich bewusst seine Nische als Anachronismus suchen.

Der zugeknöpfte Snob der frühen Jahre hat sich in einen Menschen mit Ecken und Kanten verwandelt. Sogar Nacktbaden mit einer Klientin ist nun möglich, auch wenn selbstverständlich die Keuschheit des wahren Gentlemans (noch) obsiegt. Als Detektiv ist Queen weiterhin ein Naturtalent, aber gegen gravierende Irrtümer und Fehleinschätzungen nicht mehr gefeit. Das belastet ihn, zumal er die eingeleitete Tragödie letztendlich nicht abwenden kann: Queen erreicht die Zielgerade erst, nachdem der Mörder sein Werk vollendet hat. Das wird ihm in späteren Abenteuern noch öfter passieren.

Gefangen im Treibsand der ‚Gemeinschaft‘

Rima Anderson ist - Volker Neuhaus erläutert es uns in seinem wie immer kundigen Nachwort - nicht nur eine Figur, sondern auch ein literarischer Scherz - die Inkarnation des Vogelmädchens Rima aus W. H. Hudsons romantischem Abenteuer-Klassiker Green Mansions von 1904. Aus dem unschuldigen Naturkind wird durch die Umstände eine ‚normale‘ junge Frau, wobei es dem Leser überlassen bleibt zu entscheiden, ob sie das wirklich glücklicher werden lässt.

Die übrigen Bewohner Wrightsvilles lassen in Verhalten und Gestalt zunächst den Dorftölpel-Flachsinn des Kuschel-Krimis durchscheinen. Dahinter verbergen sich freilich seelische Abgründe unvermuteter Tiefe. Tom Anderson ist kein bunter Vogel, der lustige Sachen sagt, die den Leser zum Lachen bringen, sondern ein tragischer, psychisch kranker Säufer. Sein Freund, der „Philosoph“, verbirgt hinter schlauen Sprüchen latenten Wahnsinn und den Zorn über sein Dasein als lebenslanger Verlierer. Ein zweiter Freund entpuppt sich als Dieb, der den Gefährten noch im Tod betrügt. Der gute Dr. Dodd wird von Aberglaube und Todesfurcht beherrscht. So geht es weiter und weiter - eine Galerie zwiespältiger Zeitgenossen, wie es der Roman-Originaltitel bereits andeutet.

Fazit

Fazit: Fall Nr. 22 ist einer der ganz großen Ellery Queen-Romane; eine bemerkenswerte Mischung aus altmodischer Krimi-Idylle und ‚realistischem‘ Psychothriller, konventionell im Ton, doch im Geschehen überraschend; immer noch verspielt, aber mit düsteren Untertönen.

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