Am zehnten Tage

Erschienen: Januar 1956

Bibliographische Angaben

  • Boston: Little, Brown, 1948, Titel: 'Ten days´ Wonder', Seiten: 265, Originalsprache
  • Bern: Scherz, 1956, Titel: 'Der zehnte Tag', Seiten: 192, Übersetzt: Lola Humm-Sernau
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1976, Titel: 'Der zehnte Tag', Seiten: 123, Übersetzt: ?
  • Köln: DuMont, 2000, Seiten: 326, Übersetzt: Monika Schurr

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Ein junger Mann leidet unter Amnesie-Anfällen. Er fürchtet, während seiner abwesenden Stunden Verbrechen zu begehen und bittet Ellery Queen um Hilfe. Mit ihm flieht er zu seinem übermächtigen Ziehvater und dessen attraktiver Gattin. Schon bald ist Ellery so etwas wie die vierte Seite in einem mörderischen Dreieck.

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Letzte Kommentare:
11.05.2013 16:07:10
Crispinfan

Wie bei jedem guten Krimi sind Charaktere und Geschehnisse fein aufeinander abgestimmt: Ein großes Haus und darin ein Brüderpaar, das sich zu Macht und Reichtum hochgekämpft hat, der eine ein Gottvater an Großmut, der andere ein buchhalterischer Fiesling; ein Paar Adoptivkinder, eins inzwischen Gattin des großherzigen Bruders, das andere ein junger Bildhauer, der von Langzeit-Blackouts geplagt wird. Ist er ein Mr. Hyde, der von seinen Untaten nichts weiß?

Aus alter Freundschaft kommt Ellery, um ihn zu überwachen, lässt sich in die Vorgänge verstricken und präsentiert erst in letzter Minute eine detektivische Lösung, einen „Blitz aus heiterem Himmel“, als er schon entnervt die Flucht angetreten hat – nach neun Tagen, in denen es um zwischenmenschliche Beziehungen, um dunkle Vergangenheiten, eine stürmische Nacht auf einem Friedhof, zwei Einbrüche und zwei Erpressungsversuche geht.

Kein Wunder, dass eher der Franzose Chabrol als der Engländer Hitchcock dieses Fast-Kammerspiel verfilmt hat; selbst der „krönende“ Mord ist vergleichsweise unblutig.

Faszinierend war für Chabrol der zehnte Tag der Geschichte. Dieser wirft ein neues Licht auf die Ereignisse. Eine Lösung, die der Krimi-Leser wie so oft mit einem „Na ja“ geschluckt hat, wird dort genauer ausgelotet; Charakter-Fassetten werden unter die Lupe genommen und neu gedeutet. Der Ausdruck „jede Menge Küchenpsychologie“ liegt mir auf der Zunge. Dieses Ende zeigt nämlich, wie ein Krimi-Autor jedweden Gärtner zum Mörder stilisieren kann. Auch insofern gilt: „Ihr Plan war flexibel; Sie hatten jede Menge Spielraum“, wie Ellery zu dem Schuldigen sagt – Spielraum sogar, um den Fall nach Ellery-Art zu gestalten, denn dessen Romane zieren die Bibliothek des Mordhauses: „Sie wussten, das Verrückte und Weithergeholte übt eine magische Anziehungskraft auf mich aus.“ Ein Spiegel im Spiegel, mit dem die Autoren ihr eigenes Verfahren ironisieren. Sie erklären sogar: „Das Gesetz zeigt sich von reiner Kombinationskunst völlig unbeeindruckt. Es verlangt nach stichhaltigen Beweisen.“

Wie in „Der Sarg des Griechen“ stolpert der Held auch mal, hier begründet durch seine Sympathien, und obwohl vom Unernst eines Crispin weit entfernt, gibt es viele nette Züge von Spöttelei und Heiterkeit. Etwas straffer hätte ich’s mir wieder gewünscht, aber die Beobachtungen von Menschen und Situationen, viele Schilderungen und Metaphern sind so plastisch, so originell, dass man glaubt, große Literatur vor sich zu haben. Manches Banale ist wohl der Preis: für Irreführung und Spannung des Lesers.

31.08.2007 18:46:04
SukRam

Ein Queen-Roman der anderen Art, gerade weil man bei Romanen des Autorenduos Dannay/ Lee mit mathematischen Lösungen konfrontiert wird und nicht immer auf die Psychologie achtet. Hier ist es anders: Hier entwickelt sich ein Roman, der erst später zum Krimi wird und den Leser während eines Pseudo-Endes erst einmal verschnaufen lässt. Die eigentliche Lösung ist jedoch ebenso genial mit viel Psychologie gespickt (die jedoch nicht unbedingt immer glaubhafter wird, je länger Ellery erklärt.) Interessant ist auch ein Trick, der ein paar Jahre später die ganze Grundlage eines Queen-Romans darstellt. Kriminalistisch muss dieses Buch also keinen der als ,,literarisch" bekannten Krimis nachstehen und kann technisch gesehen mit einem von Agatha Christies eindrucksvollsten Werken verglichen werden. - Und das, obwohl sich beide (oder drei?) Autoren auf gar keinen Fall der Ideen des jeweils anderen bedient haben können.
Meine Wertung: 95°

12.08.2007 11:29:22
krimifan24

Ein sehr ungewoehnlicher Queen-Roman: Es geht um die tragische Geschichte einer seltsamen "Familie" und deren komplexes
Beziehungsgeflecht, in das der Detektiv Ellery Queen ziemlich tief mit hineingezogen wird. Liest sich ueber weite Strecken nicht wie ein "richtiger" Kriminalroman. Lange Zeit schleppt sich die Handlung eher muehsam dahin, ehe es auf den letzten siebzig, achtzig Seiten richtig spannend wird und am Ende von Ellery Queen eine unglaubliche, faszinierende Loesung des Falles praesentiert wird, die einen erschauern laesst. Doch da dem Detektiv die richtige Loesung zu spaet einfaellt, ordnet er selbst den Fall als sein groesstes Versagen ein und meint, nie wieder einen Fall uebernehmen zu koennen - ein Vorsatz, an den sich sein Autorenduo dann doch nicht gehalten hat...
Insgesamt ein untypischer, aber sehr lesenswerter Krimi, der 1971 von Claude Chabrol mit Starbesetzung (Orson Welles, Anthony Perkins) verfilmt wurde.