Willkommen, Mr. Fox

Erschienen: Januar 1990

Bibliographische Angaben

- New York : Little, Brown and Company 1945

- London : Victor Gollancz 1945

- Bern : Scherz Verlag 1947 [unter dem Titel „Der Mörder ist ein Fuchs“] (Die schwarzen Kriminalromane 3). Übersetzung: Ursula von Wiese. 265 S..

- Frankfurt/Main - Berlin - Wien : Ullstein Verlag 1976 (Ullstein Kriminalroman 1756). Übersetzung: N. N.

- München : Heyne Verlag 1990 (Heyne Crime Classic 2295). Übersetzung: Ursula von Wiese. 187 S.

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Michael Drewniok
Nachts, mit den Händen um den Hals der Gattin

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2021

Kriegsheld Davy Fox wird in seinem Heimatstädtchen Wrightsville von den stolzen Bürgern, der Familie und von Gattin Linda ungeduldig bzw. sehnsüchtig erwartet. Doch was er auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs erlebt hat, verstärkte noch ein bereits akutes Nervenleiden: Als Davy zehn Jahre alt war, wurde sein Vater Bayard des Giftmords an seiner Gattin Jessica beschuldigt. Obwohl er dies abstritt, sprachen die Beweise so eindeutig gegen ihn, dass Bayard 1933 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurde.

Davy glaubt, des Vaters Mörder-Gen geerbt zu haben. Im Krieg hat er die bösen Japse scharenweise niedergemäht. Nun liegt er in jeder Nacht wach neben Linda im Bett und kämpft gegen den Impuls an, ihr den Hals zuzudrücken. Als er ihm unterliegt, kommt Linda nur knapp mit dem Leben davon. Sie hält zu Davy und glaubt nicht an einen Familienfluch. Stattdessen bittet sie einen alten Freund um Hilfe. Ellery Queen, Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv, soll den Mordfall Jessica Fox wieder aufzurollen, Bayards Unschuld beweisen und so Davys Komplex ad absurdum führen.

Trotz der Aussichtslosigkeit des Unterfangens stimmt Queen zu. Es gelingt ihm sogar, Bayard für die Dauer der Ermittlungen aus dem Gefängnis zu holen: Queen will die Tat in Wrightsville und in dem seit 1933 leer stehenden Fox-Haus detailgetreu rekonstruieren, um Fehler in der Beweisführung zu finden. In der Tat tun sich Lücken im Tathergang auf, was Queen ebenso freut wie Sorgen bereitet: Sollte der wahre Täter fürchten, nach vielen Jahren noch ertappt zu werden, müsste er (oder sie) aktiv werden, um mögliche Zeugen zum Schweigen zu bringen - und genauso geschieht es …

Der Kriminalroman wird ungemütlich

Ellery Queen hatte 1945 als Figur eine bemerkenswerte Entwicklung hinter sich: Gestartet war er 1928 als klassischer Gentleman-Detektiv, der sich reich und blasiert dazu herabließ, Verbrechen aufzuklären, weil es ihn interessierte. Die langweiligen Attitüden des realitätsfernen Laffen legte Queen rasch ab. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt selbst (wenn auch als  Kriminalschriftsteller), legte mit dem Standesdünkel jegliche Berührungsängste ab und mischte sich unters Volk.

Ende der 1930er Jahre gingen die Vettern Frederic Dannay und Manfred B. Lee, die sich hinter dem Schriftsteller-Pseudonym „Ellery Queen“ verbargen, einen großen Schritt weiter. War das Lösen eines Kriminal-Rätsels bisher eine recht mechanische, auf die Ermittlung als Kunst und Handwerk zentrierte Handlung, schloss dieser Vorgang nunmehr ausdrücklich das psychologische Element ein: Morde und andere Untaten werden nicht aus heiterem Himmel begangen. Verbrechen haben eine Vorgeschichte, in welcher Menschen und ihre Taten wichtige Rollen spielen.

Der Zweite Weltkrieg machte die Erkenntnis, dass das Böse vor allem im Menschenhirn wurzelt, zum Allgemeingut. Selbst Hollywood konnte sich dem nicht mehr verschließen. Die 1940er Jahre wurden zur großen Zeit des „Crime Noir“, der Krimis der „Schwarzen Serie“, deren Protagonisten nichts Menschliches mehr fremd war.

Kleinstadt-Hölle auf Erden

Ellery Queen konnte sich ab 1945 in diesem gewandelten Umfeld gut behaupten. Auch er schreckte nicht mehr vor ‚unangenehmen‘ Wahrheiten zurück, zu denen die Anerkennung eines Phänomens gehörte, das lange „Kriegsneurose“ genannt, aber als Lappalie abgetan wurde: Soldaten sollten kämpfen. Wurden sie verwundet, flickte man sie wieder zusammen und schickte sie zurück an die Front. Wer sich dem verweigerte, obwohl ihn weder Beine, Arme oder Augen fehlten, galt als Drückeberger und Schwächling.

Gegen den armen Davy Fox fahren Dannay & Lee noch schwerere Geschütze auf. Schon in Friedenszeit und Kindertagen hat sein Gemüt Schaden genommen. Der eigene Vater hat die Mutter umgebracht und landete für immer im Gefängnis. Für die Familie gilt er als tot, über Bayard Fox wird nicht gesprochen. Die ‚Schande‘ ist dennoch allgegenwärtig, denn die Familie Fox lebt in Wrightsville, einer Kleinstadt, die nur oberflächlich alle Eigenschaften einer Dorfidylle zeigt.

Faktisch ist Wrightsville eine Brutstätte der unbilligen Neugier, des unterdrückten Hasses und der üblen, aber heimlichen Nachrede. Da man eng aufeinander hockt, versucht man die Bosheiten nicht ausbrechen zu lassen. Stattdessen kochen sie im eigenen Saft und steigern nur ihre Intensität. Stets steht man unter nachbarlicher Aufsicht, werden Worte und Taten kommentiert. Im Guten und vor allem im Bösen bleibt die Ortschronik lebendig: Nicht einmal tot kann man Wrightsville entkommen.

Verbrechen als Familienerbe?

In diesem Klima wuchs Davy Fox auf - und entwickelte seine Wahnvorstellung: Er glaubt von einem Mörder-Gen befallen zu sein, das ihm sein Vater vererbte. Die Vorstellung vom Bösen, das quasi wie ein Virus weitergegeben wird, hatte 1945 schon eine lange Tradition im Kriminalroman. Sie war angenehm logisch, denn obwohl ihr jede wissenschaftliche Basis fehlte, ‚erklärte‘ sie, was man nicht verstand und verstehen wollte: Selbst dort, wo Familienstand, Vermögen und Erziehung es eigentlich verhinderten, wurden Menschen kriminell. Wo man in früheren Zeiten einen Fluch verantwortlich gemacht hatte, konnten nun böswillig den Familienstammbaum heimsuchender Fremdlinge mit „bösem Blut“ haftbar gemacht werden.

Träfe dies zu, wäre Davy Fox verloren. Glücklicherweise glaubt Ellery Queen nicht an Kleinstadt-Psychologie, sondern an harte Fakten. Der Teufel steckt dieses Mal buchstäblich im Detail. Selten sieht sich der Detektiv einer so lückenlosen Indizienkette gegenüber wie im Fall Bayard Fox. Jedes Glied nimmt er unter die Lupe - und wird jedes Mal enttäuscht: Die Behörden haben einst gründlich gearbeitet.

Haben sie natürlich nicht, denn sonst fände diese Geschichte ein trauriges Ende. In der dicht verwobenen Beweisfolge gibt es eben doch Lücken. Sie werden von denen, die mit Queen den Fall neu aufrollen, als Lappalien abgetan. Erfahrene Leser wissen, dass dem ganz sicher nicht so ist und Queen hier den Strohhalm gefunden hat, mit dessen Hilfe er langsam aber sicher jenes Beweisgebäude niederreißen wird, das Polizei und Justiz vor zwölf Jahren aufwändig errichteten.

Wird er oder wird er nicht?

Die Spannung wird dieses Mal dadurch geschürt, dass nicht nur die Leser Ellery Queen über die Schulter schauen. Ein ganzes Rudel verzweifelter Füchse hängt buchstäblich an seinen Lippen. Vor allem Linda, Davys Gattin, macht aus ihrem Herzen nie eine Mördergrube. Aus heutiger Sicht ist sie sogar kontraproduktiv (sowie lästig) mit ihrem ständigen Greinen und Händeringen, weil es mit Bayards Rehabilitierung nur schleppend vorangeht.

Hier zeigt sich das Alter dieses Kriminalromans nicht nur nostalgisch, sondern negativ. Welcher Unterhaltungswert wohnt Frauen inne, die primär als Nervensägen agieren? Die Zeitgenossen sahen dies natürlich anders. Mit dem gesellschaftlichen Status ihrer Männer steht und fällt die Position der Fox-Frauen. Sie kennen es nicht anders, weshalb auch die düpierte Emily beim einst untreuen Talbot Fox bleiben wird.

Ellery Queen lässt sich nicht drängeln. Er wird zum ausgleichenden Element, das der Handlung gut bekommt. Unter der modernen Psychologie kommt immer wieder die altbekannte Frage zum Vorschein: „Whodunit“ - Wer ist es gewesen? Nicht immer konnten Dannay & Lee den Seifenoper-Gehalt der späteren Queen-Krimis so gut unter Kontrolle halten wie dieses Mal. Die Spannung steigt bis zum Finale, das wider Erwarten und den gesunden Menschenverstand die scheinbar festgefügte Indizienkette sprengt, damit Queen die Einzelteile in neuer Reihenfolge zusammensetzen kann. Plötzlich springt dem kunstvoll genas geführten Leser ins Gesicht, wo seine Denkfehler lagen.

Das Tüpfelchen auf diesem I bietet ein Finaltwist, der genau diese Erkenntnissicherheit noch einmal umwirft: Es war alles ganz anders. Solche Tricks gelingen selten bzw. selten so gut wie hier. Kein Wunder, dass nicht nur Literaturkritiker diesen 17. Band der Serie für einen der besten Ellery-Queen-Romane überhaupt halten!

Fazit

Nicht nur klassische, sondern für die Entstehungszeit perfekte Mischung aus Rätsel-Krimi und Psycho-Thriller: spannend und stringent bis ins Finale.

 

 

Anmerkung: Gewarnt sei der deutsche Krimifreund vor der Ullstein-Ausgabe von 1976, die auf 153 Seiten zusammengekürzt wurde!

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