Schatten über Wrightsville

Erschienen: Januar 1949

Bibliographische Angaben

  • Originalausgabe erschienen 1942 unter dem Originalitel „Calamity Town“

    - Boston : Little, Brown, and Company 1942

    - London : Victor Gollancz 1942

    - Bern : Scherz Verlag 1949 (Die schwarzen Kriminalromane 24). Übersetzt von N. N. 239 S.

    - Frankfurt/Main - Ullstein Verlag 1977 (Ullstein-Krimi 1809). Übersetzt von N. N. 143 S.

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Michael Drewniok
Drei Schwestern, drei Briefe, drei Todesfälle

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2021

Seinen neuen Roman möchte Krimi-Schriftsteller und Amateur-Detektiv Ellery Queen nicht in New York, sondern in der Ruhe der Provinz schreiben. Er entscheidet sich für Wrightsville, ein Städtchen irgendwo im Mittelwesten. Als Gast einer prominenten Familie wird Queen in ein schwelendes Drama gezogen. John F. Wright, Präsident der Wrightsville Nationalbank, hat drei Töchter, von denen nur Patricia, die Jüngste, ohne Skandal blieb. Lola, die Älteste, schloss sich vor Jahren einem Wanderzirkus an und kehrte später geschieden = entehrt nach Wrightsville zurück. Nora wurde vor drei Jahren von ihrem Verlobten Jim Haight verlassen und ist seitdem schwermütig.

Jetzt taucht Haight wieder auf, die ausgefallene Hochzeit wird nachgeholt. Das junge Glück ist allerdings überschattet: Nora findet (ausgerechnet in einem Fachbuch über tödliche Gifte) drei vordatierte Briefe, in denen ihr Gatte seiner Schwester Rosemary über eine Krankheit berichtet, der Nora am 1. Januar des kommenden Jahres erliegen wird bzw. soll. Während Nora die Bedrohung ignoriert, wollen Queen und Patricia den offensichtlich geplanten Mord verhindern.

Rosemary Haight reist zum Jahreswechsel nach Wrightsville, wo sie einen mit Arsen versetzten Cocktail trinkt, den ihr Bruder offenbar für seine Gattin gemixt hatte. Haights Schicksal scheint besiegelt, doch Ellery Queen findet diese Lösung allzu simpel - und liegt gefährlich richtig damit …

Kleine, nette, abscheuliche Stadt

„Es gibt keine Geheimnisse und kein Zartgefühl, wohl aber sehr viel Grausamkeit in den Wrightsvilles dieser Welt.“ Diesen Satz lesen wir auf einer der letzten Seiten dieses 15. Ellery-Queen-Romans. Die Vorstellung vom Dorf oder von der Kleinstadt als Hort traditioneller = gesunder = in der Großstadt längst verschwundener Werte geistert seit jeher durch die Kultur- und Geisteswelt. Der dort isolierte Alltag symbolisiert angeblich eine Gesamtheit, deren Mitglieder harmonieren, weil sie wissen, wie (und dass) sie zusammengehören.

Nicht grundlos existiert eine Gegenbewegung, deren (oft in der Stadt lebenden) Vertreter auf die Schattenseiten dieser Idylle hinwiesen: Privatsphäre ist ein kostbares Gut, das dort, wo jeder jeden kennt, nicht zu gewährleisten ist. Folgerichtig weist das Bild Wrightsvilles, das auf den ersten Seiten des vorliegenden Romans nachgerade ironisch als unschuldiges Paradies beschrieben wird, bereits auf den zweiten Blick diverse Flecken auf, um sich nach und nach in einen schmutzigen Sumpf zu verwandeln: Wrightsville wird zur „Calamity Town“, zur „Stadt des Unheils“.

Diesen Prozess setzt das Schriftsteller-Duo Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee (= Ellery Queen) ebenso meisterhaft wie gnadenlos um. Ihm wird ebenso viel Raum gewidmet wie dem Kriminalfall, der vor allem im Mittelteil an den Rand der Handlung rutscht. Auch von den ‚Unschuldigen‘ kommt niemand ungeschoren davon. Hinter harmloser Klatschsucht lauert eine Aggression, die schließlich in einem kollektiven Anfall von Lynchjustiz gipfelt.

Die Zeiten ändern sich

Dannay & Lee scheuten sich in ihrer großen Zeit - die in den frühen 1960er Jahren endete - nie, ihre Figur Ellery Queen teilweise gravierenden Änderungen zu unterziehen. Dies war riskant, denn der Fan ist ein scheues Wild, das höchstens vorsichtige Variationen des Bekannten und Geschätzten gestattet. Dannay & Lee passten sich den Zeitläufen an. Ellery Queen startete 1929 als typische „Denkmaschine“, die passenderweise einen Kriminalfall löste, der wie eine komplizierte Maschine konstruiert wurde. Zwischenmenschliche Aspekte blieben Nebensache und der Deduktion jederzeit untergeordnet.

In den 1930er Jahren geriet der klassische „Whodunit“ in seiner reinen Form allmählich auf ein Nebengleis. Der Kriminalroman entdeckte die psychologischen Untiefen der menschlichen Seele als Quelle krimineller Taten. Ellery Queen wurde in Halfway House (1936; dt. Das Haus auf halber Strecke/Der Schrei am Fluss) erstmals ‚menschlich‘ gezeichnet. Natürlich blieb er ein begnadeter Kriminologe, doch er dominierte die Handlung ‚seiner‘ Romane nicht mehr so stark, und er zeigte sich oft macht- und ratlos dort, wo das Handwerk des Ermittlers an seine Grenzen stieß. Auch in „Schatten über Wrightsville“ erkennt Queen zu spät die Hintergründe einer Tat, deren Dimensionen weit über das hinausreichen, was ein Detektiv zu meistern vermag.

Freilich erweist sich die neue psychologische Tiefenschärfe aus heutiger Sicht als Schwachpunkt: Sie ist veraltet. Zudem übertreiben es Dannay & Lee mit den Gefühlen. Vor allem das weibliche Wesen ist durch Schwäche, Weinkrämpfe und Hysterie gekennzeichnet. Durch die Betonung zeitgenössisch akuter, doch inzwischen von der Zeit überholter gesellschaftlicher Konventionen - was auch die männlichen Figuren einschließt -, wirkt Schatten über Wrightsville noch altmodischer, während die klassischen „Whodunits“ gerade wegen ihrer künstlichen Altertümlichkeit zeitlos blieben.

Back to basics

Verlassen kann man sich glücklicherweise auf Dannay & Lee als Plot-Schneider. Während sie Ellery Queen behutsam neu gestalteten, unterzogen sie auch ihre Krimi-Plots einer Modernisierung. Die Fälle wurden nach 1939 zunehmend straffer, die überbordende Exotik mancher Auflösung fuhr das Duo auf ein realistisches Maß zurück.

Spannung wird quasi filmisch, d. h. durch Tempo und rasche Szenenwechsel, erzeugt. Ein gutes Beispiel ist die als „court drama“ dargestellte Gerichtsverhandlung gegen Jim Haight. Dannay & Lee ziehen alle Register des Spannungsaufbaus. Sie lassen Humor und Sarkasmus einfließen, um im nächsten Moment tragisch zu werden. In diesen Passagen haben die Autoren ihre Leser fest im Griff, hier kann sich auch der ‚neue‘ Ellery Queen erfolgreich entfalten. Selbst historischer Realismus hat in diesem Umfeld Platz; mehrfach findet Erwähnung, dass die USA zum Zeitpunkt des Geschehens just in den Zweiten Weltkrieg eingetreten sind und eine „Heimatfront“ im Aufbau ist.

Wrightsville diente Dannay & Lee mehrfach als Mikrokosmos, in dessen Höllenfeuer sie ihre Plots schmieden konnten, bis sie die gewünschte Härte erreicht hatten. In Schatten über Wrightsville kam Ellery Queen zum ersten Mal nach Wrightsville. Noch dreimal reiste er in Sachen Mord dorthin: 1945 in The Murderer Is a Fox (dt. Der Mörder ist ein Fuchs/Willkommen, Mr. Fox!), 1948 in Ten Days Wonder (dt. Der zehnte Tag) und 1950 in Double, Double! (dt. … und raus bist du!).

Schatten über Wrightsville - der Film

Kurioserweise erregte der 15. Ellery-Queen-Thriller trotz des hübschen, vielversprechenden Originaltitels und seiner dramatischen Story nie das Interesse Hollywoods. Als Calamity Town 1979 doch verfilmt wurde, geschah dies in Japan. Haitatsu sarenai santsu no tegami - The Three Undelivered Letters - hieß das 130-minütige, vom Drehbuchautoren Kaneto Shindô adaptierte Werk, zu dessen Premiere Frederic Dannay, die überlebende Hälfte des Autorenduos Ellery Queen, nach Tokio reiste.

Fazit

Ellery Queens aktueller Fall ist lange eher Familientragödie als kriminell, , denn in seinem 15. Abenteuer ist Queen nicht mehr dem reinen Krimi-Mysterium verhaftet, sondern bezieht den psychologischen Aspekt des Geschehens ein; hier liegt allerdings auch der Schwachpunkt eines ansonsten überzeugend geplotteten Krimi-Klassikers.

 

 

Anmerkung: Schatten über Wrightsville gehört zu den Krimis, denen in der Übersetzung Böses geschah. Während die erste deutschsprachige Ausgabe bereits 1949 und ungekürzt erschien, geriet der Titel für die Neuauflage in den unter Krimi-Freunden berüchtigten Ullstein-Häcksler, dem er nur um 100 Seiten gefleddert entkam. Diese Fassung sollte der Leser mit Missachtung strafen. An die doch sehr angestaubte, von halb oder gänzlich vergessenen Ausdrücken wimmelnde Alt-Übersetzung - wer sagt heute noch „stieläugig“ statt „betrunken“ oder wagt es, ein Mitglied des weiblichen Geschlechts als „Frauenzimmer“ zu bezeichnen? - kann man sich gewöhnen; sie ist ein geringer Preis für ein vollständiges Lektüre-Vergnügen!

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