Der Tote im Tower

Erschienen: Januar 1988

Bibliographische Angaben

  • New York; London: Harper, 1933, Titel: 'The Mad Hatter Mystery', Seiten: 300, Originalsprache
  • Köln: DuMont, 1988, Seiten: 285, Übersetzt: Marianne Bechhaus-Gerst & Thomas Gerst
  • Köln: DuMont, 2003, Seiten: 285

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Michael Drewniok
Wieder ein uneingeschränkt lesenswerter Thriller aus der ´Goldenen Ära´ des Genres

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

In diesen düsteren Märztagen der noch jungen 1930er Jahre treibt in London der "Verrückte Hutmacher" sein Unwesen: ein seltsamer Dieb, der Polizeihelme, Zylinder und andere Kopfbedeckungen an sich nimmt, um sie an möglichst auffälliger Stelle auszustellen. Da primär Respektspersonen attackiert werden, ist das Interesse der Medien groß.

Der junge Reporter Philip Driscoll macht sich die Jagd auf den Hutmacher zum persönlichen Anliegen. Er will Karriere machen in seinem Job, denn Ansehen und Verdienst sind ihm wichtig - auch um endlich vor seinem Onkel, dem reichen Ex-Politiker und Sammler seltener Bücher Sir William Bitton bestehen zu können.

Der liebt seinen Neffen eigentlich wie einen Sohn, hat ihn das aber als echter Mann nie spüren lassen. Nun ist es zu spät, denn Philip ist tot: Man findet ihn unterhalb von Traitor´s Gate im Tower von London, der alten Festung an der Themse. Er trägt Golfkleidung, auf dem Kopf einen Zylinder Sir Williams, ein Armbrustpfeil ragt aus seinem Brustkorb.

Chief Inspector Hadley kommt rasch zu dem Entschluss, dass die Polizei hier ein wenig Unterstützung benötigt. Aus der Provinz ruft er seinen alten Freund Dr. Gideon Fell zu Hilfe. Der Gelehrte und Amateurdetektiv ist durchaus interessiert, gibt sich aber ungewöhnlich abgelenkt, als im Tower die Ermittlungen beginnen. General Mason, der Festungskommandant, ist wenig erbaut von der unerfreulichen Publicity. Es kommt noch schlimmer: Sein Adjutant Robert Dalrye ist der Verlobte von Sheila Bitton, Sir Williams Tochter - und unter den Verdächtigen, die man auf dem Gelände stellt, befindet sich seine Schwägerin ... Die Bittons verbergen etwas, so viel ist klar, und Discoll ist zu seinem Pech dahintergekommen. Nun bekommt es der Mörder mit dem ungleich gewitzteren Dr. Fell zu tun. Das lässt ihn nervös werden, und nervöse Mörder pflegen weiter zu töten ...


Der Tower von London bildet die wuchtige Kulisse dieses lupenrein klassischen Krimis. Die alte Festung, die sowohl Palast als auch Gefängnis für Hochverräter war und als Aufenthaltsort der Kronjuwelen im Mittelpunkt manchen Filmthrillers stand, ist der ideale Ort für einen typischen John Dickson Carr-Krimi. Vergangenheit und Gegenwart gehen ineinander über, das Unheimliche zeigt sich in perfekter Synthese mit dem Realistischen.

Mit ungebremstem Spieltrieb wirft sich der Verfasser auf seine Geschichte. Keinen Augenblick verschwendet er auf die Frage, wie realistisch denn das Geschehen sich darstellt. Der Mord an einem allzu neugierigen Journalisten wird mit einem Armbrustpfeil verübt, der aber nicht abgeschossen, sondern wie ein Dolch eingesetzt wird - und sich dann als schnödes Reiseandenken entpuppt.

Falsche Fährten, der Verdacht übernatürlicher und auch sonst logisch nicht nachvollziehbare Ereignisse - welcher Verbrecher würde wohl so verschroben agieren wie der "Hutmacher"? -, Verdächtige, die ins skizzierte Ambiente passen, als Dreh- und Angelpunkt des Dramas ein verschollenes Manuskript vom Großmeister des Grauens Edgar Allan Poe himself: Was partout nicht zusammenzugehören scheint, fügt sich zu einem wendungsreichen, mit Überraschungen (und schwarzem Humor) niemals geizenden Spektakel, das ohne Längen in einem Finale mündet, das Gideon Fell wieder einmal als Hüter des Rationalen zeigt.

Wobei dieser Dr. Fell hart an der Fähigkeit arbeitet, seine Mitmenschen durch seine Impertinenz zur Weißglut zu bringen. Während Inspector Hadley sich auf die Ermittlungen stürzt, scheint Fell durch geistige Abwesenheit zu glänzen. Statt sich einzumischen und kluge Fragen zu stellen, spielt er lieber mit dem Festungshund, treibt sich an völlig unwichtigen Orten des Towers herum und erkundigt sich nach Dingen, welche die Befragten mindestens irritiert zurücklassen.

Das ist natürlich reine Täuschung. Tatsächlich sieht Fell dort Licht, wo weniger Begabte im Schatten verharren müssen. Sein seltsames Gebaren verdeckt nur, dass er Indiz für Indiz zusammenträgt und zur Lösung fügt. Dabei unterlaufen ihm manchmal durchaus Irrtümer, von denen andere jedoch nur manchmal erfahren: Gideon Fell liebt es sich in Andeutungen zu ergehen. Ansonsten hüllt er sich in Schweigen und rüstet sich für die große Schlussabrechnung.

Die ist ihm offenbar wichtiger als er zugeben mag, Fells Jagdtrieb ist stark und unbarmherzig. Wir hören hier auch von einem anderen, jüngeren Gideon Fell, der sich während des (Ersten) Weltkriegs in der Spionageabwehr betätigte und manchen Agenten an des Henkers Strick brachte. Das verursacht ihm keine Gewissensbisse daraus macht er gar keinen Hehl, zumal es endlich Fells Fähigkeit erklärt, sich über alle Vorschriften hinwegzusetzen und trotzdem stets die Unterstützung der Behörden zu erfahren: Er hat die richtigen Beziehungen - und er hat sich auch keineswegs in den Ruhestand zurückgezogen.

Die Kärrnerarbeit bleibt den Gefährten. Das ist auch besser so, weil Fell nicht gut zu Fuß ist. Hier haben wir den erprobten und viel geprüften Hadley, der die nüchterne Polizeiarbeit erledigt und sich dabei wacker schlägt. Tad Rampole, den jungen Helden, haben wir in "Tod im Hexenwinkel" (DuMont Kriminal-Bibliothek Nr. 1002) bereits kennen gelernt. Acht Monate nach den Ereignissen in seinem (und Fells) Heimatort Chatterham, einem pittoresken Flecken in der Grafschaft Lincolnshire, die ihm eine neue Heimat und eine Gattin bescherten, will der Amerikaner eigentlich nur London besuchen. Er kommt gerade richtig, denn die Jagd auf den "Hutmacher" erfordert einen Zeugen und Chronisten, der die brillante Ermittlungsarbeit im Detail festhält.

Begleitet wird unser Trio von der üblichen Galerie skurriler britischen Urgewächse, die wir Leser so lieben, wenn sie uns ein wirklich guter Schriftsteller nahe bringt. General Mason ist ein Bilderbuch-Offizier: knorrig, aber mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Carr schildert ihn mit jener milden Ironie, von der keine Figur - die knallharte Privatdetektivin, der entsagungsvolle Butler, die hirnsausige Lebedame, der weltfremde Bücherwurm usw. - verschont bleibt. Der Plot und der Spaß daran stehen wie gesagt im Vordergrund. Um dieses Ziel zu erreichen setzt Carr (erfolgreich) jedes Mittel ein.

Der Tote im Tower

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Letzte Kommentare:
11.11.2010 09:26:37
SukRam

Ein typisch atmosphärischer Carr-Krimi - aber ohne Locked Room!
Ich schätze zwar die Ideen, die Carr hier verwendet (Poe-Manuskript, Tower, Verrückter Hutmacher) und den antiquierten Sympathieträger Fell, aber irgendwie ist die Auflösung nicht befriedigend und zu schnell aufs Papier konstruiert. Außerdem erscheint es mir, als ob die Handlung und die Spannung hinter den aufgereihten Befragungen zurücktritt. Auch die Geschichte mit den Stimmen wird von Carr immer so inszeniert, wie er sie gerade nützlich fand.
Es gibt durchaus bessere Carrs!

Meine Wertung: 80°

21.09.2009 11:51:34
Stefan83

Im Vergleich zu den meisten anderen Genrevertretern seiner Zeit ist John Dickson Carr mittlerweile vielerorts in Vergessenheit geraten. Während eine Agatha Christie alle Jahre wieder eine Neuauflage erfährt, Dorothy L. Sayers gleich in mehreren Verlagen erscheint, sind die Titel des amerikanischen Autors allesamt vergriffen. Eine Tatsache, die allein schon nach der Lektüre dieses Buches nicht nachzuvollziehen ist.

Carr, an der Ostküste der Vereinigten Staaten geboren, hat wohl wie kaum ein anderer den klassischen englischen Mystery-Krimi geprägt und zudem das "Locked-Room"-Thema aus der Taufe gehoben. Seine Bewunderung des alten Europas hat sich nicht nur im persönlichen Leben, er war Mitglied im Londoner "Detection"-Club, sondern besonders im Stil seiner Bücher widergespiegelt. Die Schauplätze der Bücher sind stets verfallene Gebäude, marode Gemäuer und gespenstische Villen, der Plot immer vom Hauch des Gespenstischen umgeben. Und das ist auch im zweiten Band mit dem Privatdetektiv Dr. Gideon Fell nicht anders. Diesmal bildet der Tower von London die schaurig, neblige Kulisse des Krimis, einem klassischen Whodunit, in dem sich Carr einmal mehr als Meister der Atmosphäre erweist.

Es sind acht Monate seit den Ereignissen in Chatterham vergangen und Rampole, der damals Fells exzentrische Ermittlungen im Fall Starbeth aus nächster Nähe verfolgen durfte, trifft diesen nun samt Chief Inspector Hadley von Scotland Yard in einem Londoner Pub wieder. Letzterer ist mit seiner Behörde in den letzten Tagen zum Gespött der Öffentlichkeit geworden, denn ein mysteriöser Hutdieb treibt in der Hauptstadt seine Unwesen und hält die Justiz zum Narren. Polizisten, Adligen und anderen angesehenen Männern hat man die Kopfbedeckung entwendet, um sie schließlich an den verschiedensten Stellen zu platzieren. Ein bisher amüsanter Schabernack, der auch dank der Kolumne des Journalisten Philipp Driscoll für immer mehr Erheiterung in der Bevölkerung sorgt. Selbst der ehemalige Politiker Sir William Bitton gehört zu den Betroffenen. Dem fleißigen Buchsammler ist zudem auch ein bisher unveröffentlichtes Manuskript von Edgar Allan Poe gestohlen worden, was für Hadley nach einem interessanten Fall für Dr. Fell aussieht. Der zeigt sich wenig interessiert, bis die illustre Runde im Pub von einer Schreckensmeldung unterbrochen wird: Eine Leiche ist im Tower am Traitor\'s Gate aufgefunden worden. Getötet mit einem Armbrustpfeil durchs Herz. Auf dem Kopf der Zylinder von Sir William. Und noch schlimmer: Bei dem Toten handelt es sich um Williams Neffen. Philipp Driscoll...

Es kommt was kommen muss. Gemeinsam begibt man sich zum vom Nebel umhüllten Tower und nimmt die Ermittlungen auf. Der Leser als gefesselter Beobachter an ihrer Seite. Und packend ist dieser Krimi von Seite eins an. Das liegt nicht nur an der düsteren, herrlich schaurigen Atmosphäre, sondern auch an den vielen falschen Fährten, die Carr legt und durch die als einziger Dr. Fell selbst durchzublicken scheint. Der lässt auch diesmal nichts unversucht, um seine Mitstreiter in den Wahnsinn zu treiben. Mit scheinbar enervierendem Desinteresse und völlig aus dem Kontext fallenden Fragen, bringt er mehr als einmal Hadley gegen sich auf, was natürlich für die komischen Akzente in diesem Whodunit sorgt. Dass dies nur Show ist, wird der geneigte Fell-Leser wissen und am Ende ist es natürlich der Detektiv Höchstselbst, der die Indizien zusammenträgt und zu einer Lösung fügt.

Im Gegensatz zum ersten Band "Tod im Hexenwinkel" werden nun auch einige Mysterien um die Person Gideon Fell gelüftet. Man erfährt von seiner Tätigkeit in der Spionageabwehr während des ersten Weltkriegs, was auch die billigende Unterstützung der Yard-Beamten besser erklärt. Garniert wird dieser herrlich verschrobene, unheimlich packende Fall von einer ganzen Scharr skurriler Figuren, die nicht typisch englischer hätten werden können, und vom Vorzeige-Butler bis zum alten General die gesamte Palette abdecken. Carr übertreibt hier augenscheinlich mit offensichtlichen Vergnügen, das sich bereits nach wenigen Seiten auch auf den Leser überträgt.

Insgesamt ist "Der Tote im Tower" ein herrlich-atmosphärisches Krimi-Meistwerk des "Golden Age", das aufs Beste unterhält und uns geistig sogleich ins gute, alte England zurückversetzt. Wie immer überzeugt die Ausgabe der Dumont-Kriminalbibliothek dabei mit einem informativen Nachwort und einem aufschlussreichen Lageplan. In diesem Fall eine Skizze des Londoner Towers, welche im Verlauf der Lektüre immer mehr an Nützlichkeit gewinnt.

02.03.2009 19:36:52
Krimi-Tina

Der zweite bei Dumont erscheine Fall um Gideon Fell. Es gilt den Fall eines im Tower von London mit einem Armbrustpfeil erdolchten Mannes zu klären.
Fell läuft hier zu großer Form auf. Exzentrisch, völlig unbekümmert ob seiner Wirkung auf andere, sich ständig in rätselhaften Andeutungen ergehend, nimmt er die Spur auf.
Wie schon Bei „Tod im Hexenwinkel“ bekommt der Leser jeden Hinweis gezeigt und ist zum mitraten eingeladen. Allerdings war mir relativ früh alleine anhand der Charakterisierung der Personen klar, wer der Täter sein könnte.
In diesem Buch spielt der Lageplan des Towers und wer wann wo gewesen ist, eine erhebliche Rolle. Ich muss zugeben, ich war damit ein bisschen überfordert. Mag aber an meinem mangelnden Orientierungssinn liegen.
Aber damit auch genug gemeckert, das Buch ist wunderbar geschrieben, Die Personen sind schön dargestellt und die Aufklärung erfolgt strikt logisch. Von der Atmosphäre ganz zu schweigen. Es macht einfach Spaß Dr. Fell bei seinen Mäandern zuzusehen. 82°

25.01.2008 08:33:38
mase

Wieder eine herrliche Abwechslung zum Krimi-Alltag. Feiner Humor, schöne gepflegte Sprache und ein sehr intelligenter Plot der dem Leser die Täterfindung in diesem Whodunit schwer macht. Es ist einfach ein Genuss, zwischendurch zurück zu den Wurzeln des Krimigenres zu gehen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Schade, dass heute nicht mehr so geschrieben wird.

26.12.2006 18:22:51
Tanja

Meiner Meinung nach ist John Dickson Carr einer der besten Kriminalautoren der Welt gewesen. Ich finde es sehr schade, dass seine Bücher teilweise sehr unbekannt sind und auch nicht mehr gedruckt werden. Denn sie verdienen es gelesen zu werden. Ich finde dieses Buch sehr spannend und auch unterhaltsam, doch mit dem Buch ´Die Schädelburg`hat er sich selbst übertroffen.
Also lest lieber ältere und unbekanntere Bücher von John Dickson Carr, als solche einfallslose Bücher wie Puls oderA long way down.

27.04.2006 21:55:21
Rolf Wamers

Dieser frühe Dr. Fell-Fall hat mir nicht so gut gefallen. Allzu oft treibt Carr hier die Handlung nach dem Motto "Reim dich oder ich fress dich" voran. Alles ein bisschen wirr und zusammenhanglos. Da sind die zur gleichen Zeit erschienenen Sir Henry Merrivale-Bücher eindeutig besser.

08.12.2005 18:57:45
prof bienlein

Ich muss Sie leider enttäuschen, liebe Lauura, der gute Carr hat 1977 das Zeitliche gesegnet.
Das nur vorweg. Ich selbst habe das Buch auch gerne und mit der mir eigenen Begeisterung für das nebelverhangene London der dreißiger Jahre gelesen. Nach dem, wie mir die Figur des Dr. Fell vorher geschildert wurde, war ich dann aber doch ein bisschen enttäuscht, was die Schilderung seines Charakters betrifft. Rampole in seiner Dr.Watson-Funktion der beobachtenden Identifikationsfigur - er bleibt nun wirklich völlig blass! - hätte doch wirklich mit etwas mehr Liebe zum Details diesen skurrilen Detektiv schildern können. Wieviel Wortwitz und amüsante Persönlichkeitsschilderung gibt es dagegen z.B. bei Rex Stout!

16.09.2005 14:37:00
Lauura

Ich fand die Geschichte sehr gut!!Sie war gut geschrieben und formuliert!!Ich würde mal gerne wissen, ob so etwas wirklich einmal passiert ist!!Können sie mir das sagen??Auf jeden Fall sind sie ein echt guter autor und ich würde mich freuen noch ein Paar(1000)weitere Bücher von inen zu lesen!Mit freundlichen Grüßen Laura P.S. ich hoffe sie antworten mir schnell

BEHIND THE DOOR
Der Raum. Die Tat. Das Rätsel.

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