Tod im Hexenwinkel

Erschienen: Januar 1952

Bibliographische Angaben

  • New York; London: Harper, 1933, Titel: 'Hag`s Nook', Seiten: 291, Originalsprache
  • Rüschlikon: A. Müller, 1952, Titel: 'Das Zeichen im Brunnen', Seiten: 191, Übersetzt: Ursula von Wiese
  • Gütersloh: S. Mohn, 1961, Titel: 'Das Zeichen im Brunnen', Seiten: 188
  • Köln: DuMont, 1986, Seiten: 203, Übersetzt: Andreas Graf
  • Frechen: Delta Music, 2006, Seiten: 4, Übersetzt: Yorck Dippe

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Michael Drewniok
Medizin gegen Melancholie

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Student Tad Rampole, Sohn reicher Amerikaner und just auf der üblichen (wir schreiben das Jahr 1930) Bildungsreise durch das alte Europa, besucht in England auf Anraten seines Professors den berühmten Privatgelehrten und Amateurdetektiv Dr. Gideon Fell. Dieser residiert in Chatterham, einem pittoresken Flecken in der Grafschaft Lincolnshire, wo die Uhren irgendwann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stehengeblieben zu sein scheinen.

Die ländliche Idylle wird allerdings seit jeher getrübt durch die unweit des Ortes dräuende Ruine des alten Gefängnisses, obwohl es seit 1837 leer steht. Der alte Anthony Starberth, ein böser, bigotter, grausamer Mann, hatte es einst über dem alten Hinrichtungsplatz für Kapitalverbrecher und Hexen errichtet. Besonderes Grauen verbreitet der "Hexenwinkel"; dort stand einst der Galgen, und zu seinen Füßen ließ Anthony einst einen tiefen Brunnen graben, in den die Leichen der Gehängten geworfen wurden.

Ein bizarres Ritual 

Kein Wunder, dass es im Hexenwinkel umgehen soll! Anthony fühlte sich im Alter von den Geistern der von ihm Gemarterten verfolgt, und er endete mit gebrochenem Genick am Rande des verfluchten Brunnens. Seinen Sohn ereilte dasselbe Geschick, und seither starb kaum ein Starberth im Bett. Erst vor zwei Jahren raffte es Timothy unter mysteriösen Umständen dahin; obwohl er noch lebend aufgefunden wurde, weigerte er sich, seinen Mörder zu verraten. Sein Sohn Martin trat das Erbe an - und unterwarf sich damit einem bizarren Ritual, dessen Urheber Vorfahr Anthony ist: An seinem 25. Geburtstag muss das Oberhaupt der Starberth-Sippe des Mitternachts den Tresor im alten Büro des Gefängnis-Governeurs öffnen, die dort hinterlegten Dokumente lesen und dem Familienanwalt zum Beweis dieser Tat anschließend Bericht erstatten.

Jetzt ist Martin an der Reihe, ein großspuriger, aber ängstlicher Zeitgenosse, der wenig erbaut davon ist, sich dieser unheimlichen Pflicht zu unterziehen. Seine Nervosität ist berechtigt, denn als er von seinem schweren Gang nicht zurückkehrt, finden ihn Dr. Fell und der junge Rampole mit eingeschlagenem Schädel im Hexenwinkel. Da Vetter Herbert Starberth plötzlich verschwunden ist, hat der mit dem Fall betraute Chief Constable Sir Benjamin Arnold seinen Hauptverdächtigen. Dorothy, Martins Schwester, mag dies nicht glauben und bittet Rampole und Fell um Hilfe, die sich beide nicht lange bitten lassen. Der Mörder muss aus Chatterham stammen - es sei denn, man schließt sich der Meinung der braven Bürger an, dass der Teufel die Finger im Spiel hat, wofür sich tatsächlich diverse Hinweise finden lassen...

Die Bühne für den ersten Auftritt des Dr. Gideon Fell

"Tod im Hexenwinkel" ist nicht nur ein britischer Landhaus-Krimi der klassischen Art, sondern vor allem die Bühne für den ersten Auftritt des Dr. Gideon Fell, der in der Welt des Kriminalromans zu den ganz großen Amateur-Detektiven gehört. Dick ist er, ein weltfremder Gelehrter und fröhlich, aber trügerisch harmlos und mit einem scharfen, ganz im Hier & Jetzt beheimateten Verstand gesegnet, wie so mancher Lump zwischen 1930 und 1967 - so lange lief die Fell-Serie - zu seinem Leidwesen feststellen musste. Von den stützenden Stöcken verschwand rasch einer, der Doktor wurde etwas beweglicher - und impertinenter, denn Gideon Fell polarisiert Leser und Literaturkritiker nun seit einem Dreivierteljahrhundert als vorlauter, eingebildeter Besserwisser, der mit seinem immensen kriminalistischen Wissen knausert, um im Finale einen großen Auftritt vorzubereiten, mit dem er der Welt wieder einmal sein Genie unter die Nase reibt.

Heute ist es schwer zu entscheiden, ob die Zeitgenossen ähnlich dachten. Sie kannten nämlich womöglich noch Fells reales Vorbild: den grandiosen Gilbert Keith Chesterton (1876-1936), Menschenfreund, Sozialreformer, Journalist, Literat und als Schriftsteller selbst Vater eines unsterblichen Krimi-Helden, obwohl Father Brown nun wahrlich gar nichts Heroisches an sich hat (und dessen man sich nicht in seiner klamaukig-rührseligen Heinz Rühmann-Inkarnation erinnern sollte). Unerhört bekannt und beliebt war dieser Chesterton, der stets die guten Seiten des Lebens schätzte, ohne die dunklen darüber zu verleugnen: fürwahr die geeignete Blaupause für Gideon Fell. John Dickson Carr (1906-1977) war ein geborener Erzähler, der in seiner bald fünfzig Jahre währenden Karriere über 90 Romane unterschiedlichster Genres verfasste. Anno 1930 war er noch ein recht junger Mann, der sich die Arbeit ein wenig erleichtern wollte. Das heisst aber nicht, dass "Tod im Hexenwinkel" als ungelenkes Erstlingswerk gelten muss: Die Carrschen Qualitäten prägen bereits jetzt Handlung und Stil.

Carr und der Schauerroman

Die Fell-Romane sind pure Fiktion. Die Realität (in den späteren Bänden z. B. der II. Weltkrieg) werden zwar erwähnt, spielen aber nicht wirklich eine Rolle. Der Detektiv jagt seine Opfer stets in einem Winkel, der quasi jenseits von Zeit und Raum beheimatet ist. Carr liebte den (deutschen) Schauerroman mit seinen düsteren Burgruinen, verwunschenen Landsitzen und lauschigen Weilern, deren Bewohner von alten Flüchen, seltsamen Ritualen oder gar Gespenstern geplagt werden. Mit Chatterham treibt er es schon früh auf die Spitze: Hier befinden wir uns noch tief im 19. Jahrhundert.

Mit dieser völlig künstliche Kulisse muss sich der Leser anfreunden können, sonst wird er (oder sie) keinen Zugang finden. Gelingt es, verzeiht man dem Verfasser den geradezu überkomplizierten, einer nüchternen Betrachtung sicherlich nicht standhaltenden Plot und die ungelenk in Szene gesetzte und sichtlich der Konvention geschuldete Liebesgeschichte zwischen Tad und Dorothy. Denn die krude Vergangenheit der Starberth-Sippe und der wirklich Furcht erregende Hexenwinkel entschädigen voll und ganz für solche Schwächen. Daneben gibt's für den Hardcore-"Cozy"-Fan auch immer wieder Episoden, die schnurriges Landvolk mit ebensolchem Verhalten in den Mittelpunkt stellt.

Mit Talent und handwerklichem Geschick gesegnet

Heute können Carrs Dr. Fell-Romane wirksamer denn je als Medizin gegen Melancholie verschrieben werden. In seiner Welt gibt es keine Alltagsprobleme, die den nachgeborenen Leser betreffen und an die rezessive, trübselig stimmende Gegenwart erinnern. Das macht sicherlich den weiter anhaltenden Erfolg dieser ansonsten einer anderen, längst versunkenen bzw. nie existenten Welt entstammenden Werke aus. Da John Dickson Carr anders als z.B. Edgar Wallace oder (als beliebig herausgegriffenes zeitgenössisches Beispiel) heute Elizabeth George mit Talent und handwerklichem Geschick gesegnet war, lässt man sich gern von ihm in den Hexenwinkel, auf die Schädelburg, den ehrwürdigen Tower oder eine der vielen anderen Nischen entführen, in denen sogar der Träumer aus einem Sozialstaat, der sich in eine Bananenrepublik zu verwandeln beginnt, wenigstens eine Weile verschnaufen darf.

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