Knochenwald

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • München: Blanvalet, 2008, Seiten: 442, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Hervorragende Fortsetzung der Rungholt-Serie

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Nov 2010

München im Jahr 1392: Auf dem Andechser Berg werden lang verschollene Heiligenreliquien gefunden, woraufhin Papst Bonifaz IX. ein Gnadenjahr ausruft. Auch Rungholt pilgert vom fernen Lübeck nach München, wo er eine Woche zu verweilen und mindestens einmal vor den Reliquien zu beten hat, um die erhoffte Absolution zu erhalten. Doch bereits kurz nach seiner Ankunft nimmt das Schicksal seinen Lauf. In der Kirche auf dem Petersbergl kämpft sich Rungholt mühsam zum Opferstock vor als er von einem Dieb bestohlen wird. Dies will sich Rungholt natürlich nicht gefallen lassen und nimmt den Kampf auf, wobei er in dem folgenden Handgemenge einem herbeieilenden Priester versehentlich die Nase bricht und unverrichteter Dinge aus der Kirche geworfen wird.

Vor den Andechser Reliquien zu beten scheint für Rungholt kaum noch möglich, doch zum Glück hat seine Tochter Margot eine Idee. Beatrijs, die Frau des Goldschmieds Smidel, ist seit einigen Tagen verschwunden und da Smidel am Altar der Laurentius-Kapelle arbeitet könnte man wohl ein kleines Geschäft aushandeln: Smidel ermöglicht Rungholt den Besuch der Reliqiuen, wenn dieser seine Frau findet.

Rungholt willigt notgedrungen ein und nimmt die Ermittlungen auf, wobei er unverhofft Unterstützung durch seinen Kapitän Marek Bolge erhält, den ihm seine Frau Alheyd hinterher geschickt hat, da in Lübeck der Handel zur See momentan von Seeräubern verhindert wird. Rungholt und Marek kommen schon bald seltsamen Reliquien und Alchemistenkreisen auf die Spur, die sie letztlich zu den Mönchen im Kloster Andechs führt. Der Weg dorthin ist beschwerlich und geht geradewegs durch den geheimnisvollen Knochenwald, in dem Torfstecher erst vor wenigen Tagen zwei Leichen fanden. Ein Mann und eine Frau, die offensichtlich ermordet wurden. Sollte die Frau tatsächlich Beatrijs sein, über die Rungholt erfahren hat, dass sie angeblich einen Geliebten hatte? Doch hätte Beatrijs bei einer Flucht wirklich ihren jungen Sohn zurückgelassen?

Ein Hanser ermittelt im fernen Süden

Im dritten Teil der Rungholt-Serie wechselt Autor Derek Meister das Personal weitgehend aus. Nur Rungholt und Marek sind noch dabei, alle übrigen bisher bekannten Figuren wie beispielsweise Mirke, Daniel, Alheyd und Kerkring werden lediglich an wenigen Passagen kurz erwähnt. Dafür lernen wir endlich eine weitere Tochter Rungholts kennen, nämlich Margot, die ihren Vater zuletzt vor neun Jahren sah. Zum Glück, will man meinen, denn Rungholt ist jähzornig und grantig wie immer und so muss vor allem sein Schwiegersohn heftige Kritik einstecken. Utz Bacher ist Rungholt als Familienmitglied alles andere als willkommen, denn der offenbar mittellose Flößer versteht es kaum, sich und vor allem Margot ordentlich zu ernähren. Auch die spärlich eingerichtete Unterkunft ist Rungholt ein Dorn im Auge.

"Wenn es die Hölle nicht gibt,
bleibt die Furcht vor mir selbst."

Doch womöglich ist Rungholt nur deswegen recht schnell auf 180, da er selber kaum noch weis, wie er finanziell durchkommen soll. Sein Traum von einer eigenen Brauerei ist zwar endlich erfüllt, doch diese produziert kein Bier sondern ausschließlich Kosten und der Schiffhandel ruht ebenfalls seit geraumer Zeit. Zudem ist er nach einer anstrengenden, rund zweiwöchigen Reise in München angekommen, um durch großzügige Spenden und Gebete vor den Reliquien eine Absolution erteilt zu bekommen, was angesichts seiner Vergangenheit recht schwer werden dürfte. Und dann der verkorkste Auftakt: Erst quält er sich durch tausende andere Pilger, nur um aus der Kirche geworfen zu werden. Dann quält ihn sein fetter, von der Reise völlig wund geriebener Hintern und einmal mehr leiden die Leser/innen (wie schon bei Rungholts Zahnschmerzen im ersten Teil) bis zur Schmerzgrenze mit. Doch damit noch nicht genug, auch das dünne Bier will weder Rungholt noch Marek so recht munden.

Wie gewohnt schafft es Derek Meister, seine Leserschaft mit der ersten Seite ins Mittelalter zu katapultieren und liefert einen hervorragenden historischen Roman, der zudem die beiden bisherigen Abenteuer Rungholts kongenial fortsetzt. Den fetten, jähzornigen, von jetzt auf gleich aufbrausenden Kaufmann muss man einfach lieben. Wer das Buch liest, wird sich anfangs vielleicht wundern, dass Rungholt des Öfteren trüben Gedanken nachhängt und an seinen womöglich in naher Zukunft bevorstehenden Tod denkt; daher sein Wunsch nach Absolution.

Doch zur Beruhigung: Einmal mehr ruft Derek Meister seine Leserinnen und Leser in seinem Nachwort dazu auf, Rungholt auch bei seinem nächsten Abenteuer zu begleiten. Dieses wird unter dem Titel Todfracht wieder in Lübeck spielen und (voraussichtlich) ab April 2009 erhältlich sein.

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