London Undercover (Ein kalter Hauch im Untergrund)

  • Piper
  • Erschienen: Januar 1997
  • 2
  • New York: St. Martin´s Press, 1991, Titel: 'A cool breeze on the underground', Seiten: 281, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 1997, Titel: 'Ein kalter Hauch im Untergrund', Seiten: 273, Übersetzt: Ulrich Anders
  • Berlin: Suhrkamp, 2015, Seiten: 369, Übersetzt: Conny Lösch
London Undercover (Ein kalter Hauch im Untergrund)
London Undercover (Ein kalter Hauch im Untergrund)
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Andreas Kurth
75°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2010

Sex, Drugs and .... books

Neal Carey wurde schon als Jugendlicher zum verdeckten Ermittler ausgebildet. Er hat allerdings ein großes Ziel – er möchte Professor für englische Literatur werden. Dennoch wird er immer wieder von der privaten Organisation "Friends of the Family" mit Aufträgen versorgt – und führt sie aus, denn die Friends haben ihn ausbilden lassen und finanzieren jetzt sein Studium. Und so wird Neal gezwungen, das Studium für längere zu unterbrechen, um über den Atlantik nach London zu reisen. Dort soll er die Tochter eines amerikanischen reichen Politikers suchen, damit sie bis zum Nominierungsparteitag in den Staaten ist. Schließlich will Daddy der nächste Präsident der USA werden. Das Vorhaben gestaltet sich schwierig, das Mädchen möchte nicht gefunden werden – und für Neal gibt es kaum brauchbare Anhaltspunkte, wo er sie auftreiben könnte. Aber nun zeigt sich, dass seine gründliche Ausbildung die entsprechenden Früchte trägt. Überaus kompliziert und dramatisch wird es, als sich der Verdacht bestätigt, dass aus eigenen Reihen vehement gegen Neal und die Erfüllung seines Auftrages gearbeitet wird.

Debütroman unter neuem Titel

Mit London Underground hat der Suhrkamp Verlag den ersten Roman von Don Winslow wieder aufgelegt, der 1991 unter dem Titel "Ein kalter Hauch im Untergrund" erschienen ist. Der Start der Reihe mit dem jungen Draufgänger Neal Carey unterscheidet sich – wenig überraschend – von den aktuellen Romanen des Autors, lässt aber gleichwohl schon sein Potenzial aufblitzen. Man sollte allerdings nicht den Fehler machen, die damalige mit der heutigen Schreibweise zu vergleichen – das führt nur zu Enttäuschungen. Der schnelle, harte Stil, den Winslow jetzt kultiviert, ist in diesem Roman noch nicht zu finden. Thematisch sieht das schon anders aus, es geht um Drogen, Verrat und akribische Ermittlungen. Besonders faszinierend fand ich natürlich den Büchersammler - und alles was damit verbunden ist. Derartige Anwandlungen dürften jeden Büchernarren begeistern.

Situationskomik und witzige Dialoge

Dabei gestaltet Don Winslow den Plot nicht nur spannend, sondern lässt auch Platz für genügend humorvolle Einsprengsel. Situationskomik und witzige Dialoge lockern die Handlung auf, sorgen in aller Regel aber auch dafür, dass die Geschichte weiter vorangetrieben wird. Die Reihe um den jungen Draufgänger Neal Carey hat Don Winslow in der ersten Hälfte der 90er Jahre geschrieben, also lange bevor er in Deutschland einem größeren Publikum bekannt wurde. Die Bücher waren bislang wohl vor allem antiquarisch zu bekommen, jetzt gibt es eine neue Übersetzung des ersten Buchs, und dabei wird es wohl nicht bleiben. Winslow-Fans, und davon gibt es ja nicht wenige, werden hier sicher zugreifen, und sie werden keineswegs enttäuscht – unter Berücksichtigung der bereits geschilderten Einschränkungen. Allzu genaue Vergleiche mit aktuellen Büchern des Autors sind eben nicht angesagt.

Vom jungen Stromer zum Privatdetektiv

Breiten Raum nimmt in diesem Serien-Auftakt die Geschichte des jungen Neal Carey ein. Aus einem ziemlich verwahrlosten Kind formt sein Mentor Joe Graham mit schier endlosem Training und viel Geduld einen Privatermittler, der mit so ziemlich allen Wassern gewaschen ist. Carey ist in diesem ersten Buch zwar nur zarte 23 Jahre alt, aber er hat bereits ein Jahrzehnt an akribischer Ausbildung und erste kleine Einsätze hinter sich. Die Mission in London setzt Graham auch gegen Widerstände in der Organisation durch, weil er Carey einfach für am besten dafür geeignet hält. Die Absicht, beim Wahlparteitag eine intakte Familie des Senators zu präsentieren, kommt nicht wirklich überraschend. Sehr wohl aber das gesamte Umfeld der Aktion, über das ich hier allerdings aus dramaturgischen Gründen nichts verraten werde. Neal Carey stellt in der britischen Hauptstadt bemerkenswerte Überlegungen an, um den möglichen Aufenthaltsort von Allie Chase einzugrenzen. Er kommt schrittweise voran, und muss schließlich alles aufbieten, was er jemals gelernt hat, um bei dieser heiklen Mission nicht selbst Schaden zu nehmen.

Der Plot entwickelt eine ganz eigene Faszination

Das Buch ist vor einem Vierteljahrhundert geschrieben worden, aber das merkt man nur daran, das Internet und Handy keine Rolle spielen – diese modernen Kommunikationsinstrumente gab es noch nicht, jedenfalls nicht in der heutigen Verbreitung. Neal ist in London also wirklich auf sich gestellt, ohne ständige Verbindung zu seinem Mentor. Don Winslow versteht es auch in seinem ersten Roman schon, den Leser mit der Geschichte zu fesseln. Auch wenn zunächst die Vorgeschichte von Neal Carey breit ausgewalzt wird, entwickelt der Plot eine ganz eigene Faszination. Das von seinen Subkulturen geprägte London kommt ganz anders daher, als man es heute erleben würde. Der Winslow-Erstling ist spannend, lesenswert und lässt den Leser voller Vorfreunde auf die Fortsetzung der Reihe zurück. Im April soll bereits mit China Girl, der zweite Fall von Neal Carey, auf den deutschen Buchtischen liegen.

London Undercover (Ein kalter Hauch im Untergrund)

Don Winslow, Piper

London Undercover (Ein kalter Hauch im Untergrund)

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