Kismet

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2001, Seiten: 264, Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 2002, Seiten: 264, Originalsprache
  • München: Süddeutsche Zeitung, 2006, Seiten: 186, Originalsprache

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Peter Kümmel
Mein Lesehunger verlangt schon nach mehr Kayankaya

Buch-Rezension von Peter Kümmel Jul 2003

Ort der Handlung ist Frankfurt am Main. Dafür, dass ihm der brasilianische Gastwirt Romario ab und zu eine warme Mahlzeit spendiert, hilft ihm der Detektiv Kemal Kayankaya gemeinsam mit seinem Freund Ernst Slibulsky, als dieser um Schutzgeld erpresst wird. In einem Schrank versteckt warten sie auf die Erpresser, die sehr brutal vorgehen. Eigentlich wollten sie den beiden weißgepuderten schweigsamen Gestalten, die wenig später erscheinen, nur ein wenig Angst einjagen, doch alles läuft ganz anders als geplant. Die Gangster eröffnen sofort das Feuer, Kayankaya und Slibulsky schießen zurück. So bleiben die Erpresser als Leichen zurück und werden im Wald verscharrt. Romarios Restaurant fällt noch in der selben Nacht den Flammen zum Opfer.

Da Kayankaya nicht annehmen kann, dass die "Armee der Vernunft", wie die Erpresserbande sich nennt, den Vorfall auf sich beruhen lässt, macht er sich an die Arbeit, herauszufinden, woher die beiden kamen. Das Auto der Toten führt ihn auf die Spur des Suppenfabrikanten Ahrens, wo er bei seinem ersten Besuch kräftig Prügel einstecken muß. Eine weitere Spur führt ihn nach Offenbach in ein kroatisches Restaurant. Und auch dort geht es für Kayankaya nicht ohne körperliche Schäden ab.

Mit weiteren brutalen Schlägern hat er es in einem Asylantenheim zu tun. Dort trifft er das kroatische Mädchen Leila, die ihm offiziell den Auftrag erteilt, ihre Mutter zu suchen, die ebenfalls Kontakt zu der Verbrecherorganisation hat.

Das Umschlagsfoto zeigt eine typische Perspektive von Mainhattan. Rechts ein Banken-Wolkenkratzer, konträr dazu links eine rote Leuchtreklame in Herzform, was die Gegensätze der Stadt Frankfurt sehr schön symbolisiert und einen Einblick in die Atmosphäre gibt, in der dieser Roman spielt. Mit dem Bankenviertel kommt der Held der Geschichte zwar nicht in Berührung, dafür bekommt der Leser aber einen unverblümten Einblick in die Niederungen des Frankfurter Bahnhofsviertels. Und wer Frankfurt ein wenig kennt, kann sich - auch, wenn er nichts mit dem geschilderten Milieu zu tun hat - schon recht gut in das Geschehen hineinversetzen. Zumindest besser als bei einem Kriminalroman, der in Amerika oder England angesiedelt ist.

Mit Raymond Chandler wird Jakob Arjouni verglichen, mit dessen Protagonisten Philip Marlowe sein deutsch-türkischer Detektiv Kemal Kayankaya. Und dieser Vergleich ist absolut treffend. Im besten Erzählstil früherer amerikanischer Detektivgeschichten, doch nicht imitierend, aber immer mit einem zwinkernden Auge, schildert Arjouni die Erlebnisse eines Großstadt-Detektivs, der mehr einstecken muß als er austeilt, mit seiner provokanten Art kein Fettnäpfchen auslässt, sich dabei aber immer gerade so über Wasser hält. Mit Kayankaya hat Arjouni eine Figur geschaffen, die Leben in die Handlung bringt und die Sympathien der Leser auf sich zieht. Daß er es mit dem Gesetz nicht immer ganz genau nimmt, tut dem keinen Abbruch. Doch auch dessen Freund Ernst Slibulsky, ehemaliger Kleinganove und jetziger Eiscreme-Großunternehmer, wird ebenso detailgenau charakterisiert, so daß man auch ihn nicht mehr missen möchte.

Arjounis Schreibstil ist es, der dieses Buch so faszinierend macht. In Ich-Form aus der Sicht des Protagonisten humorvoll ironisch, teils sarkastisch erzählt kann man sich kaum vom Geschehen losreißen. Es bleibt auch kaum Zeit zum Luftholen, denn der Held stürzt förmlich von einer Actionszene zur nächsten. Und in den wenigen ruhigeren Teilen des Buches muß man sich einfach nur köstlich amüsieren, wenn Arjouni ablästert über Mobiltelefone, die Stadt Offenbach, CDU-Wähler, Ausländerhasser, Mercedes-Fahrer oder andere Dinge, die vielleicht dem einen oder anderen unter den Lesern ein Dorn im Auge sind. Kleine Kostprobe gefällig?

"Und da so ein Gerät wegen möglicher wichtiger Anrufe, für die man es ja nun mal angeschafft hatte, nur selten abgeschaltet wurde, zerriß einem, ob man dranging oder nicht, etwa alle zwanzig Minuten eine Tonfolge das Trommelfell, als sei Feuer augebrochen. Vielleicht hatte es mit einer unglücklichen Quotenregel zu tun, vielleicht beschäftigten sie bei der Entwicklung neuen Telefongeklingels Gehörlose. Oder der ganze Mobiltelefonlärm war eine Art Menschheitsversuch: Können wir fast jeden Über-ein-paar-hundert-Mark-im-Monat-Verfüger, unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht und Bildung, zu einem armen, sich selbst terrorisierenden Idioten machen? Soweit ich mitbekam, konnten sie."

Noch schöner die über drei Seiten gehende Beschreibung der Stadt Offenbach als Symbol für Marilyn Monroes häßliche Schwester, sofern sie denn eine gehabt hätte, mit der alleine man jedem echten Frankfurter (nein, ich bin keiner) eine Riesenfreude machen würde. Diese Metaphern und auch seine Dialoge sind einfach klasse geschrieben. Wenn Arjouni seinen Figuren Frankfurter Dialekt in den Mund legt, sieht man die Personen lebendig vor seinem Auge. Und bei soviel Witz und Geschwindigkeit ist man dann doch enttäuscht, wenn das Buch plötzlich zu Ende ist. Das soll jetzt nicht heißen, dass das Ende enttäuschend wäre. Nein, bietet es doch noch eine recht nette Pointe. Doch so hätte es gut und gerne noch ein paar hundert Seiten weitergehen dürfen.

"Kismet" ist zwar kein sehr tiefschürfender Roman, auch kein literarisch anspruchsvoller, doch bekommt man einen gewissen Einblick in das geschilderte doch sehr finstere Milieu von organisiertem Verbrechen und erkennt den Wahnsinn von falsch verstandenem Nationalismus.

Als Warnung für manch zartbesaitete Gemüter: Es geht schon recht ordentlich zur Sache. Schießereien sind ebenso ander Tagesordnung wie abgebrannte und in die Luft gesprengte Häuser sowie Bandenkriege mit jeder Menge Leichen. Vielleicht als einziger Kritikpunkt zu bezeichnen, dass es etwas zuviel Leichen gibt, um noch realistisch zu sein.

Absoluter Lesetip für alle, die sich für humorvoll geschriebene Action-Krimis begeistern können. Mein Lesehunger verlangt schon nach mehr Kayankaya.

Kismet

Kismet

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Letzte Kommentare:
30.11.2014 19:36:27
Anfangsverdacht

Da würde sich doch Raymond Chandler nachend im Grab auf die Schenkel klopfen wollen.
Vielleicht würde er auch denken, gute Güte ausgerechnet in Deutsch ist es da jemanden gelungen mich fortzuführen, zu erweitern und gleichzeitig auch zu ironisieren?
Sprache, Sätze als Genuß, Nachdenklichkeit und Brüller gleichzeitig.

09.04.2010 12:46:27
mase

Auf den Plot muss bei Arjouni nicht eingegangen werden. Der läuft bei der Kayankaya-Reihe immer gleich ab. Aus einem harmlosen Auftrag oder Gefallen rutscht der Privatdetektiv in ein riesengrosses, blutiges Schlamassel.

"Kismet" ist auch wieder ein grossartiger Krimi, bei dem wirklich jeder Satz sitzt und voll ins Schwarze trifft. Dialoge, Humor, Gewalt und soziale Misstände beschreibt der Autor quasi federleicht und man möchte gar nicht glauben, dass sich der Autor ernsthaft Gedanken beim Schreiben machen musste. So liest sich ein 100 Grad Krimi. Keine überflüssige Zeile, keine Langweile, viel zu lachen, was zum nachdenken und durchweg spannend.

18.07.2008 13:43:39
detno

Klasse Schreibstil, tolle Dialoge, dufte Typen sowohl bei den Guten als auch bei den Bösen.
Einziger Kritikpunkt von mir, der aber bisher keinen anderen Bewerter gestört hat: Mir kommt das "F-Wort" zu oft vor.

Aber das muss wohl am Milieu liegen (Vater Zille würde Milljöh sagen).
Da sich an dieser Stelle schon Schüler(innen) geäußert haben, gehört diese drastische Ausdrucksweise heute scheinbar schon zum Deutsch-Unterricht.
Und Spielverderber will ich nicht sein, zumal die kroalischen Ganoven mit ihrem Berliner Dialekt alles wieder rausreißen.
Dieser Roman bietet viel kurzweiligen Spaß!

20.06.2008 09:12:36
Marsab

Hey leute!

Kismet naja das hörspiel was wir dazu machen mussten, war spannend, aber zum lesenwürde ich es nicht empfehelen. Viel zu unübersichtlich. Außerdem hat dieser Jakob Arjouni viel zu ausführlich geschrieben. Deswegen wird es nach ner Zeit stinklangweilig.

Tschaubella

20.06.2008 09:10:21
Schlaaaaand

Das Buch haben wir im Deutschunterricht gelesen, unsere Klasse fand es sehr toll.
Da es nicht so lang ist, es ist kurz und knapp geschrieben, und der Autor fetzt mit seinen
coolen Sprüchen. Es hat uns erstaunt, wie er das Buch geschrieben hat. Also auf jedenfall ist das Buch zu empfehlen.
Das buch ist spannend, folgedessen ist es zu empfehlen.

mfg

20.06.2008 09:03:31
Kayankaya

der b-zweig is ganz klaa am lügen dat mus man einfach ganz klarr sehen.
aba das buch is unheimlich spannend und prickelnd. folgerichtig empfehlen wir das buch denen die handkäs lieben.
MFG

ahh

20.06.2008 08:59:55
B-Unit

der b-zweig is ganz klaa am lügen dat mus man einfach ganz klarr sehen.
aba das buch is unheimlich spannend und prickelnd. wir empfehlen das buch.
MFG

ahh

20.06.2008 08:54:47
Bzweig community

Wir haben dieses Buch auch im Deutschunterricht gelesen und mussten am Ende ein eigenes Hörspiel von uns abgeben. Dieser Krimi ist sehr abwechslungsreich und humorvoll geschrieben und es hat wirklich Spaß gemacht als wir ein Hörspiel draus machen sollten.Für eine Schulklasse ist das Buch sehr zu empfehlen aber auch für langweilige Regentage ist das Buch ein echter Langeweilevertreiber. Probieren geht über studieren. Also ran an die Buletten. MFG DER B-ZWEIG

16.02.2008 15:29:56
Jan

Kayankaya ist genau der richtige Gegenentwurf zu "mainstream-Ermittlern". Klasse die schnoddrige Sprache, die Schlagfertigkeit des Protagonisten und die detaillierten Milleu- und Personenschilderungen.

Nicht nur Kismet sondern alle 4 Kayankaya-Krimis sind absolut lesenswert. Mein persönlicher Favorit ist "Mein Bier" mit grandiosem Beginn (Kayankaya sitzt zu Hause und schreibt seine Fussball-Traum-Elf von Borussia Mönchengladbach auf).

04.12.2007 14:12:11
Mareike

''Kismet'' ist das 1. Buch was ich von Jacob Arjouni gelesen habe.
Doch es gefiel mir auf anhieb.
Er hat seine eigene Art etwas zuerzählen, Spannung zuerzeugen & mit seinem Humor den Leser zuverzaubern.
Das Buch ist großartig & es wird nicht mein letztes von ihm bleiben!

15.11.2007 20:17:27
Frank

Was ist denn hier los?
Pubertätspickel tragende Teenies laufen Amok..lustig.
Ich für meinen Teil wäre froh gewesen,wenn mein verknöcherter Deutsch Lehrer mir mal so etwas vorgesetzt hätte.
Natürlich ist auch Kismet wieder ein echter "Kayankaya".Lakonisch erzählt,witzig und jederzeit die Spannung haltend.Wer die "alten" Fälle mochte,kommt auch an "Kismet" nicht vorbei.

15.11.2007 20:03:22
Luni

wir mussten das buch auch im deutsch unterricht lesen, und es ist so das hässlichste was meine augen jemals zu lesen bekamen!!!
Es ist unrealistisch und langweilig.
Das ende ist wie anders zu erwarten komplettes anusgebrabbel!

30.11.2006 11:40:19
kira

wir mussten das buch im deutschunterricht lesen. es ist langweilig und unrealistisch. das ende ist unlogisch und zu plötzlich. der angebliche schwarze humor ist nicht vorhanden und die dialoge sind überhaupt nicht witzig, wie immer gesagt wird.

mfg

30.11.2006 11:38:44
Holmes

SO !!!!!!
Sie haben doch keine Ahnung von niveauvoller Unterhaltung (niveauvoll übrigens ohne "e" !)
Das ist einer der unlogischten Krimis , die ich gelesen habe !Wenn es einen Superlativ von unrealistisch gibt ,dann hätte er ihn verdient !
Ich frage sie :
Gibt es einen Menschen der alle Bonbons in GANZ Deutschland probieren kann?
Wenn sie mir zustimmen (NEIN !!!), dann sollten sie dieses Buch nicht lesen !
Und das ist nur ein Beispiel....
mfg

31.12.2004 14:17:18
b.neumann

Arjouni ist schön spaßig zu lesen. Ganz besonders witzig ist "Herr" Kayankaya besonders in für ihn bedrohlichen Situationen. Dann, wenn er auf der kräftemäßigen Verliererstraße ist, kann seine schnoddrige Witzigkeit kaum mehr geschlagen werden.
Dennoch: wie häufig ein seltsames Ende, ziemlich lust- und einfallslos.
Kismet ist m.E. auch eines seiner schwächeren Krimis, aber dennoch empfehlenswert!

24.12.2003 04:22:48
whitemouse/manu

yes, ich bin ein junkie, denn arjouni macht süchtig!!!!!!
wenn es denn tatsächlich den anspruchvollen krimi gibt, hier ist er....
sein serienheld kayankaya ist in seiner art einfach wunderbar.seine unkomplizierte,etwas schnoddrige und provokante verhaltensweisen machen ihn zum sympathieträger. die romane sind in der tradition amerikanischer detektivromane geschrieben und das verdammt gut
absolut empfehlenwert!!!!!!!!!!!!

08.10.2003 09:52:40
Rolf

Inhaltlich ziemlich hanebüschen, aber die Schreibe!!! Entweder man kanns oder man kanns nicht. Arjouni kanns. Sprachlich ein Genuss. Allererste Sahne. Als krimi-na ja.

01.09.2003 18:16:38
markus

hallo,

ich habe das buch im zusammenhang mit meiner d matura(abi) lesen sollen oder müssen ;)

jedenfalls zuerst habe ich mich gedrück es zu lesen, aber danach war ich froh es doch in die hand genommen zu haben.

teilweise makaber aber doch erfrischend real

das mit den zuvielen leichen kann ich nicht beurteilen, da ich im "sperrbezirk" nichts zu tun habe


im grossen und ganzen hat mir das buch sehr gut gefallen und ist nur zum weiterempfehlen

02.05.2003 19:55:29
Curly

Der Krimi ist wirklich gut. Ein bisschen zu viele Leichen, doch sonst gibt es keine Einwände.
Ich habe schon alle Arjouni Bücher gelesen, und kann sie nur weiterempfehlen. Jakob Arjouni ist meiner Meinung nach, einer der besten Autoren.

03.03.2003 18:11:14
peter funk

arjouni ist ein freund, den ich vor chandler und hammet kennengelernt und nach mehr bier aus den augen verloren hatte. als wir uns - kismet - wiedertrafen, standen die jahre zwischen uns. arjouni lässt kayankaya knietief durchs blut waten und ersäuft die treffenden alltagsbeobachtungen darin - der manierismus des spätwerkes. trotzdem lesen, aber erst nach den frühen sachen.

13.01.2003 19:20:42
Verena Heinz

Ich habe "Kismet" als erstes Buch von Jakob Arjouni gelesen, nachdem ich ihn bei einer Lesung in der Buchhändlerschule in Frankfurt/Seckbach und auf der Buchmesse erleben konnte. Ich kann diesen Krimi nur wärmstens weiterempfehlen (die anderen Kaynakaya-Romane übrigens auch), und das auch als Buchhändlerin.
Ein wunderbarer Kriminalroman, auf dessen Nachfolger nicht nur ich zu hoffen wage....

01.12.2002 19:04:13
ivana

Lieber Herr Arjouni,
ich komme aus Kroatien, und meiner Ansicht nach haben sie mein Land im "Kismet" sehr beleidigt. Es gibt soviele Tatsachen die nicht richtig und vor allem nicht wahr sind. Sie sollten keine Lügen schreiben- nur Warheit!

12.10.2002 11:35:41
Abdul Damja

Lieber Herr Arjouni,
sie haben mit Kismet meiner Ansicht nach einen modernen Klassiker der Kriminalliteratur geschaffen....und ich bin Buchhändler und weiss wovon ich spreche!
Schnelle Dialoge, eine "rauhe", lebendige Sprache und eine Story, welche an Tempo und Originalität kaum zu schlagen sein dürfte.
Hinzu kommt der ausgezeichnete, manchmal etwas dickaufgetragene Humor des Herrn Kayankaya.

Nebst wichtigen Themen wie Integration werden, so finde ich, politische- wie wirtschaftliche Themen angeschnitten, analysiert und subtil ins Geschehen eingefügt.

BRAVO!!!

Ein MUSS für alle die, die gute, nieveauvolle Unterhaltung schätzen.