Mord im Bergwald

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Jumbo, 2010, Seiten: 3, Übersetzt: Johanna Bittenbinder

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Andreas Kurth
Bauern und Soldaten – eine gefährliche Mischung

Buch-Rezension von Andreas Kurth Apr 2010

Die Debatte um einen fairen Preis für Milch hat ganz Deutschland bewegt – und auch die Bauern im Werdenfelser Land. Vor diesem gesellschaftspolitisch ebenso brisanten wie aktuellen Hintergrund entfaltet Nicola Förg den zweiten Fall ihres neuen Ermittlerduos. Irmi Mangold und Kathi Reindl von der Mordkommission in Garmisch-Patenkirchen sind dabei zwei höchst unterschiedliche Charaktere – obwohl sie ein vergleichbares Problem in ihrem Liebesleben haben: Beide haben eine Affäre mit einem verheirateten Mann.

Das bayrische Original Vitus Weingand transportiert mit einem Haflinger und einem Muli Setzlinge in die Schutzwald-Zone des Karwendelgebirges. Jetzt hat man ihn dazu verdonnert, sich von einer Freiwilligen-Truppe des Deutschen Alpenvereins helfen zu lassen. Eine pensionierte Staatsanwältin, ein Heilpraktiker mit Zopf, eine Grundschullehrerin und vor allem der neunmalkluge Sektionsvorsitzende des Alpenvereins – Vitus würde lieber alleine arbeiten, als mit dieser Truppe. Das Chaos wird jedoch erst komplett, als eine der Damen einen menschlichen Finger und ein Ohr findet – beides offensichtlich von Tieren angefressen.

Als schließlich die zu den Körperteilen gehörende Leiche gefunden wird, haben Reindl und Mangold einen neuen Fall am Hals, der es offenbar in sich hat. Am nächsten Tag meldet sich der Zeitsoldat Peter Fichtl, der eine Vermisstenmeldung aufgeben will. Die Polizisten trauen ihren Augen nicht, denn er gleicht dem Toten bis in die Haarspitzen. Es stellt sich heraus, dass es sich bei der Leiche um Fichtls Zwillingsbruder Pius handelt. Und damit beginnen die Ermittlungen der Kommissarinnen außerordentlich turbulent zu werden.

Bevor es schließlich zu einem dramatischen und durchaus überraschenden Finale kommt, präsentiert Nicola Förg ihren Lesern spannenden Einblicke in verschiedene Gemengelagen, die alle zum Mörder von Pius Fichtl führen könnten. Da ist zunächst die Bauernschaft, die mit radikalen Methoden gegen den sinkenden Milchpreis und damit verbundene Einkommensverluste kämpft. Pius Fichtl hatte dazu eine völlig andere Einschätzung als die Mehrheit seiner Berufskollegen. Er schloss sich dem vom Bund deutscher Milchviehhalter (BDM) organisierten Lieferboykott nicht an, weil er der Meinung war, das bringe nichts ein. Das machte in bei den Bauern der Umgebung nicht gerade beliebt. Irmi Mangold findet heraus, dass sogar ein so genanntes Haberfeldtreiben vor dem Fichtl-Hof veranstaltet wurde – eine Art bayrisches Femegericht. Und ihr Bruder, ebenfalls ein Landwirt, war sogar dabei. Nun muss sie in der eigenen Familie ermitteln, aber zu ihrer Erleichterung stellt sich heraus, dass ihr Bruder für die Tatzeit ein Alibi hat. Für andere Meinungsmacher unter den Bauern gilt das nicht, die so jedoch zu wichtigen Zeugen werden.

Von Meike, der schönen Verlobten des Ermordeten, erfährt Irmi Mangold nicht nur die Haltung, die Pius zum Milchlieferboykott hatte, sondern auch dessen Zukunftspläne. Er wollte die Milchwirtschaft aufgeben und statt dessen Bisons auf dem Hof züchten – sehr zum Missfallen der Familie, vor allem seines Bruders, der seine Pfründe schwinden sah.

Um den Bruder und dessen Alibi zu überprüfen, fahren Mangold und Reindl zur Kaserne der Gebirgsjäger – und prallen ab wie von einer Gummiwand. Das Militär macht dicht, will die mysteriösen Vorgänge um den Soldaten Fichtl intern klären. Die forschen Kommissarinnen lassen sich davon aber nicht abschrecken und nutzen unkonventionelle Wege, um ihre Ermittlungen doch voran zu treiben.

Und dann ist da noch Bernd Orlowski, der Vorsitzende der Alpenvereinssektion. Er ist mehrfach mit Pius Fichtl aneinander geraten. Einerseits konnte er schwer ertragen, das der jüngere Mann in vielen Punkten bezüglich der Probleme im Bergwald recht hatte. Andererseits hatte Orlowski ebenfalls ein Auge auf die schöne Meike geworfen – und war im höchsten Grade eifersüchtig. Und wie einer der Rädelsführer des Haberfeldtreibens wurde er zur Tatzeit in der Nähe der Fischbachalm gesehen, wo Pius getötet wurde.

Die Lösung des Falles bringt schließlich einige Überraschungen für den Leser, und soll selbstverständlich nicht verraten werden. Es ist der Hartnäckigkeit und dem unkonventionellen Vorgehen der beiden Kommissarinnen zu verdanken, dass der Mörder am Ende überführt wird – und sie retten dabei noch einem weiteren Beteiligten das Leben. Reindl und Mangold sind höchst sympathische Figuren, nicht zuletzt aufgrund ihrer allzumenschlichen Probleme im Alltagsleben. Reindl hat ein Verhältnis mit ihrem verheirateten Nachbarn, das sie nach einem Gespräch von Frau zu Frau mit ihrer Kollegin beendet – auch weil es ihren Alltag nicht mehr beherrschbar gemacht hat. Mangold ihrerseits hat eine Fernbeziehung zu einem verheirateten Mann, und muss neben dem beruflichen Alltag noch das Zusammenleben mit ihrem Bruder auf dem elterlichen Bauernhof aushalten.

Nicola Förg bietet ihren Lesern trotz des ernsten Hintergrundes genug witzige Dialoge an, um die spannende Lektüre auch zu einem Lesevergnügen zu machen. Die Vielzahl der Spuren, die die Kommissarinnen fast zur Verzweiflung treibt, mutet allerdings auch dem Leser einiges zu, vor allem weil es so hektisch vorangeht. Ein paar Seiten mehr, um hier und da einen Pfad weiter auszutreten, hätten dem Roman gut getan. Ein weiterer Minuspunkt ist, dass die Panikreaktion des Täters am Ende nicht erklärt wird und somit nicht nachvollziehbar ist – das turbulente Ende hat somit eine kleine, aber zu verzeihende Schwäche. Das mindert den Lesegenuss aber nur um Nuancen - man freut sich schon auf das nächste Abenteuer der findigen Kommissarinnen.

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