Das stille Gift

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Osterwold, 2016, Übersetzt: Michaela May, Bemerkung: gekürzte Ausgabe

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Andreas Kurth
Kranke Kühe und gierige Menschen

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jan 2016

Hein Miller wird mit Gülle bespritzt - und ihm fliegt ein Metallteil um die Ohren. Völlig verdreckt und mit dem Stück einer künstlichen Hüfte in der Hand stürmt der aufgebrachte Tourist in das Büro von Kommissarin Irmi Mangold. Die fühlt sich nicht zuständig, lässt aber immerhin das Metallteil untersuchen. Dabei kommt heraus, dass es sich um die künstliche Hüfte eines Landwirts handelt, der vor Jahren verschwunden ist. Kilian Schwaiger verlor damals seinen behinderten Sohn bei einem Unfall. Und seine Existenz war gefährdet, weil seine Kühe an einer seltsamen Krankheit verendeten. Schwaiger sah sich als Opfer einer Art "Agrar-Mafia". Die Kühe starben an Botulismus, infiziert durch verunreinigtes Futter. Veterinäre und Behörden leugneten jeglichen Zusammenhang, warfen vielmehr Schwaiger unsauberes Arbeiten vor. Der Bauer kämpfte, ging zu Demonstrationen, und verschwand plötzlich spurlos. Irmi Mangold und Kathi Reindl glauben nicht an Zufälle und beginnen mit ihren Ermittlungen - die sich als überaus kompliziert und gefährlich herausstellen.

Roman perfekt in ein aktuelles und brisantes Ober-Thema eingebaut

Nachdem es bei Scheunenfest schon um ein handfestes politisches Thema ging, hat sich Nicola Förg für den nächsten Fall ihrer zwei toughen Kommissarinnen Irmi Mangold und Kathi Reindl ein ebenso aktuelles wie brisantes Thema aus der Politik als Hintergrund ausgewählt. Die Erzeugung von Biogas aus nachwachsenden Rohstoffen ist ein hochprofitables Geschäft, solange es entsprechende Subventionen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gibt. Das führt zu regionaler Flächenknappheit, hohem Kostendruck bei nicht in diesem Sektor engagierten Landwirten - und im Roman zu kriminellen Machenschaften.

Der gut recherchierte Hintergrund ist dabei näher an der Realität, als mancher Großstadtbewohner ahnen mag.

Und so geht es hier nicht nur um Mord, sondern um Botulismus, das Herbizid Glyphosat, Biogas-Anlagen, Subventionen und vieles mehr. Nicola Förg hat offensichtlich gut recherchiert, und man spürt bei der Lektüre, wie sehr der Autorin das Thema am Herzen liegt. Das übliche Etikett "Regional-Krimi", oder wie vom Verlag auf das Buch-Cover gedruckt "Alpen-Krimi"; geht ausnahmsweise komplett an der Sache vorbei. Die Autorin hat ihren Roman perfekt in ein aktuelles und brisantes Ober-Thema eingebaut - was bei mir zu enormem Interesse bei der Lektüre geführt hat.

Bei allem Fakten-Reichtum eine fesselnde Kriminal-Geschichte

Die ganze Geschichte ist für Ermittler wie Leser gleichermaßen kompliziert und undurchsichtig. Es geht um viel Geld bei Schadenersatzklagen, um falsche Verdächtigungen, um Schuld und Vergebung. Aber auch um Zweifel und Eifersucht, um familiären Streit und einiges mehr. Nicola Förg fährt nicht nur viele Fakten auf, sondern auch große Gefühle. Die zuweilen geschilderte Schönheit der Landschaft tritt in den Hintergrund - angesichts der teilweise schweren Schäden, die durch Raubbau in der Landwirtschaft an Pflanzen, Tieren und damit auch an Menschen entstehen.

Bei allem Fakten-Reichtum ist Das stille Gift eine fesselnde Kriminal-Geschichte, in der die persönlichen Befindlichkeiten der Protagonistinnen immer wieder für neue Dynamik bei den Ermittlungen und so im Fortgang der Erzählung sorgen. Irmi denkt beispielsweise mehr als einmal darüber nach, wie es auf ihrem Hof zuginge, wenn ihr Bruder in ähnliche Schwierigkeiten käme wie Kilian Schwaiger. Sie grübelt sogar über den Sinn von Milchviehhaltung nach. Das scheint auch ein Grund für ihr besonderes Engagement in diesem schwierigen Fall zu sein.

Große Spannung, gute Dialoge und handfeste Protagonisten

Nicola Förg hat hier nicht nur einen spannenden Krimi geschrieben, sondern fast schon einen Wirtschafts- oder Politthriller - wobei diese Kennzeichnungen etwas zu hoch gegriffen wären. Aber das in langen Passagen recht kritische Buch soll den Leser ganz offensichtlich nicht nur gut unterhalten, sondern auch zum Nachdenken bringen. Neben den gewohnten Eigenschaften ihrer Romane - Spannung, gute Dialoge und handfeste Protagonisten - hat die Autorin hier einen großen Bogen geschlagen.

Das Buch ist fesselnd und informativ, man wird zu weiterer Lektüre über diese Themen eingeladen. Man könnte sogar meinen, Nicola Förg habe hier eine politische Streitschrift als Kriminalroman verpackt. Aber die überraschende Lösung im mehr als dramatischen Finale dürfte auch die ausgesprochenen Krimi-Fans zufrieden stellen. Insgesamt ein packendes, überaus lesenswertes Buch.

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