Die Niemandsstraße / Eine kleine Mordmusik

Erschienen: Januar 1956

Bibliographische Angaben

  • London: Hutchinson, 1954, Titel: 'No Man’s Street', Seiten: 210, Originalsprache
  • Bern : Alfred Scherz Verlag, 1956, Titel: 'Niemandstraße', Seiten: 200, Übersetzt: George Martin
  • Bern – München – Wien: Alfred Scherz Verlag, 1984, Titel: 'Eine kleine Mordmusik', Seiten: 158, Übersetzt: George Martin
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2017, Titel: 'Eine kleine Mordmusik', Seiten: 158, Übersetzt: George Martin

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Michael Drewniok
Böse Menschen kennen durchaus Lieder!

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2010

Im Arbeitszimmer seines abgelegen in London gelegenen Hauses liegt mit einem Dolch im Rücken Sir Edward Carstairs, ein berühmter, für seine Sachkenntnis bewunderter, aber ob seiner Unerbittlichkeit auch gefürchteter, ja verhasster Musikkritiker. ´Kommissar´ [im Original wohl korrekter: Inspektor] George Waller von Scotland Yard übernimmt den Fall, doch parallel dazu bittet die ehemalige Primadonna Sonja Rubinstein, die mit Edward eng befreundet war, den Privatdetektiv Horatio Green um Mitarbeit, gegen die Waller nichts einzuwenden hat.

 Die Zahl der Verdächtigen ist klein. An der Spitze der Liste steht Barbara, Edwards Schwester, die offen zugibt, den Bruder verabscheut zu haben. Peter, Edwards Neffe, hat dagegen ein Alibi. Ohnehin gibt es keinerlei Geldvermögen, sondern nur den Titel zu erben. Peter kann allerdings einen weiteren Feind seines Onkels namhaft machen. Kurz vor dem Mord wurde er Zeuge eines heftigen Streites zwischen Edward und dem Dirigenten Ernst Kalkbrenner. Außerdem bemerkte Peter, dass sein Onkel eine wertvolle Schallplatte an sich nahm, welche die einzige Aufnahme der Symphonie des Komponisten-Genies Max Brunner darstellt und seit dem Verbrechen verschwunden ist.

 Green muss feststellen, dass der Kreis der Tatverdächtigen weiter als ursprünglich gedacht zu ziehen ist. Als eine weitere Verdächtige den Mord gesteht, ist für Waller der Fall abgeschlossen. Für Green beginnt sich jedoch ein unerhört geschickt eingefädeltes Komplott abzuzeichnen, das so bizarr ist, dass dem Detektiv eine mindestens ebenso absurde Methode zu seiner Aufdeckung einfallen muss &

 Dauerbrenner "Mord im verschlossenen Raum"

 Türen und Fenster sind fest von innen verschlossen, doch trotzdem liegt im solchermaßen gesicherten Raum eine Leiche. Ein natürlicher Tod ist auszuschließen. Wer ist der Mörder, und wie hat er (oder sie) es gemacht? Generationen einfallsreicher Krimi-Autoren haben auf dem Fundament dieser Ausgangssituation literarische Feuerwerke gezündet, wobei nur die denkschwachen Vertreter ihrer Zunft Zuflucht zu faulen Tricks wie geheimen Gänge oder Zauberei nahmen.

 Die ´reine´ Form des "Whodunits" fand ihren Höhepunkt vor dem II. Weltkrieg. Ausgestorben ist der Rätsel-Krimi aber nie; er wurde zu einem Seitenarm des Stroms, der die Geschichte des Kriminalromans darstellt. Die Freunde dieses Subgenres mussten nicht verzagen, denn es gab stets genug Autoren, die sich um literarische Moden nicht kümmerten.

 Die heitere Seite des Mordes

 Die Niemandstraße ist zum einen ein später Nachzügler der klassischen "Whodunits" und zum anderen bereits das ironische Spiel mit dessen Regeln. Die kriminologische Ermittlungsarbeit wird mit der dem Leser wichtigen Detailfreude dargestellt; es gibt sogar eine Skizze vom zentralen Indiz, damit keinerlei Unklarheiten aufkommen. Alle Verhöre werden wortgetreu wiedergegeben, der Miträtsel-Faktor bleibt gewährleistet.

 Allerdings ist die schließlich enthüllte Auflösung ein deutlicher Hinweis darauf, dass man "Die Niemandstraße" als Krimi nicht gar zu ernst nehmen sollte. Groteske Verrenkungen der Logik haben zahlreiche Autoren unternehmen müssen, die sich gar zu einfallsreich ein Mordgespinst einfallen ließen, dem sie selbst nur noch mit Mühe und Not entkamen. Nichols setzt einem ohnehin humorreichen Geschehen höchstens die Krone auf. Dennoch ist die Tat möglich und die Auflösung deshalb logisch.

 Für einen Hauch von Realität sorgt die Einbeziehung der damals realen Weltteilung in West und Ost, die indes zu den weniger gelungenen Einfällen des Verfassers zählt. Wesentlich besser gelungen ist ihm dagegen das Personal des "Whodunit", dessen Gemeinsamkeit sich am besten unter das Adjektiv "übertrieben" fassen lässt: Vor allem charakterliche Eigentümlichkeiten werden überzogen, ohne übertrieben i. S. von lächerlich zu wirken: eine Kunst, die vor allem im englischen Krimi angenehme Verbreitung fand.

 Ein guter Mord gehört dazu

 Zu den Eigentümlichkeiten des "Whodunit" gehört es, dass die Behaglichkeit, die Ort und Figurenpersonal verströmen, durch eine Gewalttat nicht zerstört, sondern erst vollendet werden. Die Unbarmherzigkeit der realen Kriminalität wird durch das Genre gefiltert und gemildert. In "Die Niemandstraße" geht es nicht nur um Mord, sondern auch um mehrfachen und gemeinen Verrat. Daran werden sich freilich nach der Lektüre nur wenige Leser erinnern. Ihnen bleibt die wie schon erwähnt spektakuläre ´Auflösung´ des zentralen Verbrechens im Gedächtnis, und sehr wahrscheinlich haben sie recht damit.

 Wobei der deutsche Krimi-Freund vor zwei (bekannten) Dilemmas steht: Niemand kennt hierzulande die Romane von Beverley Nichols (die wirklich eine Neuentdeckung verdienen), und folgerichtig sind sie nicht nur schon vor sehr vielen Jahren (aber vollständig!) erschienen, sondern auch längst vergriffen und nur noch antiquarisch aufzutreiben. Dem ersten Umstand konnte durch diese Rezension hoffentlich einigermaßen abgeholfen werden, sodass der die Neugier des Fans geweckt ist, der sich die Mühe einer Suche die ja auch Freude sein kann und in diesem Fall ist anschließend gern macht.

Die Niemandsstraße / Eine kleine Mordmusik

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