Die Mordblume / Die Mondblume

Erschienen: Januar 1958

Bibliographische Angaben

  • London: Hutchinson, 1955, Titel: 'The moonflower', Seiten: 270, Originalsprache
  • Bern: Scherz, 1958, Titel: 'Die Mondblume', Seiten: 198, Übersetzt: Karin Holm
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1984, Titel: 'Die Mordblume', Seiten: 190, Übersetzt: Karin Holm
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2017, Titel: 'Die Mordblume', Seiten: 190, Übersetzt: Karin Holm

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Michael Drewniok
Kostbare Tropenblume weckt niedere Mordgelüste

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2019

Moreton Fallow, ein Dorf im südenglischen Dartmoor, schafft es selten in die Schlagzeilen. Aktuell gibt es jedoch zwei Neuigkeiten, die landesweit für Aufsehen sorgen: Aus dem Zuchthaus Princetown ist ein Mörder entkommen, der sich irgendwo im Moor verbirgt und womöglich braven Bürger/innen auflauert. Erfreulicheres erwartet man auf Candle Court, dem feudalen Anwesen, das Lavinia Faversham wie eine Königin regiert. Dort steht die ungemein seltene und kostbare Mondblume vor der Blüte. Unter beträchtlichem Kostenaufwand hatte Mrs. Faversham den Botaniker Hilary Scole in den Dschungel von Uruguay geschickt. 13 Samen der Mondblume fand er dort, bevor ihn eine schwere Krankheit zum Abbruch der Expedition zwang. Unterstützt von Obergärtner Wilburfoss konnte er sechs dieser Samen zum Keimen bringen.

Schöngeist Horatio Green, der sich als Privatdetektiv einen Namen gemacht hat, möchte die Mondblume blühen sehen. Kurz nach seiner Ankunft wird Mrs. Faversham erdrosselt in ihrem Bett gefunden; ihre wertvollen Juwelen sind verschwunden. Kommissar Waller von Scotland Yard ist ein alter Freund Greens und gern bereit, sich unterstützen zu lassen. Viel Arbeit wartet, denn sämtliche Bewohner von Candle Court sind verdächtig. Sohn Kenneth Faversham und Gattin Beryl haben die (Schwieger-) Mutter gehasst, weil sie ein grausames Spiel mit ihnen trieb und sie systematisch demütigte. Auch Scole, Rechtsanwalt Bernard Pusey, Gärtner Wilburfoss, seine verbitterte Ehefrau und Butler Ackworth haben keinen Grund, um die Hausherrin zu trauern. Pflegerin Sandra Wells hat Glück = ein ausgezeichnetes Alibi; außerdem wird sie nicht im Testament bedacht.

Waller und Green nehmen sich die Verdächtigen vor und sichten die Indizien. Eine klare Fährte zum Täter will sich nicht abzeichnen; stattdessen tauchen weitere Verdächtige auf. Horatio Green beginnt sich zu fragen, ob wirklich Rache und/oder Raub Mrs. Faversham den Tod brachten. Merkwürdige Ereignisse im Gewächshaus bestärken ihn in seiner Vermutung …

Schöne Blumen können hässliche Wurzel schlagen

Beherrscht ein Autor sein Handwerk, ist es nicht nur ein Genuss ‚zuzuhören‘, wenn er eine Geschichte erzählt. Ebenso gern lässt man sich auf die Spielchen ein, die er darüber hinaus mit seinen Lesern treibt. Beverley Nichols spinnt zwar ein eindeutig kriminelles Garn, doch gibt er dabei nicht einmal vor die Realität abzubilden. Stattdessen durchbricht er problemlos, was in Theater oder Film die „vierte Wand“ genannt wird - jene tatsächlich offene Seite, die sich zum Publikum öffnet.

Solche Seitenpfade schlägt der Autor ein, um ironische Späße einzuflechten, das Geschehen unverfroren durch allzu zufällige Ereignisse spannend aufzuwerten oder sein Spiel mit dem Genre selbst zu treiben. So wird Kapitel 2 auf folgende Weise unterbrochen: „Es gilt heutzutage als unmodern, wenn der Autor aus dem Rahmen seines Bildes herabsteigt und den Leser beim Arm nimmt, um seine Aufmerksamkeit auf diesen oder jenen Charakter zu lenken. Ich will jedoch das Wagnis auf mich nehmen, denn dies ist die letzte Gelegenheit für uns, das Bild als Ganzes zu betrachten.“

Genau das macht Nichols dann, und weil er es so elegant ankündigt, funktioniert der Einschub prächtig. „Eleganz“ könnte ohnehin als Motto über diesem Roman stehen, obwohl die geschilderten Ereignisse nicht selten hässlich sind. Nichols ist trickreich: Zwar hüllt er seine Geschichte in das Gewand des guten, alten = angenehm altmodischen Rätsel-Krimis, lässt sich aber nicht abhalten, uns statt der typischen, also niedlich verschrobenen Schar englischer Landadligen eine echte Teufelsbrut vorzustellen. Die Favershams sind sämtlich Widerlinge, was die ermordete Matriarchin ausdrücklich einschließt. Auch Freunde und Bedienstete hüten düstere Geheimnisse, ohne sich in den üblichen Witzeleien bzw. proletarischen Einfältigkeiten zu ergehen.

Feingeist spielt Schicksal

Horatio Green ist einerseits der genretypische Detektiv, d. h. scheinbar weltfremd, aber hierarchieübergreifend vernetzt, was ihm Zugang auch dorthin garantiert, wo man normalerweise ungern Fragen beantwortet. Green ist sanft und zurückhaltend, dabei klug und mit einer Sensibilität ausgestattet, die dem eher professionellen als raffinierten „Kommissar“ Waller abgeht, weshalb sich die beiden Ermittler gut ergänzen. (Die Übersetzung stammt aus einer Ära, als man gnadenlos eindeutschte, was sich eigentlich nicht eindeutschen lässt; Waller dürfte ein [Chief] Inspector sein.)

Die Ruhe ist zum einen echt, zum anderen (nützliche) Fassade, wie Green sich selbst in ruhigen Momenten eingesteht: Er liebt die Ermittlung als intellektuelle Herausforderung, obwohl er die Konsequenz - die entlarvten Täter kommen ins Gefängnis oder an den Galgen - lieber ausblendet; eine Diskrepanz, die Green zu schaffen macht.

Als Ermittler folgt Green seinem Instinkt mindestens ebenso eifrig wie seinen durch Erfahrung geadeltem Wissen: „Gewöhnlich haben große Männer - seien es nun Leuchten der Wissenschaft oder der Kriminalistik - den Ruf, dass sie ‚nie etwas dem Zufall überlassen‘. Mr. Green gehörte nicht zu dieser Schule: Er überließ vieles dem Zufall. Der Zufall war für ihn ein mächtiger Improvisator, dessen Melodien zu lauschen sich wohl lohnte.“ Dies sorgt für eine zusätzliche Spannung, die den Leser fesselt, der nie wirklich weiß, was Green herausgefunden hat, obwohl uns Nichols - als Whodunit-Autor hier ganz alte Schule - stets darüber in Kenntnis setzt, was der Detektiv sieht, hört und findet.

Spinnen im Netz

Candle Court ist kein Heim, sondern protzige Festung einer dysfunktionalen Familie, die es liebt einander zu piesacken und zu demütigen. „Reich“ ist kein Synonym für „vornehm“, macht uns Nichols klar, weshalb die Favershams zwar respektiert, aber nicht geschätzt oder gar geliebt sind. Ihr gesellschaftlicher Status hängt an ihrer Reputation. Ein Mörder in der Familie wäre das gnadenlose hierarchische Aus.

Dies muss man bedenken, wenn man sich wundert, wieso sich die Ermittlungen oft auch dort in die Länge ziehen, wo ein scharfes, klares Wort schnell Aufklärung brächte: Die Polizei ist Teil der Gesellschaft. Sie darf zwar fahnden, muss aber erhebliche Rücksichten nehmen - ein Manko, das Horatio Green nicht bremst, weshalb er zum Ärger von Waller oft mehr erfährt als die Polizei. Ebenfalls zeitgenössisch sind einige unangenehme Rassismen, die der Autor gar nicht als solche erkennt, was an ihrer unzweifelhaften Existenz nichts ändert, zumal sie für die Auflösung ‚notwendig‘ sind und diese dadurch ins Absurde ziehen.

Die Mondblume ist dagegen ein gelungener Einfall des Verfassers. Sie dient nicht nur als Symbol, das die Ereignisse quasi biologisch widerspiegelt, sondern wird auch zum Schlüssel für die Auflösung. Allerdings beginnt Nichols, der bisher so souverän Rätsel und Spannung geschürt hat, dann die Puste auszugehen. Interessant ist das Konzept, Aussagen und Indizien nicht als Kette, die zum finalen Knoten schürzt, sondern als Netz zu betrachten, dessen Maschen parallel ablaufende Ereignisse darstellen, die nur bedingt oder gar nicht miteinander verknüpft sind. Die Umsetzung ist kompliziert und dämpft die Stimmung, denn Nichols benötigt viele, viele Seiten, um nachträglich zu erklären, was sich abgespielt hat, nachdem der Mord an der alten Mrs. Faversham längst geklärt ist.

Fazit:

Im zweiten Band der Horatio-Green-Serie bietet Autor Nichols klassisches Krimi-Handwerk, in das er mit (zeitgenössisch) deutliche, zartbittere Gesellschaftskritik einfließen lässt. Der Plot weist mehrere Ereignisstränge auf, die final nicht auf einen Gesamt-Fall hinauslaufen; ein Konzept, das nur bedingt aufgeht, weil es die Auflösung verschleppt. Dennoch sowie aufgrund des (schön übersetzten) ironischen Grundtons ein unterhaltsamer Kriminalroman.

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