Die Fremde ohne Gesicht

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • London: Simon & Schuster Ltd., 2001, Titel: 'Faceless Strangers ', Seiten: 262, Originalsprache
  • München, Zürich: Piper, 2002, Seiten: 343, Übersetzt: Christian Rendel

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Michael Drewniok
Weiße Westen mit schmutzigen Flecken

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2009

Dr. Samantha Ryan, gerichtsmedizinische Gutachterin und Pathologin in der Universitätsstadt Cambridge, wird an den Schauplatz eines Mordes gerufen. Sophie, Gattin des Unterhausabgeordneten John Clarke, liegt gefesselt, nackt und erdrosselt auf ihrem Bett. Die Medien belagern den Tatort und belauern die ermittelnden Beamten. Ein Skandal liegt in der Luft, und vielleicht lässt sich den prominenten Beteiligten sogar quotenförderlich am Zeug flicken!

Zumal sich ausgerechnet Detective Sergeant Stanley Sharman für diesen Fall interessiert. Er ist ein ausgezeichneter Polizist, dessen Privatleben jedoch in Trümmern liegt. Außerdem hat er einen Drang zur beruflichen Selbstzerstörung. Gern würde ihn Superintendent Tom Adams deshalb kaltstellen. Er lässt ihm einen Fall weitab vom Clarke-Getümmel übertragen: Auf einer wilden Müllkippe wurde die Leiche eines Fixer gefunden, der sich hier den "goldenen Schuss" gesetzt hat.

Doch für Sharman deuten Indizien auf Mord hin. Er versichert sich der Unterstützung Sam Ryans. Gemeinsam beginnen sie – unterstützt von Sharmans Freundin, einer Prostituierten, sowie einem unternehmungslustigen Kunststudenten – inoffizielle Ermittlungen. Sie locken nicht nur einen völlig neuen Verdächtigen aus seiner Deckung, sondern stoßen auf Verbindungen zwischen der Toten auf der Müllkippe und der ermordeten Sophie Clarke. Hinter beiden Morde stecken Leute, die viel zu verlieren haben und wenig Rücksicht kennen. So wird aus der Suche nach der Wahrheit für Sam Ryan und ihre Mitstreiter ein Kampf ums Überleben, den einige Teilnehmer verlieren werden ...

Das Recht gilt nie für alle Menschen

Zwei Morde werden aufgeklärt: So lässt sich der Plot dieses vierten Abenteuers um die Pathologin Samantha Ryan zusammenfassen. Nichts Originelles also, aber spannend wird es doch – und dies nicht nur aus kriminologischer Sicht. Nicht die Indizien werden zum grundsätzlichen Problem. Die rasche Aufklärung wird durch interne Querelen verhindert. Wie die sprichwörtlichen Kesselflicker raufen Kriminalpolizei, Politik und Medien. Die Grenzen zwischen den Beteiligten verschwimmen. Die einen treiben Ehrgeiz und Profilsucht zur möglichst raschen Aufklärung, die anderen fürchten genau das, denn es gilt Tatsachen zu vertuschen, die kein gutes Licht auf manches nur scheinbar ehrenwerte Mitglied der Gesellschaft werfen.

Ein Prominenten-Mord ist kein einfacher "Fall", macht Nigel McCrery uns deutlich. Da werden  Seilschaften aktiviert, alte Gefälligkeiten eingefordert oder Rechnungen beglichen und Vertuschungsmanöver in Gang gesetzt. Wehe denen, die sich in dieser Schlangengrube nur als Ermittler sehen, die vor allem das Verbrechen klären wollen.

Reim dich, oder ich leim dich!

Diese Konflikte sind mindestens so spannend wie Sam Ryans und Stanley Sharmans unbeirrbarer Kreuzzug für Gerechtigkeit. Das ist gut, denn die Handlung wird mit ihrem Fortschreiten fadenscheinig. Die Verknüpfung des Clarke-Mordes mit dem Leichenfund auf der Müllkippe ist schon konstruiert genug. Dann bastelt McCrery noch eine gar schröckliche Brücke zum Grusel-Klischee Snuff-Porno, der sich hier publikumswirksam mit dem realen Balkan-Grauen der unmittelbaren Vergangenheit verleimen lässt.

Die vom Verfasser gelieferten Erklärungen überzeugen nicht. McCrery setzt den Plot endgültig mit einer Last-Minute-Entlarvung des Mörders in den Sand, die so unvermittelt wie lächerlich in Szene gesetzt wird. Glücklicherweise sind wir da bereits auf den letzten Seiten. Die bis dahin positive, weil spannend erzählte Story kann deshalb nur beschädigt aber nicht gänzlich zerstört werden.

Ermittler sind auch nur Menschen

Der britische Kriminalroman ist mit Recht bekannt für seine gelungene Mischung aus Spannung und Alltagsrealität. Keine Deduktions-Maschinen gehen hier heldenhaft & vollautomatisch ihrem Job nach, sondern Menschen, die sich gern selbst im Weg stehen, während sich Beruf und Privatleben ständig vermischen.
Samantha Ryan ist ein widerborstiger Charakter. Sie ist ein echtes Arbeitstier und gut in ihrem Job; fast zu gut, denn sie ist sich ihres Könnens durchaus bewusst und legt großen Wert darauf, fachlich ernst genommen zu werden. Freilich neigt sie zur Kleinkrämerei. Im Kriminalroman ist das ein wertvoller Charakterzug, sticht Sam Ryan doch deshalb so manches Indiz ins Auge, das die eher nach Dienstplan agierenden Kollegen übersehen.

Dank kann Dr. Ryan dafür nur selten erwarten: Genau wie im richtigen Leben schildert Autor McCrery ein Arbeitsklima, in dem Individualität unerwünscht ist bzw. sich dem hierarchischen Denken unterzuordnen hat. Missgünstig und neidvoll beobachten die Ermittler einander. Karriere machen vor allem Streber und Arschkriecher mit den ´richtigen´ politischen Verbindungen und guten Kontakten zur Presse. Privat leidet Sam Ryan noch immer unter den Nachwirkungen einer hässlich gescheiterten Liebesbeziehung mit Superintendent Tom Adams, mit dem sie jetzt zur engen Zusammenarbeit gezwungen wird und sich dabei für eine hässliche Fehde keineswegs zu schade ist.

Wirklich fähige Männer und Frauen fristen dagegen allzu oft ein frustriertes Berufsleben im Verborgenen. Stanley Sharman ist ein Quertreiber, der sich einfach nicht anpassen kann und will; ein ruppiger, ständig die Konfrontation suchender Polizist, der privat in eine bizarre Liebesgeschichte mit einer Nutte verwickelt ist, woraus er nicht einmal einen Hehl macht.

Die ständigen Streitigkeiten zwischen den handelnden Personen wirken keineswegs – auch hier ist McCrery lobenswert realistisch – katalytisch. Stattdessen zermürben sie und binden Energie, die besser in die Suche nach dem Mörder investiert werden sollte. Aber harmonisch ideensprühend funktioniert ein kriminalistisches Team halt nur in glatt gebügelten TV-Serien.

Die Silent Witness-Saga

Das kriminalistische Prozedere ist gut recherchiert und dort, wo es nicht diversen konstruierten Zuspitzungen zum Opfer fällt – der Bulle & die Nutte; also bitte, Mr. McCrery! – überzeugend in der Schilderung: kein Wunder, war der Verfasser (geboren 1953 in London) doch selbst neun Jahre als Polizeibeamter tätig. Als akademisch "Spätberufener" studierte er später in Cambridge (aha!), arbeitete dann für die BBC und entwickelte dort die Figur der Samantha Ryan. Sie sollte ihm Glück und klingende Münze einbringen, denn sie fand 1996 nicht nur ihren Weg ins Fernsehen, sondern wurde dort vor und hinter der Kamera außergewöhnlich sorgfältig und kundig in Szene gesetzt.

Silent Witness, eine Serie spielfilmlanger, lose verbundener Episoden, entwickelte sich umgehend zum Straßenfeger und wurde (bis 2004) mit Amanda Burton in der Rolle ihres Lebens (und ab 2004 in neuer Besetzung) fortgesetzt. McCrery setzte die Reihe ab 2005 nicht mehr fort, aber schon zuvor verfassten andere Autoren die Drehbücher, was dem Erfolg keinen Abbruch tat.

In Deutschland wurde Silent Witness ausgerechnet von RTL ins Programm aufgenommen und fiel dort lange wohl nur den hartgesottensten Krimifreunden auf. Auch den Büchern zur Serie war das Schicksal zunächst wenig hold, wurden sie doch in einem Verlag, der auf Reißbrett-Romane zu billigen TV-Serien spezialisiert ist, unter Wert verheizt. Im Taschenbuch erfuhren sie eine bessere Behandlung – eine Chance, die der Krimifreund nutzen sollte!

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