Eine Hand voll Asche

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • New York: William Morrow, 2008, Titel: 'The Devils Bones', Seiten: 320, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2009, Titel: 'Eine Hand voll Asche', Seiten: 348, Übersetzt: Elvira Willems

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Michael Drewniok
Rauchende Köpfe & rauchende Leichen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2009

Viel Arbeit und Aufregung warten auf Dr. Bill Brockton, Leiter des Anthropologischen Instituts der University of Knoxville im US-Staat Tennessee, der außerdem oft von der Polizei oder den Justizbehörden zu Rate gezogen wird, wenn es gilt, einer durch Verwesung oder anderweitig den normalen Untersuchungsmethoden der Kriminologie entzogenen Leiche das Geheimnis ihres Todes zu entlocken. Als Gründer der berühmt-berüchtigten "Body Farm", auf deren Gelände das Verrotten von Menschenkörpern studiert wird, ist er darin zum Meister avanciert.

Dr. Edelberto Garcia, der Medical Examiner von Knox County, bittet ihn um Rat in einem möglichen Mordfall. In einem ausgebrannten Autowrack wurde die Leiche von Mary Latham gefunden. Sie wurde womöglich von ihrem Gatten ermordet, doch das Feuer hat offenbar sämtliche Indizien vernichtet. Brockton entdeckt, dass die Frau schon Tage tot war, bevor sie verbrannte, was die Ermittlungsarbeit noch kompliziert, denn der Gatte hat für den in Frage kommenden Zeitraum ein ausgezeichnetes Alibi.

Zunächst als Gefallen beginnt Brockton Nachforschungen für den Strafverteidiger Burt DeVries. Er wurde von seinem Onkel alarmiert, nachdem dieser in der Asche seiner feuerbestatteten Gattin deren künstlichen Kniegelenke vermisste. Brockton soll klären, was in dem Bestattungsinstitut falsch gelaufen ist. Stattdessen kommt er einem anrüchigen aber lukrativen Betrug auf die Spur.

Schließlich wird Brockton von der Vergangenheit eingeholt. Im Vorjahr hatte ein alter Widersacher, der Gerichtsmediziner Garland Hamilton, erst seine Lebensgefährtin umgebracht und dann versucht, Brockton als Mörder zu diskreditieren (s. Bis auf die Knochen). Hamilton wurde gefasst und wartete im Untersuchungsgefängnis von Knox County auf seinen Prozess. Jetzt ist er entkommen und spurlos verschwunden; man muss damit rechnen, dass er seine noch offene Rechnung mit Brockton endgültig zu begleichen versucht …

Scheußlich genug gibt’s gar nicht

O tempora, o mores … Viele Jahre haben sie ihre wichtige und verantwortungsreife Arbeit im Schutze abgelegener Labors geleistet. Zum Vorschein oder gar ans Licht der Öffentlichkeit gerieten sie höchstens, wenn sie als Sachverständige vor Gericht geladen wurden, wo sie sich so lange mit komplizierten Fachausdrücken artikulierten, bis den Geschworenen die Köpfe schwirrten. Kaum zu glauben, dass ausgerechnet die Zunft der Gerichtsmediziner heutzutage regelrechte Medienstars hervorbringt.

Wie so oft verdanken sie ihren Aufstieg den Medien. In den 1990er Jahren wurde die ehemalige Polizeireporterin Patricia Cornwell mit ihrer Serie um die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta zur Bestseller-Autorin und folgerichtig zur Wegbereiterin unzähliger vom Erfolg des Themas ´inspirierter´ Schriftsteller. Bald wurden Film und vor allem Fernsehen aufmerksam. Spätestens der phänomenale Siegeszug der "CSI"-Serien und ihrer Nachzügler schufen dem jungen Sub-Genre ein solide zementiertes Fundament, auf dem – der Kreis schließt sich – auch die Sachbücher ruhten, mit denen mancher alte Forensiker-Kämpe sich seinen Teil vom Kuchen sicherte.

Leichen sind sexy

Zu ihnen gesellte sich 2004 William M. Bass, der zwei Jahre nach einer (ersten) Autobiografie mit seinem Co-Autor Jon Jefferson die Erfahrungen seiner langen Karriere lukrativ trivialisierte. Die Realität dient den Romanen um Dr. Bill Brockton als Vorlage. Sie wird primär dort variiert bzw. vereinfacht, wo es der Handlung dienlich ist. Da das Leben selbst bekanntlich die besten Ideen liefert, werden Bass die Einfälle für weitere Bände der erfolgreich gewordenen Serie sicher nicht ausgehen – für ihn ist quasi Alltag, was den lesenden Laien aus sicherer Entfernung angenehm gruselt.

Denn Leichen faszinieren, wenn man ihrem Anblick gefiltert durch bedrucktes Papier oder die Mattscheibe ausgesetzt wird. Das Interesse am toten Körper ist durchaus verständlich, da der Mensch neugierig ist und wissen möchte, was nach dem unausweichlichen Ende mit ihm geschehen wird. Die Begeisterung über die Leiche als Archiv aus Fleisch, Knochen & Blut, das Informationen über Leben und Tod buchstäblich speichert, wird noch gesteigert, wenn letzterer durch ein Verbrechen verursacht wird. Was Polizei und Justiz verborgen bleibt und den Mörder entkommen lässt, kann der Gerichtsmediziner womöglich dechiffrieren, weil er über die notwendigen Schlüsselkenntnisse verfügt.

Die realiter langwierige und langweilige Routinearbeit im Labor wird dabei gerafft bzw. unterhaltsam aufbereitet. Was eigentlich lange währt, bricht deshalb gern in Gestalt plötzlicher Geistesblitze über einen ohnehin latent genialen Dr. Brockton herein, der sich außerdem auf einen Stab ihm verbundener bis höriger Mitarbeiter und Zuträger stützt, die Recherche- und Laufarbeiten für ihn erledigen, der sich – zum Vorteil der Leserschaft – auf die zentralen Ereignisse konzentrieren kann.

Heißer Sommer in Tennessee

Für diejenigen Leser, die von einem Kriminalroman mehr als das Stochern in Leichen und Knochenresten erwarten, zeigt sich genau darin der Schwachpunkt. Eine Hand voll Asche ist ein Thriller ohne straff gespannten roten Faden. Gleich drei Plots sollen für Spannung sorgen, zwischen denen Hauptdarsteller Brockton ruhelos hin und her mäandert. Die Handlung zerfällt in Episoden, die nie wirklich zueinander finden. Sie werden durch die Figur des Dr. Brockton verklammert, der zwar in Gefahr gerät aber niemals den Boden unter den Füßen verliert. Seine inneren und äußeren Konflikte wirken aufgesetzt; sie berühren die recht langweilige Figur kaum. Die dramatischen Ereignisse folgen einschlägigen Klischees und sind niemals wirklich überraschend. Besonders missglückt ist die Wiederkehr des Garland Hamilton, der in einem plump inszenierten Finale wie eine literarische Altlast verklappt wird.

Die Lücken zwischen dem, was eigentlich eine stringente Handlung bilden sollte, füllt Autor Bass mit wissenschaftlich abgespeckten Vorträgen über sein Fachgebiet (s. o.) oder Auszügen aus dem Handbuch für den modernen Feuerbestatter. Im Anhang werden Zeichnungen des menschlichen Skeletts abgebildet, die wohl vor allem dem Leser die Lektüre eines Romans vorgaukeln sollen, aus dem er (oder sie) etwas lernen können. Stattdessen setzt Bass unverhohlen auf den Grusel- und Ekel-Effekt dieser Szenen und hofft, das Durchhängen der Handlung auf diese Weise zu übertünchen.

Wenn alle Stricke reißen, schiebt Bass einen Besuch auf Brocktons "Body Farm" ein. Die gibt es tatsächlich, und dort verrotten Leichen zum Nutzen von Forschung und Kriminologie unter freiem Himmel, in Tümpeln, Kofferräumen sowie überall dort, wo ihr Studium Rückschlüsse auf reale Todesfälle gestattet. Vor allem die Medien haben den Geisterbahn-Faktor dieses Ortes gierig aufgegriffen und ausgeschlachtet, aber auch William M. Bass, ihr Gründer, nutzt ihn, um die Werbetrommel für die Forensik zu rühren.

Sie mögen ihn trotzdem

Was macht die mittelmäßigen Brockton-Krimis so erfolgreich? Wahrscheinlich genau das: Sie erfüllen ihren Unterhaltungszweck ohne Ecken und Kanten, ohne Widerhaken, an denen ein auf feierabendliches Lektürevergnügen geeichter Leser hängenbleiben kann. Freundlich und flüssig spult der Verfasser seine Handlung ab, würzt sie mit gar erschröcklichen aber nie schockierenden Gruseleien und schmeckt das Ergebnis mit freundlich-unverbindlicher "buddy"-Atmosphäre ab, für die Büro-Inventar Miranda, Kumpel Art Bohanan oder Sohn Jeff zuständig sind. Auf diese bewährte Weise kann Jefferson Bass sein Garn geruhsam und vor allem noch lange weiterspinnen!

Anmerkung

Wer übrigens meint, Bass habe es übertrieben mit der Schilderung eines Bestatters, der seine tote ´Kundschaft´ wie Abfall in seinem Hinterhof stapelt, irrt gewaltig. Die Realität schlägt weiterhin jede Fiktion: Bass erzählt quasi nach, was die schockierte Polizei 2002 auf dem Gelände des Tri-State-Krematoriums im US-Staat Georgia entdeckte – ein Fall, der inzwischen u. a. für die TV-Serie "CSI Las Vegas" aufgegriffen wurde.

Eine Hand voll Asche

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Letzte Kommentare:
03.07.2011 20:55:09
Sarah_Ch

Ich habe für "Eine Hand voll Asche" ungefähr einen Tag gebraucht um es komplett zu lesen - also ein sehr gutes Buch.

Vom Schreibstil her ähnelt es den Vorgängern - eine spannende Geschichte, interessante Details zur forensischen Anthropologie und zu viele Details zu Stadt und Landschaft.

Die Entdeckung der vielen Leichen im Wald erinnerte mich an die in "Leichenblässe" von Simon Beckett. Mit dem Unterschied, dass diese hier, in "Eine Handvoll Asche" mir etwas realistischer erschien.

Gutes Buch, sehr empfehlenswert.

16.02.2010 19:46:04
Krimi-Tina

Bill Brockton ist ein vielbeschäftigter Mann. Eine Frau ist in ihrem Auto verbrannt und Dr. Brockton soll herausfinden, ob und wie lange sie zum Zeitpunkt des Feuers schon tot war. Zudem hat sein Anwalt und neuerdings Fast-Freund Burt De Vriess, der „Fiese“, Probleme mit der Asche seiner unlängst verstorbenen Tante Jean. Und dann bricht auch noch sein Erzfeind aus dem Gefängnis aus.
Nachdem mich der zweite Band der Serie um die Body Farm ein wenig enttäuscht hatte, haben bei diesem dritten Band die Autoren zu ihrer Form zurückgefunden. Ja, die Spannung könnte größer sein, die Fälle sind teilweise doch recht durchsichtig. Aber eigentlich stört das nicht so besonders, es macht einfach Spaß Bill, Miranda und seinem Freund Art beim Ermitteln und Untersuchen zuzusehen. Brockton lässt wie üblich kaum ein Fettnäpfchen aus und die Dialoge zwischen ihm und Art sind wieder von der bekannten lakonisch witzigen Art.
Wiederum sehr erfreulich

16.01.2010 22:41:04
Addicted-to-read

Als Anhänger von Forensik-Romanen freue ich mich über jede Neuerscheinung des Autorenduos B. Bass und J. Jefferson.
In dem hier rezensierten dritten Band reiht sich die Geschichte ohne Unterbrechung an den Vorgänger und steigt mit flottem Tempo und interessantem, mitreißendem Plot ein. Die Figuren werden immer facettenreicher und auch ihr Zusammenspiel gewinnt mit jedem Buch. Die forensische Arbeit wird sehr detailgenau beschrieben, jedoch so, dass es für einen wissenschaftlichen Laien durchaus noch verständlich ist. Auch der Humor, der durchaus etwas schwarz ist, macht dieses Buch für mich zu einer kurzweiligen Lektüre.

07.10.2009 09:58:52
tassieteufel

Im Gegensatz zu den 2 Vorängern beginnt dieser 3. Teil um Dr. Bill Brockton recht rasant u.spannend und schließt nahtlos an den 2. Teil an. Diesmal hat der Gründer der Bodyfarm es mit einem ausgebrannten Auto und einer darin befindlichen Leiche zu tun, schnell stellt sich heraus, das die Leiche schon einige Tage tot war, bevor sie im Auto verbrannte und die Polizei verdächtigt den Ehemann, außerdem bekommt Dr. Brockton von seinem Anwalt de Vriess eine Urne mit der Asche seiner Tante zur Analyse und der Inhalt scheint keineswegs aus menschlichen Überresten zu bestehen, was drauf hin bei den Nach-forschungen des Doktors beim betreffenden Kreamatorium zu Tage tritt, ist schlicht haarsträubend und als dann noch Garland Hamilton ausbricht, bei dessen Festnahme Bill Brockton im 2.Teil geholfen hatte, scheint das Chaos für den Doktor perfekt zu sein.
Und genau das ist auch ein wenig das Manko des Buches, für sich genommen wäre jeder Fall recht interessant, aber so springt die Geschichte zwischen der verbrannten Leiche, der Flucht von Garland Hamilton und der Krematoriumssache hin und her, ohne sich auf einen Schauplatz zu konzentrieren, immer wenn es bei einem Fall spannend wird, schwenkt die
Geschichte zu einem anderen Fall ab und auch die Auflösung aller drei Agelegenheiten verläuft eher unspekatkulär und viele Fragen bleiben offen.
Interessant wird allerdings wieder die forensische Arbeit geschildert, die dem Leser auf jeden Fall mit mehr Realitätsnähe geschildert wird, als man sie in TV Krimireihen wie CSI u. ä.
zu sehen bekommt, aber auch hier wäre etwas weniger mehr gewesen, manchmal sind die Ausführungen des Doktors über verbrannte Knochen etwas zu langatmig.
Gut gefallen hat mir aber wieder die Schilderung der Personen, Dr. Brockton und seine Assistentin Miranda sind sympathisch, aber auch mit Ecken und Kanten dargestellt und besonders interessant erschien mir Anwalt Burt DeVriess (der Fiese), der in diesem Teil doch tatsächlich auch menschliche Züge bekommt.

Fazit: fängt ganz spannend an, verzettelt sich aber dann zu sehr in Nebenschauplätzen, die zwar auch nicht uninteressant sind, aber kein Erzählstrang wird dadurch zu einem befriedigenden Schluß geführt, es fehlt einfach der rote Faden. Die forensischen Ausführungen,obwohl interessant und sicher auch realistisch geschildert, ufern an einigen Stellen zu sehr aus, was den Lesefluß ein wenig stört. Auch sollte man vorher zumindest den 2. Teil gelesen haben, weil sonst doch einiges unverständlich bleibt.