Trieb

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • München: Goldmann, 2009, Seiten: 671, Originalsprache

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Carsten Kuhr
Migranten, Gammelfleisch und pädophile Mörder

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Aug 2009

Zum nunmehr dritten Mal macht sich Kommissar Kalkbrenner im Einsatz des Berliner Morddezernats auf, einen Täter zu suchen. Alles beginnt damit, dass im legendären Hotel Ritz ein Mann erschossen wird. Der dort unter falschem Namen residierende Unternehmer gehört zu den geachtetsten Unternehmern der Stadt. Als Fleischfabrikant beliefert er mit seinen Konserven die ganze Republik. Doch was hat ihn dazu geführt, statt wie vorgesehen mit seinem Stiefbruder zum Hauptlieferanten nach Holland zu fliegen, ins Zimmer einzuchecken und eine Kugel einzufangen?

Die Spur führt zur Gammelfleisch-Mafia. Doch kaum scheint Licht am Ende des Tunnels aufzutauchen, da wird Kalkbrenner vom Fall abgezogen. Ein dringenderer Fall mit enormem Medieninteresse liegt an. Es geht um missbrauchte und ermordete Kinder. In der mehr als undurchsichtigen Szene der pädophilen Honoratioren stößt Kalkbrenner auf eine eisige Mauer des Schweigens. Die Kinder, zumeist vernachlässigte Migrantenabkömmlinge oder Wirtschaftsflüchtlinge, sehnen sich nach ein wenig Geborgenheit und Zuwendung. Und genau dies bekommen sie bei den solventen Herren. Eine Playstation, einen PC, dazu Essen, Drogen und eine warme Unterkunft - dass sie sich dafür bei dem Vaterersatz bedanken, ist doch eigentlich nur recht und billig. Wenn sie dann zu alt werden, müssen sie die extra angemietete Wohnung verlassen; Frischfleisch wartet.

Auf unterschiedlichen Wegen nähern sich der Polizist Kalkbrenner und der Journalist Sackowitz dem oder sollte man nicht eher sagen den Täter(n) an. In einem Sumpf von Korruption, Kindermissbrauch und unlauteren Geschäften verwischen sich gut und böse, Täter und Opfer, Schicksal und Verantwortung ...

Viele Baustellen in der Hauptstadt

Marcel Feige lässt seinen Kommissarius dieses Mal in eine Szene eintauchen, die nur zu oft verleugnet und missachtet wird. Die Welt der pädophilen besseren Herren, die in ihren Seilschaften eingebunden scheinbar unangreifbar ihren perversen Neigungen nachgehen, dazu Gammelfleisch, das verarbeitet und verkauft wird, und Kinderschicksale, das ist starker Stoff.

Schon bislang hat Feige in seinen Büchern immer ein Auge für soziale Missstände gehabt, hat von den ausgegrenzten Underdogs erzählt, von Migrantenschicksalen, Gewalt gegen Kinder und Frauen, Prostitution oder das organisierte Verbrechen thematisiert. Auch dieses Mal hat der Autor sorgfältig recherchiert und ist dabei auf eine Pädophilenszene gestoßen, die so wie beschrieben bekannt ist und von den Ämtern toleriert wird.

Vorliegend überfährt der Autor seinen Leser mit einem wahren Strauß an Themen. Das ist fast schon etwas zu viel, was er hier offeriert. Zwar gibt es nur ein paar wenige Morde, deren Auflösung ansteht, doch die Brisanz der Verbrechen an der Menschlichkeit wiegt diese mehr als auf.

Mit scharfem Blick für Situationen und Personen - die Beschreibung des Balzverhaltens in einem Tanzkaffee ist ein Hochgenuss an Beobachtungsgabe -, die einfühlsame Schilderung der Schicksale der heimatlosen Kinder und nicht zuletzt das Schicksal seiner beiden Erzähler, des Kriminalkommissars und des Journalisten prägen das Buch. Die Aufklärung des ersten Mordes gerät hier fast schon zur Nebensache, wenn alle Beteiligten verzweifelt versuchen, weitere Untaten an den Verletzlichsten unserer Gesellschaft, den Kindern zu verhindern. Vieles bleibt offen, das Finale wirkt fast ein wenig überhastet und das nach 671 Seiten, doch die Zeit der Lektüre verfliegt förmlich ob der Schicksale, die Feige vor unseren Augen ausbreitet.

Ergreifend, aufrüttelnd und spannend - so die Thriller des Marcel Feige.

Trieb

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Letzte Kommentare:
05.10.2009 16:46:27
Pela

Achtung! Dieser Roman, der doch so harmlos anfängt, hat einige Passagen, die verstören und selbst für hartgesottene Thriller-Gourmanden heftige Kost sind. Sensationell, wie Feige es schafft, mehrere Handlungsebenen nebeneinander im großen Moloch Berlin zu zeichnen, die überhaupt keine oder nur Sekunden dauernde Berührungspunkte haben. Selten übertroffen sein Stil, der die Sichtweise des albanischen Jungen Tabori, des einsamen Kriminalkommissars, des Journalisten und der post-egozentrischen Werbefachfrau und Mutter skizziert. Dieser Roman geht WIRKLICH unter die Haut, und am Ende fragt man sich, ob es das alles tatsächlich so geben mag. Und dabei bereits die furchtbare Antwort weiß. Ein Buch, das aufrüttelt und jeden Literatur- und Krimipreis rechtfertigt!