Märchenwald

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Ullstein, 2016, Seiten: 400, Originalsprache

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Andreas Kurth
Wenn der Horror in der Kühltruhe lauert

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jan 2016

Was für ein Alptraum für die vierjährige Ellie und ihren sechs Jahre älteren Bruder Max. Mitten in der Nacht steckt ihre Mutter sie vorsorglich in einen geheimen Schrank in der Küche. Als sie nach Stunden wieder heraus kommen, ist ein Blutfleck in der Küche - und die Kinder folgen der Anweisung ihrer Mutter, und versuchen in einer wahren Odyssee zu ihrem Großvater zu gelangen.

Zeitgleich wacht eine junge Frau in Berlin Mitte mit einer Amnesie auf, und wird von Männern, die sie offenbar kennen, bedrängt und verfolgt. Kommissar Paul Kalkbrenner und seine Kollegin Sera Muth werden unterdessen zu einem Einbruch mit tödlichem Ausgang gerufen, und dann zu einem merkwürdigen Leichenfund in einer kleinen Wohnung - damit beginnt für die beiden Ermittler ein Fall, der sie in tiefe menschliche Abgründe führt. Nur in kleinen Schritten offenbaren sich die unglaublichen Zusammenhänge - Muth und Kalkbrenner müssen einiges aushalten, bis sie das Rätsel schließlich weitgehend gelöst haben.

Grausame Geschichte spannend und lesenswert erzählt

Nachdem Martin Krist - alias Marcel Feige - den ersten drei Romanen mit Kommissar Paul Kalkbrenner einige Bücher außerhalb der Reihe folgen ließ, ging es vor zwei Jahren mit Engelsgleich weiter, Märchenwald ist bereits der fünfte Roman um den Berliner Hauptkommissar. Der Autor bewegt sich dabei auf gleichbleibend hohem Niveau, kann seine teilweise grausamen Geschichten spannend und lesenswert erzählen - was sich auch in den Bewertungen des Publikums auf der Krimi-Couch niederschlägt. Während sich so mancher andere Autor zunächst etwas warm schreiben muss, kommt Martin Krist von Beginn an richtig zur Sache, baut einen enormen Spannungsbogen auf.

Der Autor präsentiert dabei dem Leser drei Handlungsperspektiven, neben den Kindern und der Frau mit dem Gedächtnisverlust werden natürlich auch die Kommissare bei der Lektüre begleitet - und überall geht es enorm spannend zu. Es ist kein Roman für zart besaitete Seelen - Martin Krist hat so einiges an Brutalität und Grausamkeit seiner Protagonisten zu bieten. Für anrührende Momente sorgen allenfalls die zwei Kinder mit ihren Erlebnissen - doch auch die sind nicht spannungsfrei.

Zahlreiche Rätsel werden nur in kleinen Happen aufgelöst

Max ist ein recht pfiffiges Kerlchen, aber seine kleine Schwester steht ihm kaum nach. Naiver Kinderglaube, gepaart mit Mut und Zielstrebigkeit, machen die beiden Geschwister zu durchaus interessanten Protagonisten. Ein Teil der Spannung entsteht durch die Fragen, wie die zwei Kinder zu der verwirrten Frau und den Todesfällen passen - und ob sie ihr Ziel sicher erreichen. Die vielen Rätsel werden von Martin Krist nur in kleinen Happen aufgelöst. Irgendwann ahnt der Leser die Zusammenhänge, bis es ihm dann wie die sprichwörtlichen Schuppen von den Augen fällt.

Martin Krist ist für seine komplexen Geschichten bekannt, und das ist auch in Märchenwald der Fall - wobei zunächst die drei Perspektiven eher zusammenhanglos erscheinen. Zoe, die Frau mit dem Gedächtnisverlust, führt den Leser an wichtige Orte der Handlung. Der Autor hat einige Zufallsbegegnungen eingebaut, die bei aufmerksamer Lektüre wichtige Hinweise geben. Die junge Frau muss Schmerz und Verzweiflung ertragen, geht mehrfach über ihre psychischen und physischen Grenzen.

Ständige Wendungen sorgen für ordentlich Dynamik

Im Hauptstrang der Geschichte ermittelt Paul Kalkbrenner in einem Fall, der es wirklich in sich hat. Fast jede neue Erkenntnis wird konterkariert, die ständigen Wendungen sorgen für ordentlich Dynamik. Ich will nichts vorwegnehmen, aber Martin Krist rüttelt hier kräftig an den Nerven seiner Leser. Über den Realitätsgehalt möchte ich eigentlich gar nicht nachdenken - aber es hat solche Dinge ja schon mehrfach gegeben, also kann man es auch nicht in das Reich der Fabel verbannen. Höchst unappetitlich ist es auf jeden Fall. Es geht um Macht und Kontrolle, menschliche Abgründe in Kombination mit Geldgier. Zeitweise rangiert das Buch gar an der Grenze zum Horror-Roman.

Als Kontrast wird der Leser wieder mitgenommen in das Privatleben von Paul Kalkbrenner. Dabei wird einmal mehr verdeutlicht, wie schwierig es für einen engagierten Polizisten ist, sein Privatleben einigermaßen Familien-verträglich zu organisieren. Das ist nichts wirklich neues, aber durchaus immer wieder eindrucksvoll. Kalkbrenner ist eine ausgereifte Figur, seine Kollegin tritt in diesem Roman eher in den Hintergrund.

Ein explosives und durchaus überraschendes Finale

Die facettenreiche Geschichte zeigt, wie schnell das Vertrauen der Menschen zueinander missbraucht und zerstört werden kann. Und dass selbst Eltern keineswegs darauf bauen können, alles über ihre Kinder zu wissen. Martin Krist hat hier einen Plot erdacht, der zuweilen trügerisch dahin plätschert, um dann wieder neue Abgründe aufzureißen.

Märchenwald ist ein lesenswerter Thriller, der der durch seine Charaktere und die rätselhafte Geschichte zu fesseln vermag. Das Finale ist übrigens ebenso explosiv wie überraschend. Ich habe den Eindruck, Martin Krist fängt mit seiner Erzählung da an, wo manch anderer Autor schon aufgehört hätte. Perfekte Unterhaltung für ein verregnetes Wochenende - aber weder Frühstücks-kompatibel, noch als Bettlektüre geeignet.

Märchenwald

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Letzte Kommentare:
29.08.2016 17:09:21
leseratte1310

Mitten in der Nacht weckt die Mutter ihre Kinder und schließt sie in einen Wandschrank. Der 10jährige Max versteht noch was von „zum Opa gehen“. Dann ist Krach zu hören, ein Schrei der Mutter und danach herrscht Stille – bedrohliche Stille. Er tröstet seine 4jährige Schwester Ellie, indem er ihr erzählt, dass im Märchenwald immer alles gut wird. Nach einer Weile macht er sich mit Ellie auf den Weg zu seinem Großvater.
Unterdessen erwacht eine blutüberströmte Frau am Alexanderplatz und stellt fest, dass sie sich an nichts erinnern kann.
Paul Kalkbrenner und Sera Muth werden zu einem Einbruch gerufen, bei dem es einen Toten gibt. Kurz darauf gibt es noch einen Fall für die beiden Kommissare. Der Rentner Dieppe ist beim Essen gestorben und der Rettungssanitäter ruft die Polizei, weil einiges sehr merkwürdig ist.
Wer sich einigermaßen mit Märchen auskennt, der weiß genau, dass im Märchenwald nicht alles gut ist und diese Geschichte zeigt, wie eklig und gemein es sein kann.
Kurze Kapitel sorgen aus wechselnden Perspektiven sorgen für Spannung und Tempo. Die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Handlungssträngen bleiben lange im Dunkeln. Auch die Charaktere sind sehr authentisch beschrieben. Daher konnte ich die Ängste von Zoe gut nachvollziehen. Aber mein besonderes Mitgefühl hatten die Kinder, die auf ihrem Weg durch Berlin in schlimme Situationen geraten.
Dies ist inzwischen der fünfte Band um das Ermittlerteam Kalkbrenner und Muth. Sera Muth macht sich Sorgen um den Kollegen, denn der hat privat auch einiges wegzustecken. Seine schwangere Tochter zieht nach Paris und Paul, der so lange ein gespanntes Verhältnis zu Jessy hatte, leidet schon jetzt unter der Trennung. Dazu kommt, dass es seiner Mutter plötzlich richtig schlecht geht und seine Ex Ellen immer noch nervt. Da sich so viel um Paul dreht, kommt Sera dieses Mal ein wenig zu kurz. Auch dieses Mal sorgt der Journalist Hardy Sackowitz mit seinen Artikeln für Aufregung bei der Polizei.
Man sollte als Leser schon starke Nerven haben, denn wieder mutet einem Martin Krist einiges zu, und trauen sollte man sowieso niemandem.
Am Ende passiert dann sehr viel in sehr kurzer Zeit. Und nun weiß man, wie alles zusammenhängt und doch bleiben einige Fragen unbeantwortet.
Ein sehr spannender Thriller.